Jeder, der sich auch nur ein wenig für Uhren interessiert, kennt Girard-Perregaux. Aber wussten Sie, dass Girard-Perregaux Uhrwerke in-house entwickelt und herstellt? Und darüber hinaus Uhrwerkskomponenten aufwendig finissiert – ja sogar einfache Dreizeigeruhrwerke, die allein bis zu 10 verschiedene Oberflächen-Finishings aufweisen. Und war Ihnen bekannt, dass Girard-Perregaux in den 1970er Jahren das erste COSC-zertifizierte Quarzwerk (mit 32.768 Hz, einem Standard, der bis heute gültig ist) herstellte, 1999 ein einmaliges Mikrorotor-System erfand und mit dem Constant Escapement L.M. im Jahr 2013 ein Grundproblem mechanischer Uhren löste und damit die Uhrenwelt auf den Kopf stellte?

Wenn Ihnen das alles nicht neu ist, gehen wir gerne noch ein Stück weiter zurück in der Geschichte der Marke. Girard-Perregaux gewann bereits in den 1870er Jahren zahlreiche Chronometer-Wettbewerbe. Constant Girard legte so großen Wert auf die Präzision seiner Chronometer, dass seine Uhren die Chronometerwettbewerbe buchstäblich dominierten – und sein Sohn Gallet wurde später sogar Mitglied der Jury.

Man muss also erstmal zwei Tage in der Schweiz bei Girard-Perregaux verbringen, um so viele beeindruckende Details über die Marke zu erfahren, die uns bis dato nicht bewusst waren. Girard-Perregaux genießt zwar unter Kennern durchaus eine hohe Reputation, ist gleichzeitig aber auch die mitunter am stärksten unterschätzteste Marke der Schweizer Haute Horlogerie.

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Seit einigen Jahren arbeitet die Manufaktur intensiv daran das zu ändern und ihre historisch tief verwurzelte DNA für eine moderne Sammlerschaft zugänglicher zu machen. Innerhalb eines Jahres hat Girard-Perregaux vier neue Kaliber vorgestellt und – eine Premiere für die Marke – ein „Clous-de-Paris“-Emaille-Muster auf einer Weißgoldplatine realisiert.

Wussten Sie, dass Girard-Perregaux (das Unternehmen hieß damals noch Jean-François Bautte & Cie.) bereits 1820 erste Minutenrepetitionen in ihre Taschenuhren verbaute und 1867 die erste Drei-Brücken-Taschenuhr vorstellte? Der geballte Erfahrungsschatz reicht also weit zurück und kulminierte dieses Jahr in der Minute Repeater Flying Bridges mit Automatikaufzug.

Bei unserem Besuch trafen wir auch auf Béatrice Morelli, Chief Customer Experience & Marketing Officer und Claude-Daniel Proellochs, Head of Product Development, und sprachen mit ihnen über die Vergangenheit und Zukunft der Marke und erfuhren spannende Insights – auch, warum manche Uhrmacher bei Girard-Perregaux gelegentlich die Luft anhalten müssen.

Von den Anfängen in Genf zur Dreibrücken-Architektur im Jura

Die Ursprünge der Marke reichen bis in das Jahr 1791 zurück, als der Uhrmacher und Goldschmied Jean-François Bautte in Genf eine der ersten echten, vertikal integrierten Manufakturen ins Leben rief. Bautte vereinte unter einem einzigen Dach alle handwerklichen Disziplinen – vom Gehäuseguss über die Zifferblattgestaltung bis hin zur Fertigung kompletter Uhrwerke.

Der Markenname Girard-Perregaux entstand dann im Jahr 1856 nach der Hochzeit des Uhrmachers Constant Girard mit Marie Perregaux, der Tochter einer einflussreichen Uhrenhändlerfamilie aus Le Locle. Das Paar etablierte seinen Hauptsitz in La Chaux-de-Fonds, im Herzen des Schweizer Jura, deren Schachbrettarchitektur im 19. Jahrhundert speziell darauf ausgerichtet wurde, das helle Nordlicht optimal in den Atelierfenstern der Handwerker einzufangen. Girard-Perregaux erarbeitete sich rasch einen herausragenden Ruf bei den Chronometer-Wettbewerben des Observatoriums von Neuchâtel und gewann für seine Präzisionsuhren zahlreiche Auszeichnungen.

Was hat Bautte mit Girard-Perregaux zu tun?

Jean-François Bautte legte 1791 den Grundstein für das Unternehmen, das 1906 mit Girard-Perregaux verschmolz. Constant Girard-Gallet (der Sohn des Markengründers Constant Girard) kaufte das Nachfolgeunternehmen von Bautte (Maison Bautte / Jean-François Bautte & Cie). Er fusionierte das Genfer Traditionshaus von Bautte mit der eigenen Manufaktur Girard-Perregaux & Cie.

Die Vision von Constant Girard

Constant Girard verstand das Uhrwerk nicht als rein funktionalen, verborgenen Motor, sondern rückte es visuellen in den Vordergrund. In rund 30 Jahren Entwicklungszeit schuf er eine Werksarchitektur, die Mechanik symmetrisch und ästhetisch inszenierte. Bereits 1867 präsentierte Constant Girard-Perregaux auf der Pariser Weltausstellung ein revolutionäres Tourbillon mit drei parallelen Nickel-Neusilber-Brücken, dessen charakteristisches Dreibrücken-Design 1884 vom US-Patentamt geschützt wurde. Nur wenige Jahre später, im Jahr 1889, gewann Constant Girard-Perregaux auf der Weltausstellung in Paris eine Goldmedaille für seine uhrmacherischen Leistungen – allen voran für die Taschenuhr „La Esmeralda“ mit drei Goldbrücken.

Im Jahr 1906 erwarb wie bereits erwähnt Constant Girard-Gallet die historische Maison Bautte und führte beide Traditionshäuser am Standort La Chaux-de-Fonds zusammen. Auch im 20. Jahrhundert setzte die Marke wegweisende Akzente, die heute jedoch gelegentlich fehlinterpretiert werden: 1965 entwickelte Girard-Perregaux das erste kommerzielle mechanische Automatikkaliber mit einer Hochfrequenz von 5 Hz (36.000 Halbschwingungen pro Stunde).

Als Girard-Perregaux schließlich 1975 die Laureato als sportliche Luxusuhr mit integriertem Armband lancierte, tickte in ihr ein hauseigenes, Chronometer-zertifiziertes Quarzwerk, das weltweit erste. Was in der heutigen, stark auf traditionelle Mechanik fokussierten Uhrenwelt manchmal als Makel abgetan wird, war Mitte der 1970er Jahre eine technologische Speerspitze der Präzision.

„Bei ihrer Markteinführung ging die Laureato ihren eigenen Weg, und Girard-Perregaux hatte nicht die Absicht, eine Uhr zu entwerfen, die mit den Sportuhren von Patek Philippe oder Audemars Piguet hätte verglichen werden können. Damals stand sie vielmehr in direkter Konkurrenz zu Rolex“, sagt Béatrice Morelli, Chief Customer Experience & Marketing Officer. Damit baute die Marke auf einer Frequenzinnovation auf, die sie selbst geprägt hatte: 1971 definierte Girard-Perregaux den bis heute weltweit gültigen Quarz-Standard von 32.768 Hz.

Mit der Erfindung der „Constant Escapement L.M.“ und ihrer neu entwickelten Hemmung mit Silizium-Hauptfeder für eine konstante Kraftübertragung gelang dem Unternehmen im Jahr 2013 schließlich ein neuer technologischer Durchbruch in der Mikromechanik. Doch dazu gleich mehr.

Die Fertigung heute: Die Philosophie der integrierten Manufaktur auf allerhöchstem Niveau

Ein Besuch der Manufaktur in La Chaux-de-Fonds offenbart die konsequente Umsetzung des Manufakturgedankens. Während ein Großteil der Uhrenindustrie historisch auf das Établissage-System setzte, hält Girard-Perregaux bis heute an der Philosophie einer echten „integrierten Manufaktur“ fest. Anstatt massive Budgets in prominente Markenbotschafter zu investieren, fokussiert sich das Haus auf kleine Produktionschargen, eine immense Fertigungstiefe vor Ort und kompromisslose Handwerkskunst. Gelegentlichen Fragen zu den Preisen von Girard-Perregaux begegnet Béatrice Morelli, dass das Haus den inneren Werten der Haute Horlogerie weiterhin fest verpflichtet ist und sich dafür entscheidet, in erster Linie in seine uhrmacherische Kompetenz zu investieren – von Goldrotoren bis hin zu aufwendigen Handveredelungen –, anstatt in groß angelegtes Marketing.

In der Produktphilosophie ruht das Haus auf zwei zentralen gestalterischen Säulen, wie Claude-Daniel Proellochs, Head of Product Development, darlegt: der sportlich-eleganten Laureato von 1975 und der ikonischen Brücken-Kollektion seit 1867. Haute Horlogerie ist bei Girard-Perregaux kein Privileg der Großen Komplikationen; selbst ein einfaches Dreizeiger-Kaliber wird mit zehn verschiedenen Oberflächen-Finishings veredelt. Am skelettierten Kaliber GP9620 der Laureato Three Gold Bridges werden exakt 418 Fasen von Hand poliert, darunter 362 messerscharfe Innenwinkel, die sich maschinell nicht herstellen lassen.

Zudem entzieht sich Girard-Perregaux bewusst dem Trend zur künstlichen Verknappung oder der ständigen Überflutung des Marktes mit limitierten Zifferblattfarben. Stattdessen setzt man auf Kontinuität und eine enge Symbiose von Ingenieuren und Uhrmachern. Dass die Marke kürzlich vier neue Kaliber innerhalb nur eines einzigen Jahres vorstellte, unterstreicht diese lebhafte In-House-Expertise.

Und bei unserem Rundgang durch die Produktionsstätten wird das Zusammenspiel hochentwickelter CNC-Technologie und traditioneller Handarbeit sichtbar. Der Maschinenpark umfasst mehrachsige CNC-Profil-Dreh- und Fräsmaschinen, die unter streng klimatisierten Bedingungen betrieben werden, um Platinen und Uhrwerkkomponenten für die hauseigenen Kaliberfamilien der Marke herzustellen.

9 Stunden für eine Uhrwerksbrücke

Bei unserem Besuch in der Abteilung für Brückenherstellung und Werkteilkomponenten wird greifbar, wie Girard-Perregaux die Brückenarchitektur materialtechnisch interpretiert. In den aktuellen Kollektionen setzt die Manufaktur sowohl auf moderne High-Tech-Metalle wie Titan als auch auf klassische Edelmetalle wie Weißgold.

Die maschinelle Erstfertigung dieser Brücken zeigt deutliche Unterschiede bezüglich des Bearbeitungsaufwands. Titan (Grad 5) zeichnet sich durch geringes Gewicht und hohe Festigkeit aus, stellt jedoch durch seine elastische Zähigkeit extreme Anforderungen an die Bearbeitung. Die reine maschinelle Fertigungszeit einer einzigen Titanbrücke auf den in-house CNC-Anlagen beträgt zirka drei Stunden. Einen völlig anderen Aufwand erfordert die Herstellung von Brücken aus 18-karätigem Weißgold. Das schwerere Edelmetall neigt aufgrund seiner Gefügestruktur zu Mikroverformungen und erfordert daher ein deutlich langsameres Bearbeitungstempo. Die maschinelle Bearbeitung einer Goldbrücke nimmt daher zirka neun Stunden auf der CNC-Maschine in Anspruch.

Der technische Erfindergeist von Girard-Perregaux zeigt sich auch bei spezifischen Werkkonstruktionen: Ein Paradebeispiel hierfür ist eine bestimmte Mikrorotor-Konstruktion, die bereits 1999 von der Marke patentiert wurde. Entgegen konventioneller Bauweisen platzierten die Ingenieure diesen platzsparend unterhalb des Federhauses, um den ungetrübten Blick auf die Mechanik freizuhalten – ganz im Sinne von Constant Girards Leitsatz, „das Unsichtbare sichtbar zu machen“.

Das Constant Escapement von 2013 ist sicherlich eine der spannendsten Innovationen der letzten 25 Jahre. Es löst das Grundproblem mechanischer Uhren: den Verlust an Schwingungsweite (Amplitude) bei nachlassender Federkraft. Um dem entgegenzuwirken, hat Girard-Perregaux das eigentliche Herzstück der mechanischen Uhr, die traditionelle Schweizer Ankerhemmung, komplett neu durchdacht und aufgebrochen.

Entstanden ist ein faszinierender, wie ein Schmetterling geformter Mechanismus, der auf einem physikalischen Geistesblitz basiert, der dem Entwickler Nicolas Déhon bei einer Bahnfahrt Ende der 1990er Jahre kam, als er mit einer Fahrkarte in seiner Hand spielte. Er drückte die Karte zusammen und sie spannte sich in einem Bogen. Mit der anderen Hand drückte er gegen den Bogen bis die Karte in die andere Richtung sprang. Egal ob er die Karte langsam und vorsichtig bewegte, oder einen kraftvollen Stoß gab, ab einem gewissen Punkt sprang sie offenbar immer mit der gleichen Kraft um.

Und somit entstanden die ersten Konzepte für das Constant Escapement von Girard-Perregaux. Zwei Hemmräder arbeiten im Verbund mit einer hauchdünnen Klinge aus Silizium, die knapp über der Unruh platziert ist. Diese Klinge biegt sich präzise hin und her – vergleichbar mit dem rhythmischen Knicken einer Kreditkarte – und garantiert dadurch, dass zu jedem Zeitpunkt eine absolut gleichmäßige, konstante Energiemenge abgegeben wird.

Wenn Claude-Daniel Proellochs über das Constant bzw. Neo Constant Escapement spricht, gerät er regelrecht ins Schwärmen. Und das aus gutem Grund: Hinter dem revolutionären Mechanismus verbirgt sich eine 20-jährige Odyssee aus Forschung und Entwicklung. In unserem Gespräch erklärt Proellochs, dass das Constant Escapement in seiner Funktionsweise einzigartig ist. „Diese Uhr ist nicht „lediglich“ eine Ansammlung von Komplikationen, Zahnrädern und mathematischen Berechnungen, sondern sie verkörpert eine völlig neue Denkweise hinsichtlich der Funktionsweise einer Uhr, die es zuvor noch nicht gab. Ihre Entwicklung erforderte eine echte Erfindung, und genau das macht sie so unglaublich kompliziert.“ Wenn Sie mehr über diese technische Revolution erfahren möchten, lesen Sie gerne unseren ausführlichen Artikel hier.

Métiers d’Art in Le Locle: Zifferblätter von Donzé Cadrans

Ein besonderer Höhepunkt führt wenige Kilometer weiter nach Le Locle zu Donzé Cadrans. Das 1972 von Meisterémailleur Francis Donzé gegründete Atelier gehört heute zur selben Unternehmensgruppe (Sowind Group SA) wie Girard-Perregaux, Ulysse Nardin und Sigatec. In den Ateliers wird die Kunst des Grand Feu (Großfeuer-Emaille) gepflegt.

Dabei wird ein feines Gemisch aus Quarzsand, Potasche und Metalloxiden auf Trägerplatten aufgesiebt und bei 800 °C bis 1200 °C im Ofen verschmolzen. Wie Claude-Daniel Proellochs betont, erfordert selbst die Emaillierung von Weißgold-Platinen bei 800 Grad Celsius höchste Beherrschung, da Mikrorisse oder Farbverfälschungen das Werkstück augenblicklich unbrauchbar machen.

Neben monochrome Grand Feu beherrschen die Kunsthandwerker anspruchsvollste Techniken wie Cloisonné (mit Golddrähten von nur 0,05 mm Stärke), Champlevé, Flinqué sowie die Tampographie mit speziellen Emaillefarben.

Luft anhalten bitte

In den Abteilungen der Grand Complications gilt die Maxime: Alle High Complications – von komplexen Tourbillons bis hin zu Minutenrepetitionen – werden bei Girard-Perregaux komplett in-house entwickelt und montiert.

Hier arbeitet jeder Meisteruhrmacher nach dem Prinzip „Ein Uhrmacher, eine Uhr“. Der Herstellungsprozess einer Minutenrepetition erfordert ein Höchstmaß an Justierung und Einstellung im Rahmen eines schrittweisen Fertigungsablaufs: Montage der verzierten Bauteile (einschließlich Maß- und Positionskorrekturen sowie Nachbearbeitung), Demontage zur Reinigung, Endmontage.

Die Fertigung erfordert eine Handwerkskunst, die auf einer siebenjährigen Ausbildung beruht, die zu Beginn oft aus reinem Beobachten besteht. Nur sehr wenige Uhrmacher haben die Expertise, an High Complications wie der Minutenrepetition zu arbeiten. Bei Girard-Perregaux sind es derzeit drei Uhrmacher, die auch noch erstaunlich jung sind.

Die Montage dieser filigranen, unbeschichteten Komponenten ist derart empfindlich, dass die Meisteruhrmacher bei Girard-Perregaux während kritischer Arbeitsschritte die Luft anhalten. Nur so lässt sich verhindern, dass die Feuchtigkeit des Atems die Bauteile oxidieren lässt.

Gekonnte Haute Horlogerie. Seit 1791.

Der Besuch bei Girard-Perregaux offenbart ein Haus, das historische Substanz mit mutiger Avantgarde verbindet. Um die Kluft zwischen dem Respekt der Connaisseurs und der Wahrnehmung beim breiten Publikum zu schließen, richtet Girard-Perregaux seinen Kompass nun neu aus. Unter dem Leitgedanken „Beauty begins within“ (Schönheit beginnt im Inneren) sucht die Manufaktur vermehrt den direkten Austausch mit der Community, etwa auf nahbaren Events wie der Dubai Watch Week. Das klare Ziel: Die architektonische und historische Brillanz der Marke soll nicht nur rational erklärt, sondern für Sammler weltweit emotional erlebbar gemacht werden.


girard-perregaux.com

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