Ludwig Oechslin spricht über die Freak, mechanische Komplexität, verlorenes Wissen und warum eine Uhr immer ein Kommunikationsmittel ist.

Die A. Lange & Söhne Cabaret Tourbillon war 2008 die weltweit erste Armbanduhr mit einem Sekundenstopp für ein Tourbillon. Nach fünf Jahren kehrt sie nun in Honiggold und einer limitierten Auflage von 50 Stück zurück.
Manchmal liegt Fortschritt nicht in der Bewegung, sondern im Stillstand. Genau darin bestand 2008 die uhrmacherische Bedeutung der Cabaret Tourbillon von A. Lange & Söhne: Erstmals ließ sich ein Tourbillon in einer Armbanduhr sekundengenau anhalten. Nun kehrt das Modell in einer auf 50 Stück limitierten Ausführung aus Honeygold zurück – mit der rechteckigen Architektur der ursprünglichen Cabaret und einem dreiteiligen Zifferblatt sowie einem Gehäuse aus Honeygold, einer speziellen Goldlegierung von A. Lange & Söhne. In diesem Artikel blicken wir auf den Tourbillon-Sekundenstopp, das Kaliber L042.1 und die Besonderheiten der neuen A. Lange & Söhne Cabaret Tourbillon Honeygold.
Als A. Lange & Söhne die Cabaret im Jahr 1997 vorstellte, konnte sie als eine echte Ausnahmeerscheinung innerhalb des größtenteils runden Produktportfolios angesehen werden: Nicht nur war sie die erste wirklich rechteckige Uhr von Lange – nicht zu verwechseln mit der Arkade von 1994, die über stärker gerundete Ecken verfügt –, sondern trug mit „Cabaret“ zudem einen ungewöhnlich verspielten Namen für jene von sächsischem Selbstverständnis geprägte Marke, die Glashütte wieder auf die Weltkarte der Uhrmacherei brachte.
Den Höhepunkt ihrer technischen Bedeutung erreichte das Modell im Jahr 2008, als die Manufaktur mit der Cabaret Tourbillon die weltweit erste Uhr mit einem Sekundenstopp für das Tourbillon vorstellte. Dies war vor allem deshalb uhrmacherisch von großer Bedeutung, weil der damals von Lange patentierte Mechanismus erlaubte, das Tourbillon jederzeit – also in jedem Schwingzustand der Unruh und in jeder Stellung des Käfigs – über eine Stoppfeder anzuhalten. Erst dadurch wurde es ermöglicht, die Zeitanzeige der Uhr sekundengenau einzustellen.
Credit © Christie’s
Es mag zunächst überraschen, dass ein solches Tourbillon mit Sekundenstopp-Funktion erst im Jahr 2008, mehr als 200 Jahre nach der Erfindung des Tourbillons durch die Patentanmeldung von Abraham-Louis Breguet im Jahr 1801, realisiert wurde – gilt das Tourbillon doch als eine der prestigeträchtigsten Vorrichtungen der Uhrmacherei.
Der Grund hierfür lag in einer zentralen uhrmacherischen Herausforderung: die große Masse des gesamten Tourbillonkäfigs aus der laufenden Position und aus dem Uhrwerk heraus mechanisch anzuhalten. Das Problem dabei? Wird der komplette Tourbillonkäfig angehalten, würde die Unruh auspendeln, schließlich ihre Energie verlieren und könnte nur durch einen externen Impuls wieder in Gang gesetzt werden – eine uhrmacherisch unbefriedigende Lösung also, die schon bald verworfen wurde.
Vor diesem Hintergrund kam also nur eine Option infrage: Um die Energie der Unruhspirale im Moment des Bremsvorgangs zu erhalten, musste die im Käfig rotierende Unruh selbst direkt und verzögerungslos abgebremst werden. Genau hier setzten die Ingenieure von A. Lange & Söhne an: Sie hielten nicht etwa den Tourbillonkäfig selbst an – sie stoppten die oszillierende Unruh im Inneren des rotierenden Drehgestells. Dafür entwickelte die Manufaktur eine V-förmige Stoppfeder mit zwei gebogenen Federarmen, die beim Ziehen der Krone durch einen komplexen Hebelmechanismus auf den äußeren Unruhreif aufsetzt und die Unruh damit augenblicklich stoppt.
Dieser Hebelmechanismus funktioniert wie folgt: Wird die Krone gezogen, lenken Aufzugswelle und Hebelmechanismus den ersten Stopphebel aus. Dadurch gibt dessen Feder den zweiten Stopphebel frei und führt ihn in Richtung der Unruh. An diesem zweiten Hebel ist die V-förmige Stoppfeder mit ihren beiden gebogenen Enden befestigt. Durch die kontrollierte Bewegung des Hebels wird die Stoppfeder an die Unruh herangeführt und greift dort unter genau definierten Kraftverhältnissen ein.
Dabei tritt jedoch eine weitere Schwierigkeit auf: Etwa alle 20 Sekunden kann ein Arm der V-förmigen Stoppfeder auf einen der drei Pfeiler des Tourbillonkäfigs treffen. Gelöst haben die Ingenieure von A. Lange & Söhne das Problem dadurch, dass die V-förmige Stoppfeder aus Stahl an einem Rotationspunkt auf dem Stopphebel beweglich gelagert ist. Das heißt, trifft einer der zwei Arme der V-förmigen Stoppfeder auf einen Käfigpfeiler, stützt er sich auf diesen, und der zweite Arm schwenkt um die Drehachse der Stoppfeder, bis er am Unruhreif anliegt. Auf diese Weise können dann sowohl die Unruh als auch der Käfig angehalten werden – unabhängig von ihrer jeweiligen Position.
Das direkte Anhalten der Unruh hat einen entscheidenden Vorteil: Die Spiralfeder bleibt in der jeweiligen Position der Unruh gespannt. Wird die Krone nach dem Einstellen der Zeit wieder hineingedrückt und die Stoppfeder gibt die Unruh frei, reicht diese gespeicherte Rückstellenergie in der Regel aus, um die Schwingung erneut in Gang zu setzen.
Die Cabaret verfügt über eines der eigenständigsten Gehäusedesigns im Lange-Portfolio, das neben den typischen Merkmalen wie dem satinierten Gehäusemittelteil sowie den angewinkelten und polierten Bandanstößen vor allem eine besondere Lünette aufweist: Sie ist dreistufig aufgebaut, sodass sich aus dem satinierten Gehäusemittelteil zunächst eine vertikale Stufe erhebt, auf die eine geneigte sowie polierte Fläche folgt, bevor eine scharf konturierte innere Kante das Zifferblatt einfasst.
Credit © Phillips
Die Cabaret Tourbillon wurde von A. Lange & Söhne bislang in drei Varianten produziert: Ab 2008 wurde sie in Platin (Ref. 703.025) und Roségold (Ref. 703.032) hergestellt, bis beide Varianten schließlich nach einer verhaltenen Resonanz im Jahr 2013 eingestellt wurden. Im Jahr 2021 wurde das Modell kurzzeitig mit der auf 30 Stück limitierten Handwerkskunst-Edition aus Platin (Ref. 703.048) wiederbelebt.
Nun präsentiert die Marke mit der auf 50 Stück limitierten A. Lange & Söhne Cabaret Tourbillon Honeygold Ref. 703.050 ihre vierte Variante der Cabaret Tourbillon unter Verwendung der patentierten Goldlegierung namens Honeygold. Das Material, das seinen Namen dem warmen Farbton verdankt, der irgendwo zwischen Rot- und Weißgold liegt, kam erstmals im Jahr 2010 bei drei Zeitmessern der Jubiläumsedition „165 Years – Homage to F. A. Lange“ zum Einsatz. Die Legierung zeichnet sich durch ihre besondere Härte aus, die laut A. Lange & Söhne alle anderen Goldlegierungen übersteigen soll. Die Gehäusemaße der neuen Variante bleiben den Proportionen der ursprünglichen Cabaret Tourbillon treu: Das Gehäuse misst 29,5 mm in der Breite, 39,2 mm in der Länge und 10,3 mm in der Bauhöhe.
Wie einst die Cabaret Tourbillon Handwerkskunst von 2021 besitzt auch die neue Version der Cabaret Tourbillon ein Zifferblatt aus jenem Material, aus dem auch das Gehäuse gefertigt ist – in diesem Fall Honeygold. Das Layout entspricht dabei jenem der Cabaret Tourbillon von 2008: Bei 12 Uhr befindet sich das Großdatum, bei 4 Uhr die AB/AUF-Gangreserveanzeige, bei 8 Uhr die laufende Sekunde und bei 6 Uhr das Tourbillon.
Das Zifferblatt der A. Lange & Söhne Cabaret Tourbillon Honeygold setzt sich aus drei Elementen zusammen: dem Hauptzifferblatt sowie zwei separaten Hilfsanzeigen für die laufende Sekunde und die Gangreserve. Funktionale Elemente wie Skalen, Rahmen und Beschriftungen werden direkt aus dem Grundmaterial herausgearbeitet und erheben sich um 0,15 mm über die Oberfläche. Anschließend erhält das Zifferblatt eine schwarze Rhodinierung, die einen dunklen, matt wirkenden Grundton erzeugt. In einem weiteren Schritt werden die reliefartig hervortretenden Partien von Hand gebürstet, wodurch der warme Goldton des Honeygolds wieder hervortritt und sich deutlich vom dunklen Untergrund absetzt.
Danach werden die polierten römischen Ziffern III, IX und XII, die aus dem gestalterischen Vokabular der Lange 1 stammen, die sechs rautenförmigen Stundenappliken, die an die erste Saxonia-Kollektion erinnern, sowie der Rahmen für das Großdatum auf dem Zifferblatt appliziert. Zum Schluss werden die Hilfszifferblätter von hinten mit dem Hauptzifferblatt verbunden.
Hinter der 1801 von Abraham-Louis Breguet zum Patent angemeldeten Erfindung des Tourbillons stand die Idee, die gangbestimmenden Bestandteile der Uhr – also Unruh und Hemmung – in einem rotierenden Käfig unterzubringen. Dieser Käfig dreht sich um das feststehende Sekundenrad und soll jene schwerkraftbedingten Lagefehler ausgleichen, die bei Taschenuhren besonders relevant waren, da sie in der Westentasche meist aufrecht in derselben Position getragen wurden. Durch die kontinuierliche Rotation des Käfigs werden diese Lagefehler nicht beseitigt, aber über den Verlauf der Drehung hinweg ausgeglichen, was zu einer verbesserten Ganggenauigkeit führen sollte.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Tourbillon zum Gegenstand einiger technischer Weiterentwicklungen: Von Tourbillons mit Chronometerhemmungen, wie sie Ernest Guinand in den 1880er-Jahren realisierte, über das fliegende Tourbillon von Alfred Helwig, das sich durch die ausschließlich unterseitige Lagerung des Tourbillonkäfigs kennzeichnete und somit den Eindruck erzeugte, als würde es „fliegen“, bis hin zu den mehrachsigen Konstruktionen, die Walter Prendel 1927 in Glashütte entwickelte – jedoch ließ sich keine dieser Tourbillon-Konstruktionen anhalten. Die Bedeutung der Cabaret Tourbillon und ihres Kalibers L042.1 lag also darin, dass es sich um die erste Uhrwerkskonstruktion mit einem Sekundenstopp-Tourbillon handelte, das sich zur präzisen Zeiteinstellung anhalten ließ.
Trotz seiner technischen Komplexität wirkt das 22,3 mal 32,6 Millimeter große rechteckige Formwerk, das durch den Saphirglasboden der A. Lange & Söhne Cabaret Tourbillon Honeygold betrachtet werden kann, ästhetisch vergleichsweise zurückhaltend: Skelettierung oder zusätzliche Winkel sucht man hier vergebens – stattdessen wird ein großer Teil des Uhrwerks von einer Dreiviertelplatine aus naturbelassenem Neusilber verdeckt. In dieser mit dem Glashütter Bandschliff veredelten Platine sind – wie auch bei den runden Uhrwerken der Manufaktur – das Räderwerk gelagert, wodurch nur die mit einem Sonnenschliff dekorierten Sperrräder, die verschraubten Goldchatons, in die jeweils ein Lagerstein eingebettet ist, sowie gebläute Schrauben sichtbar bleiben.
Mit einem Doppelfederhaus bietet das Werk eine Gangreserve von 120 Stunden, und die Unruh ist mit einer Frequenz von 21.600 Halbschwingungen pro Stunde getaktet. Betrachtet man das untere Ende des Uhrwerks, erkennt man zudem den von Hand gravierten Tourbillon- und Zwischenradkloben.
Das Kaliber L042.1 besteht aus 370 Komponenten, wobei allein 84 Teile auf das winzige Tourbillon entfallen, die zusammen nur rund 0,25 Gramm auf die Waage bringen. In seiner Gestaltung steht der Tourbillonkäfig ästhetisch in enger Verbindung zu den historischen Tourbillons, die von A. Lange & Söhne in der Ära der Taschenuhren verbaut wurden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der oberen Brücke und dem Oberteil des Tourbillonkäfigs, die beide mit einer Schwarzpolitur versehen sind: Dabei wird das Werkstück von Hand mit speziellen Poliermitteln und exakt dosiertem Druck gleichmäßig über eine Zinnplatte geführt. Dieser Vorgang wird so lange wiederholt, bis die Oberfläche das Licht je nach Betrachtungswinkel spiegelnd reflektiert oder tiefschwarz erscheint.
Die neue A. Lange & Söhne Cabaret Tourbillon Honeygold erscheint in einer auf 50 Exemplare limitierten Auflage. Preislich bewegt sich die Ref. 703.050 – wie viele frühere Ausführungen der Cabaret Tourbillon – im mittleren sechsstelligen Bereich und liegt bei rund 300.000 Euro.