Zum 30-jährigen Jubiläum präsentiert Parmigiani Fleurier mit der Carillon Tourbillon eine auf fünf Exemplare limitierte Grande Complication, die die Carillon-Repetition mit der diskreten Designsprache der Maison verbindet. Inspiriert von einer historischen Perrin-Frères-Taschenuhr aus dem frühen 19. Jahrhundert, die um das Jahr 2000 von Parmigiani Fleurier restauriert wurde, interpretiert die Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon insbesondere deren akustische Architektur und die charakteristischen serpentinenartigen Tonfedern in moderner Form neu. In diesem Artikel gehen wir auf die Neuheit, ihren besonderen Schlagwerksmechanismus und die Frage ein, wie sich dieser von einer regulären Minutenrepetition unterscheidet.

Vom Restaurator zur Manufaktur: Parmigiani Fleurier zwischen Herkunft, Krise und Neuausrichtung

Michel Parmigiani, 1950 im Val-de-Travers geboren und in La Chaux-de-Fonds ausgebildet, zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der modernen Schweizer Haute Horlogerie: Ausgehend von seiner 1976, mitten in der Quarzkrise, gegründeten Restaurierungswerkstatt „Mesure et Art du Temps“ und seinem Ruf durch die Arbeit an bedeutenden historischen Zeitmessern, Automaten und mechanischen Kunstwerken – insbesondere für die Sandoz Family Foundation und die Maurice-Yves-Sandoz-Kollektion – gründete er 1996 gemeinsam mit der Sandoz Family Foundation Parmigiani Fleurier, eine vertikal integrierte Haute-Horlogerie-Manufaktur. In diesem Jahr begeht die Marke ihr 30. Jubiläum, doch der Unternehmensweg galt nicht immer als unbeschwert.

Im Februar 2024 entbrannten Spekulationen über die Zukunft von Parmigiani Fleurier: Im Raum stand ein möglicher Verkauf der Uhrensparte der Sandoz Family Foundation, zu der neben der Marke Parmigiani Fleurier auch Vaucher Manufacture Fleurier gehört – jener Werkhersteller, der unter anderem Hermès und Richard Mille beliefert – sowie weitere Unternehmen des Pôle Horloger. Während des laut Business-Insiderin Miss Tweed von Deloitte koordinierten Bieterprozesses sollen unter anderem LVMH, Richemont und Hermès Interesse angemeldet haben. Es soll bereits das dritte Mal gewesen sein, dass die Sandoz Foundation versucht hatte, Käufer für ihre Uhrensparte zu finden, die lange als unprofitabel galt.

Im Juni 2025 folgte jedoch die Kehrtwende: Nach mehr als einem Jahr auf dem Markt gab die Sandoz Family Foundation bekannt, dass die Uhrensparte inklusive Parmigiani Fleurier nicht länger zum Verkauf stehe. Parmigiani, Vaucher Manufacture und die übrigen Unternehmen arbeiteten inzwischen profitabel, wodurch ein Verkauf weniger sinnvoll erschien. Dass Parmigiani Fleurier seine Profitabilität verbesserte, die Begehrlichkeit seiner Uhren steigerte und die Sandoz Family Foundation ihr Engagement für die Marke bekräftigte, hängt wesentlich mit Guido Terreni zusammen, der seit Anfang 2021 an der Spitze der Marke steht und den Repositionierungsprozess vorangetrieben hat.

Unter seiner Ägide verfolgt Parmigiani Fleurier nicht nur eine strategische Neuausrichtung, sondern auch die Schärfung einer Markenerzählung, die eng mit den eigenen Werten verbunden ist. Sie verdichtet sich im Begriff „Private Luxury“: einem Verständnis von Luxus, das auf Sinn, Kultur und einer persönlichen Beziehung zum Produkt basiert und von der Beobachtung ausgeht, dass Luxus derzeit eine tiefgreifende Transformation erfährt. Dahinter steht die Erkenntnis, dass sich Kunden nicht mehr nur für die Außenwirkung eines Produkts interessieren, sondern auch für sein „Warum“ – für technisches Wissen, handwerkliches Verständnis und die menschliche Identifikation mit einer Maison.

Genau hier setzt Parmigiani Fleurier an und folgt diesem Ansatz mit einer klaren Strategie: Die Marke entwickelte eine kohärente, minimalistische Designsprache sowie eine wiedererkennbare Farbpalette, die sich über mehrere Kollektionen hinwegzieht. Dabei versucht Parmigiani Fleurier, sich ästhetisch geschlossen auszudrücken und zugleich unterschiedliche Formen dieser gestalterischen Haltung zu erkunden.

Die Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon im Detail

Ihren erneuten Ausdruck findet diese Designsprache nun im neu vorgestellten Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon, das anlässlich des 30. Jubiläums der Marke in einer Auflage von nur fünf Exemplaren gefertigt wird. Parmigiani Fleurier verbindet darin seine ästhetische Zurückhaltung mit der Schlagwerkskomplikation einer Carillon-Repetition. Auf der Vorderseite umschließen vier geschwungene Tonfedern den blauen Zifferblatt-Innenteil, während die Hämmer sichtbar bleiben und sich die Anzeige auf Stunden und Minuten beschränkt. Das Tourbillon sowie die Gangreserveanzeige hingegen sind auf der Rückseite platziert – eine bewusste Zurücknahme, da Uhrmacher das Tourbillon üblicherweise prominent in den Vordergrund rücken und als zentrales Element des Zifferblatts inszenieren.

Im Mittelpunkt der Vorderseite der Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon steht stattdessen das aus Weißgold gefertigte, handgehämmerte Zifferblatt in der Farbe „Morning Blue“. Diese Textur kam bereits bei drei Toric-Jubiläumsmodellen zum Einsatz und zählt zu den prägenden ästhetischen Signaturen des dreißigjährigen Markenjubiläums. Die geschwungene Form der Tonfedern geht wiederum auf eine von Perrin-Frères signierte Taschenuhr aus dem frühen 19. Jahrhundert zurück, die in Neuchâtel gefertigt wurde, heute Teil der Sandoz Collection ist und im Jahr 2000 in den Ateliers von Parmigiani Fleurier restauriert wurde.

Doch so sehr die Uhr über ihre Gestaltung wirkt, ihre eigentliche Bedeutung erschließt sich erst über die Mechanik. Um die Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon einzuordnen, lohnt daher zunächst ein Blick auf zwei grundlegende Fragen: Was ist eine Carillon-Repetition – und worin unterscheidet sie sich von einer klassischen Minutenrepetition?

Was überhaupt ist eine Carillon-Repetition?

Eine Carillon-Repetition ist eine erweiterte Form der Minutenrepetition, bei der die Zeit nicht nur über zwei, sondern über drei oder vier gestimmte Tonfedern wiedergegeben wird. Während eine klassische Minutenrepetition die Stunden, Viertelstunden und Minuten über eine einfache Abfolge aus tiefem Ton, Zweitonfolge und hohem Ton akustisch unterscheidet, ermöglicht das Carillon eine melodischere Klangstruktur. Der Begriff leitet sich vom Carillon ab, einem Turminstrument, bei dem mehrere Glocken in festgelegten Tonfolgen gespielt werden, um erkennbare Melodien hervorzubringen – eine Tradition, die spätestens seit dem 16. Jahrhundert in den Niederlanden, Belgien und Nordfrankreich verwurzelt ist.

Wie unterscheidet sich die Carillon-Repetition von der Minutenrepetition?

Eine klassische Minutenrepetition schlägt die Stunden auf einer tief gestimmten Tonfeder, die Viertelstunden über eine Zweitonfolge – zum Beispiel zunächst einen hohen, dann einen tiefen Ton – und die verbleibenden Minuten allein auf einer hoch gestimmten Tonfeder. Angenommen, die Uhrzeit würde 12:58 Uhr betragen, würde die Schlagfolge folgendermaßen lauten: Zunächst würden zwölf tiefe Schläge für die Stunden ertönen, dann drei Hoch-Tief-Folgen für die drei Viertelstunden und schließlich dreizehn hohe Schläge für die verbleibenden Minuten.

Die Carillon-Repetition ist im Kern keine andere Komplikation als die Minutenrepetition, sondern fügt ihr eine weitere musikalische und konstruktive Dimension hinzu. Sie funktioniert weiterhin nach dem Prinzip einer Minutenrepetition: Das Zusammenspiel aus Rechen, Schnecken und Kurvenscheiben des Uhrwerks „tastet“ zuerst die Stunden, dann die Viertelstunden und zuletzt die Minuten mechanisch ab, um sie in eine genau programmierte Schlagfolge zu übersetzen.

Doch während eine klassische Minutenrepetition in der Regel mit zwei Tonfedern und zwei Hämmern arbeitet, verwendet man bei der Carillon-Repetition drei oder vier Tonfedern mit unterschiedlichen Tonhöhen. Das hat den Vorteil, dass das Viertelstundensignal – und bei besonders aufwendigen Ausführungen auch das Minutensignal – nicht als schlichte Zweitonfolge aus einem hohen und einem tiefen Ton, sondern als melodische Sequenz aus drei oder vier Noten wiedergegeben werden kann.

Der Unterschied zur klassischen Minutenrepetition liegt also weniger im grundsätzlichen Ablauf als in der klanglichen Struktur des Uhrwerks. Die einfache Minutenrepetition codiert die Zeit mit tiefem Ton, Doppelschlag und hohem Ton. Eine Carillon-Repetition kann die Viertelstunden – oder sogar die Minuten – dagegen als kleine melodische Sequenz wiedergeben, weil drei oder vier Tonhöhen zur Verfügung stehen. Das Ergebnis ist, dass der Zuhörer nicht nur den Ablauf der Zeit akustisch erfassen kann, sondern auch eine erkennbare Melodie hört.

Das Carillon-Uhrwerk der Neuheit: Statt zwei, vier Tonfedern

Während die Vorderseite der Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon durch ihre diskrete Ästhetik den Eindruck von Schlichtheit vermittelt, ändert sich dieser, wenn man die Uhr umdreht und die Rückseite betrachtet. Durch den Saphirglasboden ist das Manufakturwerk PF950 mit Handaufzug, vier Tonfedern und 60-Sekunden-Tourbillon zu sehen, das laut der Marke vollständig in den Ateliers von Parmigiani Fleurier entworfen, entwickelt, konstruiert, montiert und finissiert wurde.

Die Architektur des Uhrwerks basiert auf zwei übereinander angeordneten Federhäusern, von denen jedes eine eigene Funktion erfüllt: Das erste versorgt das Räderwerk mit Energie und gewährleistet eine Gangreserve, die mindestens zwölf Tage beträgt. Das zweite Federhaus ist dem Schlagwerk gewidmet und wird nur dann automatisch mit Energie versorgt, wenn der Schlagwerksschieber betätigt wird – also ausschließlich bei der Aktivierung des Minutenrepetitionsmechanismus. Dadurch wird sichergestellt, dass die Energie des Hauptwerks erhalten bleibt und ein gleichmäßig kontrollierter Klang des Schlagwerks gewährleistet ist.

Das 60-Sekunden-Tourbillon und die Gangreserveanzeige sind auf der Rückseite positioniert. Das mit 3 Hz oszillierende Kaliber misst lediglich 7,15 mm in der Höhe, und die Komponenten des Uhrwerks sind mit dem Mezzo-Vibrato-Motiv verziert, das bereits vom Zifferblatt des Einzelstücks L’Armoriale Répétition Mystérieuse bekannt ist und hier direkt auf das Uhrwerk übertragen wurde.

Die Funktionsweise der Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon

Besonders ist zudem die Konstruktion des aus 456 Komponenten bestehenden Uhrwerks: Durch seine offene Architektur legt es die innere Struktur der Schlagwerkskomplikation frei und macht den Ablauf des Mechanismus auf der Rückseite nachvollziehbar. Seine eigentliche Wirkung entfaltet das Kaliber daher erst, wenn der in die Gehäuseflanke integrierte Repetitionsschieber betätigt wird und das Schlagwerk zum Leben erwacht: Wird der Schieber betätigt, wird die separate Feder des Schlagwerks gespannt, die anschließend die Energie für die Abfolge der Schläge liefert, ohne unmittelbar auf die Gangautonomie des eigentlichen Gehwerks zurückzugreifen. Anschließend „liest“ das Schlagwerk über Schnecken und Rechen die Stellung der Zeiger aus: zuerst die Stunden, dann die Viertelstunden und zuletzt die Minuten.

Ein in den Mechanismus integrierter Fliehkraftregler kontrolliert dabei einen konstanten Energiefluss, damit die Schläge nicht beschleunigt oder verzögert, sondern in einem gleichmäßigen Tempo ablaufen. Die Hämmer schlagen schließlich auf die vier geschwungenen Tonfedern, von denen eine tiefe Tonfeder die Stunden wiedergibt, zwei Tonfedern, jeweils mit eigener Tonlage, für die Viertelstunden vorgesehen sind und eine hohe Tonfeder die Minuten erklingen lässt.

Der Klang des Carillon Tourbillon um 12:59 Uhr

Angenommen, die Uhrzeit würde 12:59 Uhr betragen, würde die Schlagfolge der Parmigiani Fleurier Tourbillon Carillon folgendermaßen lauten: Zunächst würden zwölf tiefe Schläge für die Stunden ertönen, dann dreimal eine vierstimmige Klangsequenz für die Viertelstunden und schließlich vierzehn hohe Schläge für die verbleibenden Minuten.

Das Gehäuse der Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon

Entscheidend für die Lautstärke, Klangfarbe und den Nachhall des Schlagwerks sind neben den Tonfedern und Hämmern insbesondere die Konstruktion sowie die Materialwahl des Gehäuses, da dieses als eine Art Resonanzraum fungiert. Hier verwendet Parmigiani Fleurier ein neu gestaltetes 18-Karat-Weißgoldgehäuse mit vertikalen Kanneluren, wie es in dieser Form bereits aus dem Einzelstück L’Armoriale Répétition Mystérieuse bekannt ist. Das Gehäuse mit einem Durchmesser von 41,60 mm und einer Höhe von 12,60 mm ist bis 10 Meter wasserdicht und verfügt zudem über eine Krone, in die ein blauer Saphir eingelassen ist.

Preis und Verfügbarkeit der Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon

Die Parmigiani Fleurier Carillon Tourbillon wird in einer limitierten Auflage von fünf Stück gefertigt und kostet 490.000 Schweizer Franken.


parmigiani.com

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