Mit Twice Unique hat Nomos Glashütte etwas gewagt, das weder Kunden noch Fachpresse auf Anhieb verstanden haben: Unikate, die es nur im Doppel gibt, eines in Gold, eines in Stahl. Auf dem 7. Nomos Forum in Glashütte wurde erstmals deutlich, was dahinter steckt – ein neuer Luxusanspruch des größten Deutschen Uhrenherstellers, der nicht auf Abgrenzung durch Auffallen entsteht, sondern aus Hingabe zu Material und Fertigungstechniken, die bislang wenig bis gar nichts mit Uhrenbau zu tun haben.

Deutlich macht das eine Frau, die mit einem Pinsel aus Eichhörnchenhaar Gold auflegt, das deutlich dünner ist als die Toleranzen der Uhrenmanufaktur. Aber lesen Sie selbst, was es mit dieser außergewöhnlichen Kollektion auf sich hat.

Ein Hauch von Gold

Es ist ein besonderer Moment: Dutzende Händler, Journalisten und Uhrmacher aus aller Welt halten den Atem an. Vorn auf der Bühne öffnet Michelle Sachs ein kleines Heft aus Seidenpapier und hebt mit der Spitze eines Pinsels ein Blatt Gold heraus, acht mal acht Zentimeter groß. Das Blatt zittert, wölbt sich, scheint zu atmen. Ein Raunen geht durch den Saal. „Man sieht, wie windig es hier ist“, sagt Sachs und lacht. „Das Blattgold ist so dünn, man meint, es hätte ein eigenes Leben.“

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Credit © Michelle Sachs

Hält man es gegen eine starke Lampe, schimmert das Licht grünlich hindurch. Dann tut die Berliner Vergoldermeisterin etwas, das man mit Gold sonst nicht tut: Sie lässt es herumgehen. „Keine Angst, ihr dürft es anfassen. Ihr dürft es sogar ein bisschen zerreißen. Es ist sogar essbar.“ Fingerkuppen tasten nach etwas, das man kaum spürt. Das Gold bleibt an der Haut kleben, zerfällt in Flocken, die Reste wandern weiter. Jemand ruft „Midas touch“, ein anderer überlegt halb im Scherz, ob man den Rest später mit dem Champagner hinunterspült.

Credit © Michelle Sachs

Es ist eine kleine Szene, aber sie erzählt bereits fast alles über das Projekt, um das es an diesem Tag beim 7. Nomos Forum in Glashütte geht. Gold, das man erleben will, aus Begeisterung geteilt wird statt nur zur Schau gestellt. Ein Material, das erst aus der Nähe begreifbar ist. Besonders in dieser Form ist Gold eine Kostbarkeit, die man spüren muss, weil man sie auf einem Foto nicht sofort erkennt.

Ein Konzept, das sich nicht in einem Satz erklären lässt

Genau das ist das richtige Stichwort: Als Nomos Glashütte die Idee zu Twice Unique am 14. April 2026 auf der Watches and Wonders in Genf vorstellte, war die Reaktion freundlich, aber ratlos. Man bewunderte die Zifferblätter und fragte sich, was genau man da eigentlich sah. Die Antwort ist kompliziert, und das war zumindest zum Teil durchaus Absicht.

Was ist Nomos Twice Unique

Twice Unique wird ausschließlich im Paar verkauft: eine Uhr im Gehäuse aus 18 Karat Gold, eine in Edelstahl, beide gleich groß, beide mit demselben Kaliber, beide mit einem von Hand gestalteten Zifferblatt, das dem anderen gleicht und doch nicht identisch ist. Grundlage sind fünf Nomos-Klassiker: Tangente 33, Tetra 27, Ludwig, Orion neomatik und Tangente neomatik 38 Update.

Die Zifferblätter machen den Unterschied

Dazu kommen neun völlig unterschiedliche Zifferblattwelten, die Nomos nach Farbe, Technik und Textur ordnet. Manche entstanden im Haus, für andere holte die Manufaktur externe Kunsthandwerkerinnen und Künstlerinnen hinzu. Die Modelle Rive Gauche und 1966 beruhen auf Skizzen und Aquarellen der Textildesignerin Anna Diederichs, die im Paris der Sechzigerjahre florale Muster zwischen Psychedelia und Op-Art entwarf; das Nomos-Team wählte zifferblattgroße Ausschnitte und übertrug sie im Vierfarb-Tampondruck.

Moiré wiederum ist das erste guillochierte Zifferblatt der Marke. Bei Now wird das Blatt über mehrere Stunden von Hand poliergeläppt, mit drei Schleifpasten bis auf eine Rauheit von rund einem Mikrometer, und anschließend leicht matt lackiert. Für Scribble und Scribble Dark hat die Goldschmiedemeisterin Saskia Licina mit dem Stichel Schleifen ins Blatt graviert. Drift zeigt ein gefrostetes Zifferblatt mit rauchblauem Verlauf, entstanden in einer Art vorindustrieller Airbrush-Technik. Bei Urania wurden silberne Sterne mit einem feinen Mäusehaarpinsel auf dunkelblauen Grund gesprenkelt, einige davon mit Superluminova. Und Auric trägt echtes Blattgold, aufgelegt von Michelle Sachs.

Fünf Gehäuse, neun Zifferblätter: Das ergibt 45 mögliche Paare, jedes nur auf Anfrage gefertigt, eines nach dem anderen, mit eigener Nummer und nur bis Ende 2026. Ursprünglich sollte es pro Modell und Design ein einziges Paar geben; die Resonanz war jedoch so groß, dass Nomos diesen Rahmen geöffnet hat. Hierzulande gibt es die Paare nur auf Anfrage, im Fachhandel liegen sie zwischen 15.600 Euro für die Tangente 33 und 21.700 Euro für die Tangente Update. Pro Paar wohlgemerkt.

Es ist kompliziert – und doch ganz einfach

„Twice Unique ist kompliziert“, räumt Martina Etti ein, Head of Business Development bei Nomos und in diesem Jahr so etwas wie die Botschafterin der Reihe. „Es verlangt seinem Publikum etwas ab.“ Und die Frage, warum man sich so ein aufwendiges Konzept als größter Deutscher Uhrenhersteller überhaupt antue, sei berechtigt. Ihre Antwort hat mit den Uhren selbst nur am Rand zu tun – und mit Verkaufszahlen schon gar nicht.

Luxus, der mehr Menschen mit einschließt als viele auszuschließen.

Martina Etti beginnt mit einem Eingeständnis. Nomos, sagt sie, sei in einer Luxuswelt angekommen, der man nie beitreten wollte. Gegründet wurde die Marke kurz nach der Wiedervereinigung mit einem nüchternen Anspruch: die gute Uhr für ein langes Leben, ehrlich gebaut, auf solidem Uhrmacherhandwerk, eines jener guten Dinge, die ein Leben überdauern. Wenige Modelle, aber ikonische. Uhren, deren Gestaltung, Material und Verarbeitung der Legende Glashüttes gerecht werden.

Der Uhrenmarkt verändert sich, auch für Nomos

Der Markt, in dem sich Nomos heute bewegt, folge aber anderen Regeln. Etti beschreibt sie ohne Polemik, aber mit erkennbarer Distanz: Hersteller verknappen die Verfügbarkeit, machen es für möglichst viele begehrenswert und zugleich nur für wenige erreichbar. Am Ende stünden Menschen Schlange für das Privileg, eine Handtasche für 30.000 Euro kaufen zu dürfen. „Das ist eine Kunst“, sagt sie, und meint es nicht nur als Kompliment. Das Prinzip dahinter sei simpel: Exklusivität als Ausschlussverfahren. Je mehr Bewunderer draußen bleiben, desto höher der Status derer, die hinein dürfen.

Nomos versteht sich als Hersteller für viele, doch was heißt das im Luxus?

In dieser Logik hat Nomos eine undankbare Rolle zugewiesen bekommen: die der Einstiegsmarke. Eine Manufaktur mit der Fertigungstiefe, die echter Luxus ohnehin voraussetzt, und zugleich das Tor in ein Fantasieland immer teurerer Uhren ist. Nach dem ungeschriebenen Gesetz, dass es von hier aus nur bergauf gehen kann: „Genau das wollten wir nie sein“, sagt Etti. Von Anfang an habe man geglaubt, dass sich großartige Werke und großartige Uhren auch zu einem fairen Preis bauen lassen müssten und hat das in den letzten 35 Jahren eindrucksvoll bewiesen. Längst gibt es auch in den USA und Japan Sammler, die so gut wie jede Nomos Uhr besitzen. Und in Schlottwitz fertigt Nomos seit 2017 nahezu jedes Rad seiner Kaliber selbst – etwas, das nur wenige Marken und Hersteller tatsächlich vorweisen können.


The main Nomos building at the railway station of Glashütte.

Unser Besuch in der Manufaktur von Nomos Glashütte zeigt, wie Tradition und Moderne zusammen ticken.


Ein tolles Preis-Leistungs-Verhältnis kann zum Handicap werden

Nomos weiß: Rational sei Nomos in seiner Preisklasse kaum zu schlagen. Aufwändig finissierte Manufakturwerke, preisgekröntes Design, ein vielgerühmtes Preis-Leistungs-Verhältnis. „Und gerade Letzteres ist in der Welt des Luxus ironischerweise eher ein Handicap.“ Ein Luxus, der allein auf Preis, Prominenz und teuer produzierter Illusion beruht, sei jedoch schlicht nicht Nomos. „Unser Luxus ist ins Produkt selbst eingebaut, als Qualität auf jeder Ebene.“

Damit sind wir beim Luxusverständnis der deutschen Manufaktur: Er kommt bei Nomos von innen. Aus dem Werk, aus dem Material, aus der Arbeit der Uhrmacher. Das goldene Gehäuse, so Etti, lasse das hauseigene DUW-Kaliber leuchten und füge einen eigenen Wert hinzu. Entscheidend aber sei das Handwerk im Inneren, nicht der Rahmen. „Wer verstanden hat, dass die Uhrmacherkunst die eigentliche Kunst ist, für den wird das Gehäuse beinahe zweitrangig.“

Soweit würden wir bei Swisswatches vielleicht gehen, aber genau hier setzt Twice Unique an. Zweimal dieselbe Uhr, einmal in Gold, einmal in Stahl, mit identischem Werk. Die Paarung ist auch ein ironischer Seitenhieb in Metall auf den Wettbewerb: Wenn das Goldmodell Luxus ist, dann kann es doch das Stahlmodell auch sein. Und zwar nicht über das übliche Spiel aus Preis und Status, sondern über das Verständnis des Trägers für feines Handwerk, für die Tradition hinter der Mechanik und für eine zeitgemäße Formensprache.

Bei dem vielen Nachdenken über modernen Luxus ohne Protz und unter all den soliden Argumenten, gesteht Etti, sei die Emotion bei Nomos allzu oft auf den Rücksitz geraten. Eine Golduhr aber kaufe niemand aus rationalen Gründen; der Materialwert spiele die kleinste Rolle. Dahinter stehe immer eine Geschichte, ein besonderer Moment im Leben eines Menschen – oder zweier. Twice Unique denkt die Geschichte eines gemeinsamen Erlebnisses. Wer teilt sich die beiden Uhren? Ehepaare, Mutter, Tochter, Vater, Sohn? Oder Opa und Enkel? Wird getauscht? Wem gehört am Ende welche – oder gehören beide beiden?

Die Antworten, die Nomos bislang von Kunden der Serie bekommen hat, sind so verschieden wie die Paare. Junge Eltern, die die Golduhr für ihr neugeborenes Kind zurücklegen und die Stahluhr im Alltag gemeinsam tragen. Zwei Schwestern, die eine ernsthafte Uhrenkennerin, die andere einfach verliebt ins Design. Und ein Paar, das nach langer Beratung feststellte, dass kein Twice-Unique-Paar so recht zu ihm passte, und stattdessen beim örtlichen Händler zwei klassische Nomos-Golduhren in unterschiedlichen Größen bestellte, mit Gravur. Auch das, sagt Etti, sei eine Twice-Unique-Geschichte.

Was Nomos daraus gelernt hat, formuliert sie wie ein erstaunliches Selbsterkenntnis: Was man in Glashütte tue, sei immer schon Luxus gewesen, oft genug von einem selbst unerkannt. Der Unterschied liege darin, dass die Kunden ihren Luxus nicht von einer Marke borgen, die von einem endlosen Marketingbudget gestützt wird. „Der Luxus kommt von den Kunden selbst.“ Aus ihrer ganz persönlichen Leidenschaft, ihrem Blickwinkel auf Handwerk und Gestaltung.

So dürfen die neuen Goldmodelle durchaus als Paradigmenwechsel gedeutet werden: Fleißig und bescheiden – diese beiden Worte sagt Etti mitten im englischen Vortrag auf Deutsch – wolle man nicht mehr nur sein. Man stelle sein Licht nicht länger unter den Scheffel. Gold bedeute für Nomos aber nicht Exklusivität oder Ausschluss im Wortsinn durch einen höheren Preis. „Es ist eher ein weiteres Zeichen des Respekts vor dem Uhrmacherhandwerk.“

Die Illusionistin aus Berlin

Nachdem man bei Martina Etti die Entstehung von Twice Unique gelernt hat, versteht man die Umsetzung durch Kunsthandwerkerinnen wie Michelle Sachs wie von selbst: Sie ist Vergoldermeisterin, seit 20 Jahren im Beruf, mit eigener Werkstatt in Berlin. Vergolder ist in Deutschland ein regulärer Ausbildungsberuf, drei Jahre lang, „so wie man Tischler oder Maler lernen kann“. Gelernt hat Sachs in einer Berliner Rahmenwerkstatt, wo sie Bilderrahmen vergoldete und verzierte. Für den Unterricht mussten die Lehrlinge nach München: Dort steht die einzige Berufsschule für Vergolder im ganzen Land, und dort ist auch die einzige Meisterschule. Wie selten dieses Handwerk geworden ist, zeigt eine Zahl: Zuletzt waren es sechs bis zehn Auszubildende pro Jahrgang. Nicht pro Stadt. In ganz Deutschland.

Credit © Michelle Sachs

Aus der klassischen Laufbahn – Neuvergoldung von Rahmen, Restaurierung von Rahmen und Möbeln – ist Sachs bewusst ausgeschert. Restauratoren gebe es genug, sagt sie. Sie ging ins Große. Bauvergoldung: eine Badezimmernische, Wohnzimmerwände, die Decke eines Ladengeschäfts, einen ganzen Galerieraum in Berlin. In der Staatsoper Unter den Linden hat sie Goldleisten vergoldet und am Haupttreppenaufgang 20 Knäufe. In Georgien hat sie über Wochen ein vier Meter hohes Kreuz auf einer Kirche vergoldet. Turmuhren, Zaunspitzen, Skulpturen wie die Goldelse auf der Berliner Siegessäule – all das ist Vergolderarbeit.

Credit © Michelle Sachs

Auffällig ist, wie oft die Zeit in ihrem Werk auftaucht, lange bevor Nomos anrief. Als Gesellenstück wählte sie eine Reisesonnenuhr nach einem Vorbild aus dem 16. Jahrhundert, gefertigt für Kaufleute, die ihre Zeitmessung in der Tasche mitnehmen wollten – mit Schattenwerfer, Ziffern und Stundenlinien, alles in Polimentvergoldung.

Credit © Michelle Sachs

Ihr Meisterstück entstand vor drei Jahren nach einem Original, das sie im Dogenpalast in Venedig gesehen hatte: eine Tierkreisuhr mit beweglichem Zeiger, 84 Zentimeter im Durchmesser. Gebaut ist sie aus MDF, einer simplen Holzfaserplatte. Die Vorbereitung dauerte Monate, das eigentliche Vergolden eine Woche. „Vergolden ist auch die Kunst, eine Illusion zu erzeugen“, sagt Sachs. „Ich tue alles dafür, dass es aussieht wie massives Gold.“

Credit © Michelle Sachs

Dass sie überhaupt Zifferblätter vergoldet, verdankt sich einem Zufall. Eines Tages klingelte das Telefon. Ob sie sich vorstellen könne, Ziffernblätter zu vergolden? Sachs war skeptisch. Eine Uhr müsse funktionieren, die Zeiger müssten laufen können, und die Beratung sei aufwendig. Erst ganz am Ende des Gesprächs erwähnte der Anrufer aus dem Berliner Designteam von Nomos, das den Namen BerlinerBlau trägt, dass er im Auftrag von Nomos frage. Und Sachs trug zu diesem Zeitpunkt bereits eine Nomos am Handgelenk, ein Geschenk ihres Freundes, gut ein Jahr zuvor. „Da hat es Klick gemacht.“

Ein Zehntausendstel Millimeter

Um zu begreifen, was auf einem Auric-Zifferblatt liegt, muss man nach Franken reisen. In Schwabach bei Nürnberg, der Goldschlägerstadt, arbeiten die beiden letzten Goldschlägereien Deutschlands.

Am Anfang steht der Schmelzofen. Gold ist nicht gleich Gold; wie im Schmuck wird es legiert, mit Silber, Kupfer, Platin, je nach gewünschter Farbe und Karatzahl. Aus dem Tiegel entsteht ein kleiner Barren von 600 bis 800 Gramm. Der wird zu einem Band von 50 bis 60 Metern Länge gewalzt, das Band in Stücke von etwa vier mal vier Zentimetern geteilt. Rund 1.300 dieser Plättchen werden gestapelt, jeweils getrennt durch feines Pergaminpapier, und zu einem Paket geschnürt. Dann beginnt das Schlagen.

Vor 20, 30 Jahren taten das noch Männer mit Hämmern von bis zu zwölf Kilogramm, heute übernehmen Federhämmer. Aus jedem Plättchen wird ein Blatt von zehn bis 13 Zentimetern, das wiederum in neun Teile geschnitten, neu eingelegt und erneut geschlagen wird. So lange, bis es ein Zehntausendstel Millimeter misst: 0,1 Mikrometer, 600-mal dünner als ein menschliches Haar. Dann fällt ein Satz, der die weltweit angereisten Uhrenexperten im Saal hörbar amüsiert: Das Blattgold ist dünner als die Toleranzen in der Nomos-Fertigung. Um genau zu sein, als die Toleranzen der gesamten Uhrenfertigung, wobei wir hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, wer weiß, ob nicht bei Rolex doch jemand in einem Labor bereits in diesen Maßstäben denkt?

Doch zurück zur Handarbeit. Beschneiderinnen, die den ganzen Tag nichts anderes tun, trimmen die unregelmäßigen Ränder mit einem Werkzeug, das Karren oder Schlitten heißt, einmal längs, einmal quer, bis das deutsche Standardmaß erreicht ist: acht mal acht Zentimeter. Mit einer Pinzette aus Ebenholz legen sie jedes Blatt in ein Heftchen aus Seidenpapier. 25 Blatt pro Heft, das ist die kleinste Verkaufseinheit.

Die Spitze des Eisbergs

Ihr Werkzeug hat Sachs auf dem Forum ausgestellt: Ein Vergolderkissen, auf dem das Blatt abgelegt wird. Ein Vergoldermesser, mit dem sie das Gold in die Stücke teilt, die das Objekt verlangt. Und ein Pinsel, dessen Haare aus dem Schwanz sibirischer Eichhörnchen stammen. Nur so weich kann er sein, ohne das Blatt zu verletzen, das er aufnehmen und ablegen soll.

Das eigentliche Vergolden aber ist, so Sachs, der kleinste Teil der Arbeit. „Das Blattgold ist nur die Spitze des Eisbergs, das Sahnehäubchen.“ Bei einer klassischen Polimentvergoldung auf Holz trägt sie zuerst Schicht um Schicht Kreidegrund auf, angerührt aus Hasenleim und Kreide, schleift, glättet, legt darüber eine spezielle Tonerde, das Poliment. Eine Technik, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat und deren Ursprünge Sachs in Indien verortet. Erst dann folgt das Gold. Und selbst dann glänzt es noch nicht. „Es kann erst glänzen, wenn ich es poliere.“ Das geschieht mit einem Polierstein aus Achat. Dass ein Hauch von einem Zehntausendstel Millimeter unter dem Stein zu spiegelndem Hochglanz wird, gehört zu den Dingen, die man gesehen haben muss, um sie zu glauben.

Die wichtigste Lektion aus ihrem Handwerk ist zugleich die, die am besten zu Nomos passt: Das Gold zeigt alles, was darunter liegt. Ist der Grund glatt, wird die Vergoldung glatt und glänzend. Ist er strukturiert, bildet das Blatt die Struktur ab, mit Licht und Schatten. Bei einer Außenvergoldung entscheidet allein die wetterfeste Vorbereitung darüber, ob das Gold Jahrzehnte überdauert. „Die Schichten unter dem Gold sind das Wichtigste.“ Man muss diesen Satz nur leicht verschieben, und man hat die Unternehmensphilosophie aus Glashütte: Was zählt, liegt verborgen unter der Oberfläche.

Und es ist eine Arbeit, die keine Eile verträgt. Wer mit Blattgold arbeitet, sagt Sachs, bewege sich wie in Zeitlupe. „Ich muss im Moment sein, fokussiert. Es ist wie Meditation. Ich muss langsamer werden, sonst verliere ich mich, sonst verliere ich das Blatt.“

Auric: Gold, das nicht golden aussieht

Der Name verrät das Material: Auric, abgeleitet vom lateinischen aurum. Die Zifferblätter dieser Edition werden zunächst mit Anlegemilch präpariert, einem Haftgrund, auf den Sachs das Blattgold in mehreren Schritten aufbringt, mit Trocknungspausen dazwischen. Das Gold wird gelegt, gerissen, geschichtet, wieder aufgenommen.

Eine der Hürden war der Schriftzug. Auf das fertig vergoldete Blatt musste anschließend noch der Name Nomos gedruckt werden – Neuland auch für die Zifferblattfertigung. Hält der Druck auf dem Gold? „Das kann nicht immer gelingen“, sagt Sachs. Deshalb vergoldete sie für jedes Modell nicht nur die beiden Blätter eines Paares, sondern zusätzlich Reserve- und Testexemplare. Insgesamt, schätzt sie, nicht mehr als eine Handvoll pro Modell. Genau gezählt hat sie nicht.

Die größere Herausforderung war eine gestalterische. Twice Unique verspricht Unikate, die dennoch ein Paar bilden. „Das ist dieser schmale Grat“, sagt Sachs. „Ich habe auf so einer Fläche unglaublich viel Spielraum. Aber es muss eine homogene Linie geben, damit nicht ein Kunde sagt: Die sieht ja ganz anders aus als meine.“ Jedes Blatt soll wiedererkennbar sein und sich doch vom nächsten unterscheiden. Nebeneinander, die goldene Uhr und die Stählerne, sieht man es: kleine Falten im Gold, ein Funkeln hier, eine Verdichtung dort, Spuren davon, wie das Blatt beim Auflegen gefallen ist. Darunter scheint die Struktur des Grundes durch, mal heller, mal schattiger, je nachdem, wie das Licht fällt.

Dann ist da die Farbe. Wer bei Auric warmes Gelb erwartet, wird überrascht. Es gibt mehr als 30 Farben Blattgold, von Rot- über Grün- bis Weißgold, dazu Silber, Platin, Palladium. Für Auric wählte das Team eine Legierung mit mehr als 80 Prozent Gold, ergänzt um Palladium sowie eine fein austarierte Menge Silber und Kupfer. Palladium hat eine besondere Eigenschaft: Es entfärbt Gold. Im richtigen Verhältnis verschwindet der gelbe Ton beinahe vollständig. Das Ergebnis ist ein Metall, das kaum nach Gold aussieht und doch zum überwiegenden Teil aus Gold besteht. Hinzu kommt ein Effekt, den NOMOS selbst hervorhebt: Obwohl beide Blätter eines Paares aus demselben Material bestehen, nehmen sie je nach Gehäuse einen anderen Ton an, wärmer neben Gold, kühler neben Stahl. Sie schimmern, ohne ein klares Spiegelbild zu werfen.

Es gibt wohl kaum ein treffenderes Bild für das, was Nomos mit Twice Unique versucht. Ein Zifferblatt, auf dem fast reines Gold liegt und das darauf verzichtet, golden zu prahlen. Kostbarkeit, die man erst erkennt, wenn man weiß, worauf man schaut. Auf dem Forum lag neben den Auric-Mustern ein Stück unbearbeitetes Blattgold derselben Legierung. Es sah völlig anders aus. Das Licht, sagt Sachs, mache den Unterschied.

Raffinesse in Zeiten von Social Media

Das Kommunikationsproblem von Twice Unique ist kein Nomos-spezifisches, sondern eines der Gegenwart. Raffinesse besteht ihrem Wesen nach darin, nicht offensichtlich zu sein. Sie belohnt den zweiten Blick, das Herantreten, das Wissen um den Unterschied. Je näher man dem Zifferblatt kommt, desto stärker wirkt es. Die Welt, in der Uhren heute wahrgenommen werden, funktioniert genau umgekehrt.

Auf Instagram entscheidet man in Sekundenbruchteilen, ob ein Bild Aufmerksamkeit verdient. Ein Produkt muss sich dort selbst erklären, bevor der nächste Post nachrückt. Was dort gewinnt, ist das Laute: die ikonische Silhouette, der Name, der sofort Status signalisiert, die Farbe, die aus dem Feed springt, der Preis, über den man spricht. Ein palladiumentfärbtes Goldblatt, dessen Falten nur im Streiflicht sichtbar werden, hat auf einem 1080 Pixel breiten Quadrat keine Chance. Eine Fotografie zeigt eine hellgraue Fläche. Sie zeigt nicht, dass dort ein Zehntausendstel Millimeter Gold liegt, von einer der wenigen Vergoldermeisterinnen des Landes mit einem Eichhörnchenhaarpinsel aufgelegt.

Noch schwieriger wird es beim Paarkonzept. Ein einzelnes Bild kann schon zwei Uhren zeigen. Es kann aber keine Haltung zeigen, wer sie teilt, und warum das Stahlmodell keine Notlösung ist.

Twice Unique braucht Geschichten, und Geschichten brauchen Zeit – die Ressource, die im Instagram-Feed am knappsten ist. Dass viele Medien die Reihe zunächst auf der Messe nicht recht verstanden haben, ist deshalb weniger ein Versäumnis der Kommunikation als ein Verdienst, nicht nur sofort gefällige Produkte zu produzieren: Ein Luxusprodukt, das sich vollständig in einer Sekunde erklären ließe, wäre nicht Twice Unique und am Ende auch nicht Nomos.

Raffinesse lässt sich schwer abbilden, aber sie lässt sich erfahrbar machen: beim Händler, der das Paar unter die Lupe legt, in der Werkstatt, im Gespräch, im Bewegtbild, das dem Licht Zeit lässt, über das Gold zu wandern. Das ist langsamer und aufwendiger als jede Kampagne. Aber wahre Kennerschaft hat eben immer schon ein bisschen länger gedauert.

Der längere Weg

Nomos hätte es sich einfacher machen können. Eine Goldedition in limitierter Stückzahl, ein Preis, der Schlagzeilen macht, eine Wartezeit, die Begehrlichkeit erzeugt – das Instrumentarium ist bekannt und erprobt. Dass die Marke es nicht nutzt, hat auch mit ihrer Herkunft zu tun. Nomos ist seit dem ersten Tag Mitglied im Deutschen Werkbund, jener 1907 gegründeten Vereinigung, die Gestaltung als Frage von Qualität, Material und Gebrauch verstand und nicht als Frage von Ornament und Status.

Einer der Leitgedanken des Werkbundes ist bei Nomos bis heute präsent: Geld, das in gutes Handwerk investiert wird, ist nie verschwendet. Die Gründer wollten nach der Wiederentdeckung Glashüttes ausdrücklich nicht zurück zu einem Luxus für wenige Privilegierte, wie in den alten Tagen der Uhrmacherei. Gute und schöne Dinge für viele, nicht nur für die Happy Few.

Diese Haltung kostet Zeit. Eine Marke, die über Fertigungstiefe, Werkbund-Ethos und funktionales Design argumentiert, wird nicht über Nacht als Luxusmarke wahrgenommen. Sie muss ihre Glaubwürdigkeit Stück für Stück aufbauen, mit jedem Händlergespräch, jedem Werk aus Schlottwitz, jedem Kunden, der das Stahlmodell nicht als Sparversion, sondern als ebenbürtige Uhr begreift. Der Lohn dieses Umwegs kann aber erheblich sein.

Wer seinen Luxusanspruch auf Knappheit und Preis gründet, ist von beidem abhängig und muss die Schraube immer weiter drehen. Wer ihn auf Substanz gründet, auf das, was in der Uhr steckt und wie es gemacht ist, besitzt ein Fundament, das keiner Inszenierung bedarf und keiner Konjunktur der Begehrlichkeit ausgeliefert ist.

Darin liegt die strategische Pointe: Die Reihe befreit Nomos aus der Schublade der Value-for-Money-Manufaktur, ohne die eigene Identität aufzugeben. Sie zeigt, dass die Marke Gold kann, Kunsthandwerk kann, Unikat kann – und dass sie es auf ihre Weise tut. Das Gold dient hier nicht als Distanzmarkierung, sondern als Verneigung vor dem Handwerk und vor der Legende Glashüttes. Und das Stahlmodell an seiner Seite ist der Beweis, dass der Luxus nicht im Gehäuse sitzt.

Etti verweist auf ein weiteres Argument, das weit über Nomos hinausreicht: Die Kundschaft für feine mechanische Uhren schrumpft und altert. Eine Branche, die ihren Luxus allein über Ausschluss definiert, schließt auf Dauer auch den Nachwuchs aus. Ein Luxusverständnis, das auf Wissen und Wertschätzung setzt statt auf Zutrittsbeschränkung, öffnet die Tür für Menschen, die sich ihre Uhr nicht als Statussymbol kaufen, sondern als Ausdruck eigener Urteilskraft. Das ist der vielleicht modernste Gedanke in einem Projekt, das mit Hasenleim, Eichhörnchenhaar und Federhämmern arbeitet.

Eine goldene Kuppel für alle

Am Ende ihres Vortrags spricht Michelle Sachs wiederum über etwas, das über Technik hinausgeht. Gold komme auf jedem Kontinent vor, und fast jede Kultur habe es verwendet, seit mindestens 4.000 Jahren, von den Ägyptern bis zu den Maya. Es stehe für Reichtum und Macht, oft den Königen und Göttern vorbehalten. Aber es reflektiere auch Licht, warm wie Sonnenlicht, und bringe Licht in einen Raum. „Gold kann Menschen verbinden, nicht nur trennen“, sagt sie und blickt in einen Saal voller Menschen aus verschiedenen Ländern.

Gold ist zudem dauerhaft und lässt sich immer wieder einschmelzen. „Vielleicht war das Blattgold, mit dem wir heute arbeiten, vor 100 Jahren ein Ehering.“ Ewigkeit und Augenblick, sagt Sachs, liegen beim Vergolden eng beieinander. Das Material überdauert Generationen, und doch entscheidet sich alles in dem einen konzentrierten Moment, in dem das Blatt vom Pinsel auf den Grund gleitet.

Gefragt, was sie gern einmal vergolden würde, muss sie nicht lange überlegen. Am liebsten Außenvergoldungen, „weil die dann für jeden sichtbar sind, zumindest in der Theorie, und nicht nur bestimmten Menschen vorbehalten“. Ihr Traum wäre eine große goldene Kuppel, die man schon von Weitem sieht.

Es ist ein Satz, der auch von Nomos stammen könnte. Luxus, der nicht ausschließt, sondern leuchtet, für jeden, der hinschaut. Bei Twice Unique muss man dafür allerdings näher herangehen als an eine Kuppel. Wer es tut, wird belohnt.

Infokasten: Nomos Twice Unique

Neun Zifferblatt-Editionen (Rive Gauche, 1966, Moiré, Now, Scribble, Scribble Dark, Auric, Drift, Urania) auf fünf Modellen, nur als nummeriertes Paar in 18 Karat Gold und Edelstahl, gefertigt auf Anfrage bis Ende 2026, erhältlich über den autorisierten Fachhandel. Preis in Deutschland: auf Anfrage. Richtwerte aus dem US-Fachhandel, je Paar:

ModellWerkPreis je Paar (EUR)
Tangente 33DUW 4001, Handaufzug15.600
Tetra 27DUW 4001, Handaufzug16.100
LudwigDUW 4001, Handaufzug16.500
Orion neomatikDUW 3001, Automatik21.600
Tangente neomatik 38 UpdateDUW 6101, Automatik21.700

nomos-glashuette.com

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