Auf den Geneva Watch Days 2026 überraschte Bulgari mit zwei sehr außergewöhnlichen Uhren, die bei nahezu jedem Zusammentreffen von Uhrenjournalisten während des Events angeregt besprochen wurden.

Die Rede ist von der Octo Finissimo Dual Time x Vianney Halter, deren Steampunk-Look in Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Uhrmacher und Konstrukteur Vianney Halter entstanden ist, und der Octo Finissimo Dazzle im Erlkönig-Design.

Für die Gestaltung der beiden Neuheiten verantwortlich ist Fabrizio Buonamassa Stigliani, Executive Director of Product Creation bei Bulgari Watches. Er wurde 1971 in Neapel geboren und studierte Industriedesign in Rom. Nach seiner Tätigkeit im Fiat Style Centre wechselte er 2001 zu Bulgari. Seit 2007 leitet er das Watch Design Center der Marke. Zu seinen bekanntesten Kreationen gehört die Octo Finissimo.

Seine Designphilosophie orientiert sich dabei weniger am Prinzip „Form follows function“ als an der Überzeugung, dass Technologie ein Werkzeug ist, um Schönheit zu schaffen. Wahre Ikonen zeichnen sich für ihn zudem dadurch aus, dass ihre unverwechselbare DNA genügend Freiheit für immer neue Interpretationen lässt.

In Genf sprach Fabrizio Buonamassa Stigliani mit uns über die Neuheiten, Ikonen, die außergewöhnliche Kooperation mit MB&F sowie über das Kochen – insbesondere über die Zubereitung von Pasta und Soufflé und deren Parallelen zum Entwerfen von Uhren und zum italienischen Verständnis von gutem Design.

Mit der 2014 erschienenen Octo Finissimo hat Bulgari die Wahrnehmung der Marke in der Uhrenwelt nachhaltig verändert. Wie kam es dazu?

Fabrizio Buonamassa Stigliani: Ursprünglich waren wir ein Schmuckhersteller, der auch Uhren fertigte. Die Welt der unabhängigen Uhrmacher ist jedoch nach wie vor eine Art eigener Clan. Mit der Octo Finissimo begannen die Menschen, uns anders zu betrachten – als ebenbürtige Uhrenmanufaktur.

Wir können Uhrwerke selbst entwickeln und fertigen – sehr interessante Werke, ultraflache Werke. Dadurch öffneten sich für uns viele Türen.

Was ist das Besondere an der Octo?

Das ist eine spannende Sache. Heute ist es so, dass wir mit jeder neuen Octo-Interpretation eine neue Uhr schaffen – und es dennoch immer eine Octo bleibt. Nicht, weil wir besonders gut darin sind, neue Designs zu kreieren und einen Hype zu erzeugen. Sondern weil die ästhetische DNA der Octo mittlerweile so bekannt und bei Uhrenliebhabern quasi verinnerlicht ist.

Sie ist hinsichtlich ihres gestalterischen Aufbaus ausgesprochen einzigartig und sofort erkennbar. Heute können Sie das Zifferblatt sogar abdecken – wenn Sie diese Form sehen, wissen Sie, dass es eine Octo ist.

Nach 15 Jahren, in denen wir in unterschiedlichen Kategorien die Regeln gebrochen, mit verschiedenen Materialien gearbeitet und mit Künstlern, Architekten und Uhrmachern kooperiert haben, weiß ich, dass das interessanteste Merkmal der Octo ihre grundlegende DNA ist und weniger ihre jeweilige konkrete Ästhetik.

Man kann die Octo also durchaus als Ikone bezeichnen. Was genau macht ein Uhrendesign ikonisch?

Leider weiß ich es nicht. Wenn ich es wüsste, könnte ich ein ikonisches Design nach dem anderen entwerfen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass eines der wichtigsten Dinge bei Bulgari der Eklektizismus der Marke ist. Wir können sehr unterschiedliche Dinge auf unterschiedliche Weise machen, und trotzdem erkennt man immer dieselbe DNA: Mut, das Überschreiten von Grenzen und Kühnheit in der Kreativität.

Letztlich kann aber nur der Markt entscheiden, ob ein Produkt zu einer Ikone wird. Dabei spielt auch der Zeitpunkt eine Rolle. Man kann ein Produkt so gut wie möglich gestalten. Aber wenn der Zeitpunkt nicht der richtige ist, hat man keine Chance.

Zu den Highlights auf den diesjährigen Geneva Watch Days gehört die Octo Finissimo Dual Time x Vianney Halter. Wie ist es zu dieser Kooperation zweier doch sehr gegensätzlicher Welten gekommen?

Nach vielen Kooperationen mit Künstlern und Architekten, die sich stärker um ästhetische oder philosophische Konzepte drehten, sollte es diesmal um das Uhrwerk und die uhrmacherische DNA der Octo gehen. Deshalb suchten wir die Zusammenarbeit mit Vianney Halter.

Er ist eine wirklich außergewöhnliche Persönlichkeit und ein fantastischer Uhrmacher. Aber ich hatte ihn vorher nie persönlich getroffen. Unser erstes Treffen war daher wie ein Blind Date: Man trifft jemanden, den man noch nicht kennt, und möchte herausfinden, ob eine Zusammenarbeit funktionieren könnte. Eine konkrete Vorstellung hatte ich da noch nicht.

Was hat Sie davon überzeugt, dass diese Zusammenarbeit funktionieren könnte?

Indem wir zunächst einmal gar nicht über Uhren gesprochen haben. Stattdessen haben wir uns über Dinge ausgetauscht, die wir lieben. Einige Monate später trafen wir uns ein zweites Mal, und er war bereit, etwas gemeinsam mit uns zu entwickeln.

Darauf folgten drei Jahre der Konzeption und Kreation, in denen sich ganz natürlich die Idee zu dieser Uhr entwickelte. Wir haben nie gesagt: Das ist unser Briefing, das müssen wir genau so machen.

Als das Konzept dann schließlich stand, galt es, ein Modul zu entwickeln, das mit dem Basiswerk der Octo Finissimo funktioniert, um die Vorstellungen von Vianney realisieren zu können. Um etwas wirklich Uhrmacherisches entstehen zu lassen, nicht einfach nur eine weitere gestalterische Variante.

Für unsere Uhrmacher und mich sind solche Kooperationen immer eine besonders spannende Lernerfahrung. Und mit Vianney war es wirklich großartig.

Ich war zugegebenermaßen etwas überrascht, als ich die Uhr zum ersten Mal gesehen habe. Da ist einerseits Vianneys unverkennbarer Steampunk-Einfluss, andererseits das vertraute Design der Octo. Bevor ich die Uhr gesehen habe, hätte ich nicht gedacht, dass diese beiden Elemente zusammenpassen.

Das haben wir sehr häufig gehört. Und auch wir haben zunächst gedacht: Das kann niemals funktionieren. Vianney ist sehr bekannt für seine eigene Denkweise und seine ganz persönliche Perspektive. Und genauso hat die Octo ihre ganz eigene DNA und Gestaltungsphilosophie.

Wenn Sie die Octo Finissimo Dual Time x Vianney Halter neben eine bekannte Octo Finissimo legen, entdeckt man im ersten Moment nur die Unterschiede. Aber wenn Sie sie zum Beispiel neben die Octo Finissimo Ultra mit ihrem gravierten Sperrrad ansehen, dann erkennt man etwas sehr Interessantes. Nämlich eine starke Gemeinsamkeit, und zwar die ungewöhnliche Vier-Anzeigen-Architektur mit vier klar voneinander getrennten Anzeigeelementen in asymmetrischer Anordnung.

Während aber die Octo Finissimo Ultra extrem flach ist, sind die Uhren von Vianney sehr dreidimensional, auch weil sie mit äußerst komplexen Uhrwerken ausgestattet sind. Wenn man nun sieht, wie die Octo-Elemente aus der flachen Grundfläche hervortreten, ist das ausgesprochen faszinierend. Es ist fast so, als würde die Uhr zum Leben erwachen.

Diese außergewöhnliche Octo-Variante bestätigt also Ihre Aussage von eben, dass man sehr viel mit einem ikonischen Design machen kann, ohne dass es seinen eigentlichen Kern, seine DNA, verliert.

Richtig. Wenn Sie die Vianney-Interpretation und die Octo Finissimo Ultra sehen, dann erkennt man schnell ein und dieselbe Idee dahinter. Beide haben ein Zifferblatt, welches die Funktionen aufteilt und diese nicht im Zentrum der Uhr, sondern unkonventionell positioniert. Zugleich haben beide Uhren eigentlich nichts gemeinsam. Und genau deshalb sind sie so einzigartig.

Für einen Designer ist es übrigens die schönste Eigenschaft einer Ikone, dass man nicht gezwungen ist, bei jeder neuen Interpretation immer dieselben dekorativen Elemente zu verwenden.

Eine weitere Neuheit ist die auffällige Octo Finissimo Dazzle. Welche Überlegung steckte dahinter?

Im Grunde genau das, was wir eben besprochen haben. Durch das Muster tritt für das Auge die Form der Uhr völlig in den Hintergrund. Dennoch weiß man sofort, dass es eine Octo ist. Als Inspirationsquelle dienten die verwirrenden, fast psychedelischen Erlkönig-Muster aus der Automobilindustrie, mit denen Prototypen bei Testfahrten auf öffentlichen Straßen beklebt werden. Dabei geht es weniger um Tarnung als um eine optische Täuschung. Das Auge hat dadurch Schwierigkeiten, die tatsächlichen Karosseriekonturen, Kanten und Flächenverläufe zu erkennen.

Als ich jung war, wurden diese Prototypen mit großen Stoßfängern und Kunststoffteilen vollständig verhüllt, damit man ihre Form nicht erkennen konnte. Heute überzieht man das Fahrzeug einfach mit einem dieser Muster, sodass das Auge die Form nicht mehr lesen kann. Das Gehirn nimmt fast nur noch das Muster wahr, und die Form ist nicht mehr eindeutig erkennbar. Eine Octo erkennt man dennoch sofort – das zeichnet sie als echte Ikone aus.

Bei der Dazzle geht es also um weit mehr als um ein dekoratives Muster?

Ja, und wir haben es ganz bewusst eingesetzt – auch mit Blick auf die Uhrensammler. Diese besitzen vielleicht 40, 50, 100, 200 oder sogar 500 Uhren. Sie benötigen nicht einfach noch eine weitere Uhr, um die Zeit abzulesen.

Um ehrlich zu sein: Auch ich schaue eine Uhr an, weil sie schön ist. Die Zeit lese ich auf meinem Mobiltelefon ab. Wir brauchen eigentlich keine Uhr mehr am Handgelenk, um zu wissen, wie spät es ist. Wir kaufen eine Uhr, weil wir Uhren und die Idee dahinter lieben.

Weil es um Emotionen geht?

Genau. Mit der Dazzle wollen wir den Sammlern und Uhrenliebhabern etwas anbieten, was eigentlich keine Uhr mehr ist, sondern eine Idee. Sie wurde für jemanden gemacht, der bereits sehr viele Uhren besitzt. Sie ist so anders, und ich habe auch Kommentare bekommen wie: „Ehrlich gesagt, ich verstehe sie nicht.“

Für mich ist sie unter den diesjährigen Bulgari-Neuheiten mein Favorit, unter anderem, da sie sofort zum Nachdenken anregt, weshalb die Uhr so ist, wie sie ist. Man setzt sich mit ihr auseinander und baut sofort eine Beziehung auf.

Ja, sie spricht einen sehr subtil und zugleich sehr direkt an. Denn es geht nicht einfach um ein braunes oder grünes Zifferblatt oder irgendeinen anderen neuen Farbton. Es geht um ein Konzept. Und die Octo eignet sich perfekt für eine solche Designstudie, weil sie flach ist und eine relativ große Oberfläche besitzt, mit der man spielen kann.

Sie haben gesagt, dass Sie eine Uhr in erster Linie anschauen, weil sie schön ist. Bulgari hat aber auch viele Uhren mit ausgefeilter Technologie und komplexer Mechanik. Kann Technologie auch schön sein?

Ja, natürlich. Wir Italiener haben da eine interessante Perspektive. Die deutsche und die italienische Designphilosophie sind sich in gewisser Weise ähnlich und gleichzeitig sehr unterschiedlich. Für die Deutschen gilt normalerweise: „Form follows function“. Dieter Rams, langjähriger Chefdesigner des Elektronikherstellers Braun, ist dafür ein gutes Beispiel.

Als ich jung war, war es ein Traum von mir, Dieter Rams kennenzulernen oder mit dem Braun-Designstudio zu arbeiten. Ich habe viele Bücher über seine Arbeiten gelesen. In einem dieser Bücher gibt es ein Foto seines eigenen Studios. Darauf sieht man auch seinen Schreibtisch – und darauf liegt ein Bulgari-Stift. Das war für mich sehr cool.

Für Italiener bedeutet „Form follows function“ aber etwas anderes. Wir sagen eher: Die Schönheit folgt der Funktion. Technologie ist ein Werkzeug, um mögliche Grenzen zu überwinden und etwas Ästhetisches zu schaffen. Technologie allein ist für Italiener niemals eine Errungenschaft. Wir nutzen sie, um Schönheit zu schaffen.

Wir lieben beispielsweise den Motor eines Ferrari, weil dort Ingenieurskunst zur Ästhetik wird. Der Motor, der Klang – seine Schönheit wird erst durch Technologie möglich.

Gutes Design ist für Sie also die gelungene Kombination von Schönheit und Technik?

Richtig. Wissen Sie, in Italien sprechen wir weniger vom Design – das Wort kommt ja aus dem Englischen –, sondern lieber von der „arte applicata all’industria“, also von der angewandten Kunst für die Industrie. Ich mag diesen Ausdruck sehr, denn er trifft das italienische Verständnis von guter Gestaltung.

Für uns ist jede Tätigkeit, bei der ein Handwerker etwas Schönes mit seinen Händen erschafft, angewandte Kunst. Die Franzosen nennen das „métiers d’art“. In Verbindung mit industrieller Fertigung ist es dann die angewandte Kunst für die Industrie.

Das zeigt gut, wie wir Italiener und wie ich über gute Gestaltung funktionaler Gegenstände denken: Ingenieurskunst allein ist zu kalt, und ein Kunstwerk allein ist nur schön. Ein reines Kunstwerk kann man nicht wirklich benutzen.

Aber wenn eine Uhr perfekt funktioniert, jedoch keine Emotion erzeugt, ist sie ein kaltes Objekt. Man sagt vielleicht: „Wow, das ist ja toll.“ Aber man trägt sie einige Wochen und legt sie dann in den Safe.

Beide Aspekte versuche ich bei meinen Entwürfen zu verbinden. Technologie spielt dabei genauso eine Rolle wie Schönheit. Technologie kann also schön und Schönheit technologisch sein.

Sie haben Ihre Karriere als Designer in der Automobilindustrie begonnen. Haben Sie es eigentlich jemals bereut, zu den Uhren gewechselt zu sein?

Am Anfang schon, weil ich große Objekte liebe und Uhren ja so klein sind. Ich habe mich manchmal tatsächlich gefragt: Warum mache ich das eigentlich? Aber wenn ich mir die Automobilindustrie heute ansehe, ist sie für Designer sehr langweilig geworden. Bestimmte Formen von Kühlergrill oder Scheinwerfern müssen zum Beispiel mehr oder weniger unverändert beibehalten werden, damit man ein Automodell sofort erkennt.

Bei der Octo ist das anders. Wenn ich Materialien kombiniere oder das Finishing verändere, erkennt man dennoch: Das ist eine Octo. Das ist ausgesprochen einzigartig. Deshalb kann man mit jeder neuen Kooperation den Charakter der Uhr verändern, und trotzdem bleibt es eine Octo – und zwar nicht wegen des Logos auf dem Zifferblatt.

Als Designer halte ich das für eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Und darauf bin ich besonders stolz. Nicht nur, weil wir technische Rekorde gebrochen haben, sondern weil wir die Wahrnehmung unserer Kunden verändert haben. Heute haben wir mit der Octo ein Objekt, das sehr stark wiedererkannt wird – nicht nur wegen seiner Ästhetik, sondern wegen seiner Seele.

Eine Uhr besteht aus vielen verschiedenen Teilen: Gehäuse, Armband, Zifferblatt, Zeiger und natürlich dem Uhrwerk. Denken Sie beim Entwurf eines neuen Modells eigentlich immer an die Uhr als ein vollständiges Objekt?

Das kommt darauf an. Manchmal entwerfe ich einen Zeitmesser, der sehr stark integriert sein muss – es soll ein einziges, in sich zusammenhängendes Produkt sein.

Integriertes Design ist sehr interessant und bietet viele Möglichkeiten für schöne Zeichnungen und Ideen. Es kann aber auch langweilig werden. Es kann zu nah an der Perfektion sein. Und für uns Italiener kann Perfektion auch ein wenig langweilig sein.

Ich liebe zum Beispiel Dinge, die nicht auf den ersten Blick symmetrisch sind, so wie die Octo Finissimo Dual Time x Vianney Halter. Man fragt sich vielleicht: Warum befindet sich diese Lünette nicht genau in der Mitte? Die Antwort ist, dass man so erkennt, dass sich im Inneren das Uhrwerk befindet, das bestimmte Proportionen vorgibt. So entsteht das Wechselspiel zwischen Technik und Schönheit.

Manchmal bevorzuge ich aber auch die klassische Herangehensweise, bei der die Funktionen voneinander getrennt betrachtet werden: Das Armband soll ein Armband sein. Das Gehäuse soll ein Gehäuse sein.

Wenn Sie mit dem Design eines neuen Modells oder eines Teils davon beginnen – entsteht der Prozess zunächst in Ihrem Kopf, auf dem Papier oder am Computer?

Ich denke, dass es im Kopf beginnt. Ich sehe in einem bestimmten Moment eine Feder oder ein Blatt, das sich im Wind bewegt, und dann beginnt ganz unbewusst ein kreativer, schöpferischer Prozess – für mich einer der mysteriösesten Vorgänge überhaupt. Manchmal suche ich aber auch konkret nach einer Idee, und all die Informationen, die dabei zusammenkommen, helfen mir, zu einem Ergebnis zu kommen.

Häufig taucht dann ganz plötzlich etwas in meinem Kopf auf. Ich sehe Bilder und beginne zu zeichnen. Noch heute zeichne ich auf Papier – mit Markern, Kugelschreiber oder Füllfederhalter.

Wie erkennen Sie, ob ein Design fertig ist?

Das kommt mit der Erfahrung. Irgendwann erkennt man den Moment, in dem man „Stopp“ sagen und aufhören muss. Sonst optimiert man etwas, das nicht mehr optimiert werden sollte. Wenn man jung ist, besteht häufig die Gefahr, ein Objekt zu überdesignen.

Ich erzähle bei Interviews immer gerne die Geschichte von der Pasta in Italien. Es gibt genau einen Moment, in dem die Pasta perfekt ist. Wenn man sie zu früh oder zu spät aus dem Wasser nimmt, ist sie nicht mehr perfekt.

Eine Uhr zu entwerfen, ist in gewisser Weise vergleichbar mit der Arbeit eines Kochs beim Entwickeln eines neuen Rezepts. Die Zutaten liegen auf dem Tisch, aber jeder Koch zaubert etwas anderes daraus. In der Uhrenindustrie ist es im Grunde genauso. Wir haben alle dieselben Zutaten: Uhrwerk, Gehäuse, Zifferblatt, Zeiger, Armband, Räder, Federn und Hebel. Aber jeder kann daraus seine eigene Uhr kreieren.

Der Koch muss viele Dinge gleichzeitig beherrschen: die Zutaten, das Timing und auch die Art, wie er das Gericht präsentiert. Auch das ist eine interessante Parallele zur Kreation und Fertigung von Uhren.

Es gibt immer diesen einen Moment, in dem die Pasta beziehungsweise die Uhr perfekt ist und ich den Designern in unserem Studio sage: „Okay, jetzt ist es Zeit, die Seite umzublättern.“ Wenn man diesen Moment nicht erwischt, beginnt die Idee wie ein Soufflé in sich zusammenzufallen.

Am Anfang ist eine Idee immer wunderschön. Aber wenn man zu lange daran arbeitet und gleichzeitig immer mehr Lösungen findet, beginnt sie langweilig und beliebig zu werden. Man verliert den Schwung und die Idee ihren Reiz.

Lassen Sie uns über eine weitere ikonische Uhr von Bulgari sprechen: die Serpenti. Unter Ihrer Leitung wurde sie vielseitiger und für ein breiteres Publikum attraktiv. 

Wir haben die Serpenti Tubogas 2010 in Basel vorgestellt. Als ich sie entwarf, habe ich zwei Dinge miteinander kombiniert, die schon immer Teil der DNA der Marke gewesen waren: die flexiblen Tubogas-Armbänder und das Schlangenmotiv Serpenti. Das klingt einfach. Aber manchmal ist etwas so einfach, dass man es nicht sieht.

Wie ist es dazu gekommen?

Die Serpenti Tubogas in der heutigen Form ist tatsächlich durch einen Zufall entstanden. Wir hatten ein Meeting, und das Briefing lautete, die Bvlgari Bvlgari neu zu gestalten. Nach sechs Meetings sagte ich: „Leute, ehrlich gesagt verschwenden wir unsere Zeit. Die Uhr ist perfekt. Ich kann die Bvlgari Bvlgari nicht besser gestalten als die Uhr, die bereits in der Boutique liegt.“

Der CEO sah mich an und fragte: „Was sollen wir dann tun?“ Und ich sagte: „Warum bringen wir nicht die beiden Dinge zusammen – das Tubogas-Armband und den Kopf der Serpenti, aber ohne Abdeckung und ohne Augen? Einfach, um daraus eine Uhr zu machen.“

Er fragte: „Bist du sicher? Eine Serpenti?“ Bei Bulgari haben wir damals vielleicht zehn oder 15 Serpenti pro Jahr lanciert, also eine ganze Menge. Dennoch sagte er: „Okay, wir versuchen es.“

Auf der Baselworld war die Uhr ein unglaublicher Erfolg. Bis heute ist sie unsere wichtigste Produktlinie. Dank der Serpenti Tubogas entdeckte das Unternehmen das tatsächliche Potenzial der gesamten Serpenti-Linie.

Die Serpenti und die Octo sind sehr unterschiedlich. Aber beide sind Ikonen und beide sind Bulgari-Uhren. Was haben sie gemeinsam?

Das Denken außerhalb der gewohnten Grenzen. Das ist die eigentliche DNA der Marke: die Fähigkeit, Dinge miteinander zu kombinieren, die scheinbar nicht zusammenpassen. Genau darum geht es.

Bulgari hat bereits im vergangenen Jahr eine außergewöhnliche Uhr präsentiert. Und zwar ist in Zusammenarbeit mit MB&F eine spektakuläre Serpenti entstanden. Das war aber nicht die erste Zusammenarbeit mit der Marke.

Richtig, 2021 hatten wir bereits gemeinsam die Legacy Machine FlyingT Allegra vorgestellt. Niemand hätte danach gedacht, dass wir gemeinsam eine zweite Uhr kreieren könnten, die noch unglaublicher sein könnte als diese. Aber alle fragten immer: „Was kommt nach der Allegra Flying Tourbillon?“ Und wir sagten: „Wir wissen es nicht.“

Wenn wir eine Idee finden, können wir sie umsetzen. Wenn nicht, machen wir es nicht. Denn die Erwartungen waren inzwischen so hoch, dass es gefährlich geworden wäre, einfach nur aufgrund der Nachfragen schnell eine neue gemeinsame Uhr zu entwerfen. Wir haben diesem Gedanken seine Zeit gegeben, und das Ergebnis ist, wie Sie sagen, spektakulär.

Die Uhr trägt den Namen Bulgari x MB&F Serpenti. Was steckt dahinter?

Die ursprüngliche Idee war es, eine Serpenti für Männer zu gestalten. Aber ehrlich gesagt war ich davon nicht besonders begeistert. Wir haben 15 Jahre damit verbracht, Männern zu zeigen, dass wir Uhrmacherei auf eine bestimmte Weise beherrschen. Wenn wir jetzt am Anfang einfach ein Octo-Finissimo-Werk nehmen und es in ein Serpenti-Gehäuse setzen würden, würden wir 15 Jahre Arbeit zerstören.

Vielleicht gibt es bei bestimmten Sammlern Interesse an einer solchen Serpenti für Männer. Aber wir wollten einen besseren Weg finden. Und dafür muss man sich Zeit lassen, damit eine Idee wachsen kann. Ich hatte dann die Vorstellung, durch die Augen der Schlange, die bei den Damenmodellen oft hypnotisch mit Edelsteinen besetzt sind, das Uhrwerk sichtbar zu machen. Aber es gab kein Uhrwerk, das dafür geeignet war.

Ich weiß nicht warum, aber plötzlich tauchte die HM10 Bulldog von MB&F in meinem Kopf auf. Und dann wusste ich: Das ist es. Ich sah diese Uhr mit ihrer gewölbten Form, der zentralen Unruh und den beiden Kegeln und dachte: Ich habe ein Uhrwerk gefunden.

Ich habe dann innerhalb einer Stunde ungefähr 30 Skizzen gemacht, Fotos davon aufgenommen und Max Büsser eine Nachricht geschickt: „Max, ich habe eine Idee. Ich schicke dir ein paar Skizzen. Sag mir, was du davon hältst.“ Seine Reaktion war: „Das ist unglaublich. Das müssen wir machen.“

Man muss den richtigen Zeitpunkt für das richtige Produkt erwischen. Manchmal denke ich, dass wir sehr interessante Ideen verworfen haben, nur weil der Zeitpunkt nicht richtig war.

Aber diese Ideen bestehen ja noch, und irgendwann kommt sicher der richtige Moment.

Um noch einmal auf das Bild des Pastakochens zurückzukommen: In Italien mögen wir es nicht, wenn man die gekochte Pasta in den Kühlschrank stellt, um sie am nächsten Tag wieder aufzuwärmen. Für uns schmeckt sie dann nicht mehr genauso. Es ist dasselbe mit Ideen: Sie gelingen selten, wenn sie aufgewärmt werden.

Bei Bulgari haben wir noch eine weitere Obsession: Wir sind niemals zufrieden. Wir suchen immer nach den bestmöglichen Ideen. Das kann manchmal frustrierend sein. Man muss sehr viel Energie investieren und sehr viele Ideen entwickeln. Aber genau deshalb entstehen jedes Mal unterschiedliche und fantastische Dinge.


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