In der heutigen Zeit verläuft man sich nicht mehr in der Stadt. Karten, Straßen, Ziele – alles ist stets griffbereit, jederzeit, auf dem Bildschirm in der Hand. Doch haben wir es tatsächlich verlernt, uns zu verlaufen? Oder ist uns nur das Wanderherz abhandengekommen? Mit dieser Frage beginnt Tsuyoshi Tane, Architekt der Ausstellung und Gründer des Pariser Ateliers ATTA, sein Vorwort zum Katalog der Wiener Ausstellung „Glanzstücke“.

Tane hat nämlich die Szenografie der Ausstellung bewusst als Labyrinth angelegt, etwas ungewöhnlich, er denkt die Räume als einen Ort des Umherstreifens. So soll der Alltag verblassen, sollen die Grenzen von Zeit und Raum verschwimmen. Wie ein Kind, das durch einen Märchenwald streift, sind Besucher bis zum 27. September eingeladen, sich in Wien zu verlieren, innezuhalten und zu staunen. Eine Ausstellung, so Tane, sei eben mehr als eine Präsentation – sie sei ein unwiederholbarer Moment, in dem Zeit und Ort zusammenfinden und Kultur Gestalt annehmen. Und wünschen wir uns das nicht alle manchmal: Im Hier und Jetzt zu verweilen? Vielleicht findet so mancher dabei jene Wanderlust wieder, die die Navigation im Smartphone uns leider nur allzu oft abnimmt.

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Mit Wanderlust durchs Wiener Museum für Kunsthandwerk

Nicht zufällig trägt das erste Kapitel der Ausstellung den Titel Wanderlust. Es ist ein deutsches Wort, das die Welt erobert hat: Im Englischen wird es bis heute unübersetzt verwendet, wenn die Sehnsucht nach der Ferne gemeint ist – das Verlangen, aufzubrechen, zu wandern, sich treiben zu lassen. Seine Wurzeln reichen in die Romantik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts: in die Tradition der Grand Tour, in die Wanderjahre der Handwerksgesellen, in Goethes Italienreise und in die singenden Wanderer der Schubert-Zeit. Wanderlust meint nie nur das Reisen, sondern immer auch eine innere Haltung – die Neugier auf das Fremde und die Bereitschaft, sich davon verzaubern zu lassen.

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Van Cleef & Arpels hat diese Sehnsucht von Anfang an geteilt. Schon in seinen Anfängen richtete das 1906 am Place Vendôme gegründete Haus den Blick in die Ferne und knüpfte an die romantischen Strömungen seiner Zeit an. Japonismus, Mittelalterrezeption und Orientalismus des 19. Jahrhunderts wirkten im Art déco fort und prägten seit den 1910er Jahren die Entwürfe der Maison; 1923, kurz nach der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun, entstanden Schmuckstücke mit ägyptischen Motiven. Die zahlreichen Reisen der Brüder Claude, Jacques und Pierre Arpels lieferten Namen und Inspirationen, die an Venedig oder Delphi denken lassen. Es ist eine Wanderlust, die sich in Edelsteine übersetzt.

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Auf der anderen Seite steht das MAK, das schon bei seiner Gründung 1863 als Österreichisches Museum für Kunst und Industrie international ausgerichtet war – mit einem Fokus auf den Vorderen Orient und Ostasien. Aus Ankäufen der Wiener Weltausstellung 1873 und aus ehemals kaiserlichem Besitz erwuchs eine der erlesensten Orientteppich-Sammlungen der Welt. Zwei Häuser also, deren Geschichte vom Fernweh erzählt wird.

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Drei Jahre Vorbereitung

Drei Jahre lang haben das Pariser Haute-Joaillerie-Haus und das Wiener Museum ihre Sammlungen durchforstet: 400.000 Museumsexponate, teils jahrzehntelang nicht gezeigt trafen auf 3.000 Stücke aus der Sammlung van Cleefs: Das Ergebnis, seit dem 10. Juni und noch bis zum 27. September 2026 wird ein vielschichtiger Dialog zwischen Van Cleef & Arpels und dem MAK innerhalb der dekorativen Künste selbst zu sehen sein. Rund 350 Schmuckstücke, Objekte der Juwelierkunst und Uhrmacherei aus der patrimonial Collection der Maison treffen auf etwa 160 Glanzstücke der MAK-Sammlung aus dem 13. bis 20. Jahrhundert – von mittelalterlichen Textilien bis zu den Entwürfen der Wiener Werkstätte, neben Arbeiten von Klimt, Moser und Hoffmann.

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Sechs Themengebiete von Natur, Architektur bis zum Kosmos

In sechs Themenbereichen lotet die Schau diese Verwandtschaften aus: Wanderlust, Architecture, Rhythmic Designs, On Stage, Metamorphoses und Nature & Cosmos. Geführt wird man durch Tsuyoshi Tanes Labyrinth, in dem sich Epochen, Kulturen und Disziplinen überlagern. Die patrimonial Collection, die der Neffe des Gründer-Paars, Jacques Arpels, in den 1970er Jahren durch den Rückkauf historischer Stücke begründete, umfasst heute mehr als 3.000 Kreationen und dokumentiert die Entwicklung des Hauses von 1906 bis in die Gegenwart. Kuratorin Anne-Katrin Rossberg, am MAK für die Metallsammlung und das Wiener-Werkstätte-Archiv verantwortlich, beschreibt den Kern der Schau als ein Manifest gemeinsamer Haltung: „Zusammen verkörpern wir kompromisslose Handwerkskunst und künstlerische Erfindung.“

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Diese Glanzstücke bleiben noch lange im Gedächtnis

Die Zip Halskette (1955) steht, gemeinsam mit einem Paravent der Wiener Werkstätte, gleich zu Beginn des Parcours – und ziert das Cover des Katalogs. Inspiriert vom Reißverschluss der Fliegeranzüge, überträgt sie ein rein funktionales Prinzip in ein kostbares Schmuckstück: Zähne aus Gelbgold, gesäumt von einem Gewebeband im Körper-Look, dazwischen im Brillantschliff gefasste Smaragde in Herzmotiven, im Wechsel mit runden Diamanten. Der mit Brillanten besetzte Schieber endet in einer Gelbgold-Quaste – und lässt sich tatsächlich schließen, sodass aus der Halskette ein Armband wird. Die erste Adaption des Reißverschlusses meldete die Maison schon 1938 als verzierten Schnellverschluss zum Patent an; 1951 folgte das Patent für die Verwandlung zur Halskette. Bis heute gilt die Zip als Quelle der Innovation für die Pariser Ateliers und ist, weil sie so selten gefertigt wird, extrem begehrt bei den Topkunden der Maison.

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Credit © Van Cleef & Arpels Collection | © MAK/Georg Mayer

Die Miniatur-Nachbildung der Varuna-Yacht aus dem Jahr 1906 ist nicht das älteste Stück der Sammlung von van Cleef & Arpels (sie entstand im Gründungsjahr der Maison). Auf dem Sockel sind die Namen der Gründer eingraviert: „A. Van-Cleef & S. Arpels. Joailliers. Paris.“ Mit beeindruckendem Realismus ist das berühmte Schiff einer amerikanischen Familie in Gelbgold gearbeitet: ein Rumpf aus grünem und weißem Email, Bullaugen in Rot, zwei Masten, ein Schornstein, sechs Rettungsboote, ein gravierter Silberdeckbelag und eine amerikanische Flagge am Heck. Das Boot fährt auf einer bewegten See aus skulptiertem Jaspis oder Jade, gebettet auf einen Sockel aus Ebenholz. Und es ist nicht nur Dekor: Eine eingebaute elektrische Klingel rief einst den Hausdiener herbei. Das Original gehörte Eugene Higgins, Erbe einer reichen amerikanischen Familie; die Presse feierte die Varuna als eines der großartigsten Dampfsegelschiffe ihrer Zeit. Im Kapitel Wanderlust steht sie, neben dem Portugiesen-Teppich, für eine Epoche, in der Bahn, Überseedampfer und Automobil die Welt schrumpfen ließen.

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Nicht fehlen darf natürlich das berühmte Armband mit Mystery Setting aus dem Jahr 1936: Zehn Platinfelder wurden dicht und gleichmäßig mit Rubinen besetzt – und nicht der geringste Anschein einer Steinfassung ist zu sehen. Diese unsichtbare Fasstechnik, das Mystery Set, zählt für van Cleef & Arpels zu den bedeutendsten Fortschritten der Juwelierkunst des 20. Jahrhunderts. Das erste Patent meldete Van Cleef & Arpels am 2. Dezember 1933 an; eine Verbesserung von 1936 erlaubte erstmals geschwungene Formen und mehr Volumen. Das ausgestellte Armband gehört zu den frühesten Stücken, die davon profitierten; seine Seiten sind mit kalibrierten Diamanten besetzt, deren Form exakt den Konturen folgt. Entwickelt wurde die Technik unter der künstlerischen Leitung von Renée Puissant – mitten in den wirtschaftlichen Nachwehen des Börsencrashs von 1929, als die Maison ihrer Kreativität trotzdem freien Lauf ließ.

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Der Name der Chatelaine-Uhr von 1924 führt weit zurück: Vom mittelalterlichen Clavendier, an dem die Schlossherrin ihre Schlüssel trug, leitet sich im 19. Jahrhundert der Haken am Unterrock ab, an dem Anhänger und Uhren hingen; um 1900 meinte das Wort eine Brosche mit verborgener Uhr. Das gezeigte Modell von 1924 ist ein Kind der Zwanzigerjahre: ein rechteckiges, schwarz emailliertes Gehäuse, auf dem sich in Gelbgold eine Landschaft im Stil chinesischer und japanischer Lackdekore abhebt, gerahmt von Diamanten auf Platin und Jade imitierendem grünem Email. Eine schwarze Textilkordel verbindet die Uhr mit einer Motivscheibe, hinter der sich die Anstecknadel verbirgt; eine Perle markiert die Aufzugskrone. Die Uhr erzählt von der China- und Japan-Begeisterung jener Jahre – von den Weltausstellungen über den Pariser Opernball von 1923 bis zu Modeschöpfern wie Paul Poiret.

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Bei der Ludo, der sogenannten geheimen Armbanduhr aus dem Jahr 1937 dürfte der eine oder andere Sammler sich an die diesjährige Uhrenmesse erinnert fühlen. Ein anschmiegsames Gliederarmband aus kleinen, sechseckigen Elementen in poliertem Gelbgold, in dessen Mitte sich ein rechteckiges Zifferblatt verbirgt – hinter einem mit Diamanten besetzten Klappverschluss, der sich erst zum Ablesen der Zeit öffnet. Das erste Ludo-Armband von 1934 war aus polierten Gelbgold-„Briquettes“ im Backsteinmuster gefügt und erinnerte an einen Gürtel; seine Ästhetik wanderte über Ringe, Broschen und Ohrringe bis zur Uhr. Auf der Watches and Wonders 2026 hat van Cleef & Arpels unter dem Leitthema „Poetry of the Heavens“ die Ludo Secret zurückgeholt – nach einem Archetyp von 1949. Die Gliederkette aus spiegelpoliertem Gelbgold ist nun mit Saphiren besetzt, die einen sanften Blauverlauf zeichnen; ein Trompe-l’œil-Verschluss gibt auf beidseitigen Druck ein guillochiertes Perlmutt-Zifferblatt frei, bekrönt von einem Saphir im Baguetteschliff bei zwölf Uhr. CEO Catherine Renier versteht diese Rückkehr als Teil der kreativen Kontinuität des Hauses: das Wiederlesen und Neuerfinden der eigenen Sprache.

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Eine ganz andere Dimension hat die Bilderuhr mit Ansicht der Karlskirche in Wien, die um das Jahr 1825 entstanden ist. Es ist nicht nur ein Glanzstück aus der MAK-Sammlung, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Uhrmacherkunst, Malerei und kostbaren Materialien – weniger Zeitmesser des Alltags als dekoratives Schaustück. Die Vorderseite ist fast vollständig mit Perlmutt belegt und reich mit vergoldeter Bronze verziert; in den Ecken erscheinen die Jahreszeiten als Allegorien, im Zentrum der Karlsplatz mit Karlskirche und Technischer Hochschule, in dieser Ausführung Balthasar Wigand zugeschrieben. Über der Malerei spannt sich ein Stundenbogen, auf dem am Tag eine bewegliche Sonne, in der Nacht ein Mond die Zeit anzeigt; im Inneren arbeitet ein Federzugwerk mit Viertelstundenrepetition und Spielwerk. Solche Uhren waren ausgesprochene Luxusobjekte – größere Ausführungen konnten so viel kosten wie ein Haus. Eine identische Uhr wurde 1825 aus der Galanteriewarenhandlung von Stephan Syré angeboten, ansässig am Kohlmarkt – jener Adresse, an der van Cleef & Arpels heute seine Wiener Boutique führt.

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Dass die Cadenas Armbanduhren aus dem Jahr 1935 nicht längst ein Uhrenklassiker sind, mag an ihrem Quarzwerk liegen, das sie heute antreibt. Das Gehäuse ist einzigartig, man vergisst es nicht, wenn man sie gesehen hat: Das prismenförmige Gehäuse mit sechseckiger Basis läuft in einen gebogenen Bügel aus, der an ein Vorhängeschloss erinnert; umgriffen wird er vom Verschluss einer doppelten Kette. Zuerst in Gelbgold aufgelegt, kam sie bald mit Saphiren, Rubinen, Diamanten oder Smaragden, auch in Platin mit Pavé-Diamanten. Mit der Übertragung eines Alltagsgegenstands auf eine Uhr steht die Cadenas den Readymades Marcel Duchamps und den Surrealisten nahe – man denke an den Schuh-Hut, den Elsa Schiaparelli 1937 mit Salvador Dalí entwarf. Ihr Clou: Das zum Handgelenk hin gedrehte Zifferblatt erlaubt es, „auch im Geheimen einen Blick auf die Uhrzeit zu werfen“. Bis heute gehört die Cadenas, in immer neuen Spielarten, zum festen Bestand der Kollektion.

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Bei einer Ausstellung von Van Cleef & Arpels darf ein Spieluhren-Automat von François Junod natürlich nicht fehlen: Vielleicht am unmittelbarsten zeigt sich der Geist der Schau in einem berühmten Automaten, der in langjähriger Zusammenarbeit mit dem Schweizer Automatenbauer François Junod aus Sainte-Croix entstand. Junod, einer der letzten Meister seines Fachs, arbeitet seit 2017 für die Extraordinary Objects der Maison – von der Fée Ondine über die Fontaine aux Oiseaux bis zu Naissance de l’Amour. Die Geschichte der Automaten ist eng mit der Entwicklung der Uhr und der Beherrschung der Mechanik verwoben; hier, im Labyrinth, schlägt sie sprichwörtlich hörbar den Bogen zwischen Schmuck und Zeitmessung.

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Die schönste Dimension der Zeit

Auch wenn in dieser Ausstellung sich nicht alles um Zeitmesser dreht: Für einen echten Uhrenliebhaber muss es auch nicht immer und nicht zuallererst um Uhren gehen. Gerade in einer Ausstellung, die sich so intensiv mit Zeitgeist und Zeitgeschichte beschäftigt, reicht es ganz offensichtlich, sich mit der schönsten Dimension der Zeit zu befassen: mit der Frage, wie Dinge es schaffen, die Zeit zu überdauern – oder für ihre Zeit zu stehen. Eine Zip von 1955, ein Mystery Set von 1936, eine Wiener Bilderuhr von 1825: Sie alle haben überdauert, weil Handwerkskunst, Idee und Haltung zu einer untrennbaren Einheit geworden sind.

Credit © Van Cleef & Arpels Collection

Wer dieser Frage im Labyrinth des MAK nachgeht, verlässt die Schau nicht nur um ein paar glanzvolle Erinnerungsstücke reicher, sondern auch mit einem feineren Gespür dafür, welche Uhren man sich in Zukunft vielleicht ein bisschen genauer ansehen sollte. Manchmal findet man seine Sammelleidenschaft aka Wanderlust eben genau dort wieder, wo man es gar nicht erwartet hat.

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GLANZSTÜCKE im MAK – Öffnungszeiten und Eintrittspreise

MAK – Museum für angewandte Kunst, Stubenring 5, 1010 Wien. Die Ausstellung GLANZSTÜCKE. Van Cleef & Arpels High Jewelry × Masterpieces from the MAK Collection läuft noch bis zum 27. September 2026.

Öffnungszeiten: Dienstag 10–21 Uhr · Mittwoch bis Sonntag 10–18 Uhr · Montag geschlossen (an Feiertagen geöffnet).

Eintritt: regulär € 18 (online) bzw. € 19 (vor Ort); ermäßigt € 14,50 / € 15,50 (u. a. Studierende unter 27, Personen ab 65 Jahren); dienstags von 18–21 Uhr € 8,50 / € 9,50; freier Eintritt für Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren. Tickets und Informationen unter mak.at.

Credit © MAK/Georg Mayer | © MAK/Nathan Murrell


vancleefarpels.com

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