Andrea Frigerio ist Maschinenbauingenieur und entwickelte bereits während seiner Studienzeit ein frühes Interesse an Richard Mille. Diese Verbindung aus technischem Verständnis und persönlicher Faszination hat er nun in ein Buch übertragen, das sich dem Richard Mille Split-Seconds Chronographen widmet – einer Komplikation, die seiner Ansicht nach innerhalb des Richard-Mille-Universums häufig unterschätzt wird. Anlässlich der Veröffentlichung des Buches haben wir Frigerio in München getroffen, um mit ihm über seinen Ansatz, seine Recherche und den technischen Hintergrund dieser Komplikation zu sprechen.

Sie sind Ingenieur. Wann begann Ihr Interesse an mechanischen Uhren?

Mein Interesse an der Uhrmacherei begann in den ersten Jahren meines Studiums. Faszinierend fand ich den Gedanken, dass ein rein mechanisches Objekt eine so große Bandbreite an Komplikationen und Anzeigen darstellen kann – letztlich ist jede Komplikation nur eine weitere Form der Anzeige – und dabei über Jahrhunderte hinweg mit vergleichsweise geringer Wartung funktionsfähig bleibt. Im Gegensatz zu vielen modernen Produkten, die mit einer begrenzten Lebensdauer konzipiert werden, ist eine mechanische Uhr darauf ausgelegt, über Generationen hinweg zu bestehen. Es war genau diese langfristige, technisch geprägte Perspektive, die mich erstmals zu Uhren geführt hat.

Welche Uhren haben Sie zuerst interessiert?

Ehrlich gesagt gab es am Anfang keine konkreten Uhren. Ich war zunächst auch nicht besonders auf Marken wie Rolex oder andere Hersteller fokussiert. Was mein Interesse wirklich geprägt hat, war eine mobile App von Hodinkee namens Watchville. Sie funktionierte als eine Art zentrale Plattform, auf der Inhalte verschiedener digitaler Uhrenpublikationen gebündelt wurden. Dadurch konnte ich Artikel von Plattformen wie A Blog to Watch, Hodinkee und weiteren spezialisierten Medien lesen.

Diese Auseinandersetzung hat mich nach und nach tiefer in die Welt der Uhrmacherei hineingezogen. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie mich Marken wie Richard Mille beeindruckt haben, ebenso wie die damals noch vergleichsweise neuen Concept-Modelle von Audemars Piguet. Auch HYT und der hydromechanische Ansatz der Marke haben mich fasziniert – insbesondere die Idee, Zeit über Fluidmechanik darzustellen. Das unterschied sich deutlich von allem, was ich bis dahin gesehen hatte.

Wann begann Ihre Leidenschaft für Richard Mille – und warum ausgerechnet diese Marke?

In der Anfangsphase war Richard Mille schlicht die Marke, der ich bei meiner Lektüre am häufigsten begegnet bin – das ist die ehrliche Antwort. Zu dieser Zeit studierte ich Maschinenbau, mit einem besonderen Fokus auf Materialwissenschaft, Dynamik, Stoßfestigkeit und die Konstruktion mechanischer Systeme. Was Richard Mille für mich von anderen Marken unterschied, war, dass ich diese akademischen Grundlagen unmittelbar auf die Uhren übertragen konnte.

Aus technischer Sicht war es die Marke, die ich am intuitivsten verstand. Ich konnte zum Beispiel nachvollziehen, warum das Gehäuse der RM 038 Tourbillon „Bubba Watson“ aus einer besonders widerstandsfähigen und zugleich leichten Legierung wie Magnesium WE54 gefertigt wurde oder warum die Brücken in Titan Grade 5 ausgeführt waren – Materialien, die gezielt gewählt wurden, um extremen Stößen und mechanischen Belastungen standzuhalten. Für mich waren das keine abstrakten Konzepte; sie entsprachen ziemlich genau dem, womit ich mich im Studium beschäftigte. Diese technische Klarheit machte die Uhren für mich besonders überzeugend.

Hinzu kam, dass der Zeitpunkt günstig war. Zwischen etwa 2010 und 2016 erlebte die Marke eine bemerkenswerte kreative Hochphase. Auf jeder Ausgabe des Salon International de la Haute Horlogerie – heute bekannt als Watches and Wonders – präsentierte Richard Mille vier, fünf, manchmal sogar sechs neue Referenzen. Von Jahr zu Jahr wurden die Entwürfe radikaler. Es war eine außergewöhnlich dynamische Phase, die mein Interesse an der Marke auch aus technischer Sicht weiter verstärkte.

Letztlich entstand meine Faszination für Richard Mille aus der besonderen Verbindung von fortschrittlichen Materialien und ingenieurtechnischen Methoden, angewandt auf die Mikromechanik. Der Preis stand für mich dabei nie im Vordergrund; er war eher eine Folge des technischen Inhalts.

Wann kam Ihnen erstmals die Idee, ein Buch über Richard-Mille-Uhren zu schreiben?

Während meines Studiums hatte ich keinen Zugang zu Büchern über Richard Mille. Das änderte sich 2018, als ich eine Boutique besuchte und dort das offizielle Buch der Marke erhielt, durch das ich mein Verständnis weiter vertiefen konnte. Später kaufte ich auch die Richard-Mille-Monographien – damals Band eins und zwei, inzwischen ist auch ein dritter Band erhältlich.

Diese Publikationen sind sehr umfangreich und im Grunde eine Art Bibel der Richard-Mille-Uhren: ausführlich, detailliert und äußerst umfassend. In vielerlei Hinsicht funktionieren sie wie ein Referenzwerk zur Marke, da sie nicht nur die Uhren selbst dokumentieren, sondern auch die Richtung ihrer Kommunikation und Positionierung.

Sie haben Ihr Buch gezielt dem Richard Mille Split-Seconds Chronographen gewidmet. Was hat Sie dazu bewogen, diese Komplikation in den Mittelpunkt Ihrer Arbeit zu stellen – und worin liegt aus Ihrer Sicht ihre uhrmacherische Bedeutung?

Mein ursprüngliches Konzept war deutlich breiter angelegt. Als ich die Idee für ein Buch über Richard Mille erstmals vorstellte, hatte ich eine Art strukturelle Karte entwickelt, die die verschiedenen Referenzen miteinander in Verbindung setzte – mit dem Ziel, Leserinnen und Lesern verständlich zu machen, wie die unterschiedlichen Modelle zusammenhängen. Wenn man betrachtet, wie viele Richard-Mille-Referenzen es im Jahr 2020 bereits gab, als ich mit der Arbeit an dem Buch begann, war die Zahl schon damals beachtlich. Ich zählte mehr als 110 eigenständige Referenzen. Damit meine ich eindeutige Referenzen unabhängig von unterschiedlichen Gehäusematerialien. Ob eine RM 004 in Gold, Platin oder Titan ausgeführt ist, bleibt sie dennoch eine einzelne Referenz. In weniger als 20 Jahren mehr als 110 verschiedene Uhren entwickelt zu haben, ist an sich bereits eine bemerkenswerte Leistung.

In der Praxis fällt es vielen Menschen jedoch schwer, die Referenznummern von Richard Mille einzuordnen. Wenn man Zahlen wie 27, 38, 50, 56 oder 72 nennt, sagen sie für sich genommen nur sehr wenig aus. Ohne den entsprechenden Kontext bleiben diese Referenzen abstrakt. Genau hier wollte ich ansetzen: Ich wollte vereinfachen, was im Kern ein codiertes Kommunikationssystem ist – etwas, das keineswegs nur Richard Mille betrifft, sondern ebenso bei Marken wie Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet zu finden ist – und es zugänglicher machen.

In Gesprächen mit Theodore Diehl, Unternehmenssprecher und Uhrmacher bei Richard Mille, wurde jedoch deutlich, dass ein derart umfassender Ansatz für ein einzelnes Projekt zu weit greifen würde. Deshalb entschieden wir uns, den Fokus enger zu setzen und uns auf eine bestimmte Komplikation zu konzentrieren.

Der Richard Mille Split-Seconds Chronograph erwies sich dabei als naheliegendes Thema. Aus meiner Sicht handelt es sich um eine Komplikation, die nach wie vor unterschätzt wird – nicht nur unter Sammlern, sondern auch in der journalistischen Berichterstattung und innerhalb der breiteren Uhren-Community.

Die Timeline der Richard Mille Schleppzeiger-Chronographen, basierend auf einer Grafik von Andrea Frigerio.

Warum wird der Richard Mille Split-Seconds Chronograph unterschätzt – was genau meinen Sie damit?

Aus meiner Sicht wird der Richard Mille Split-Seconds Chronograph häufig unterschätzt, weil seine mechanische Komplexität nicht ausreichend verstanden wird. Viele Sammler und Uhreninteressierte kennen das Prinzip zwar grundsätzlich, wissen aber nicht, wie es auf technischer Ebene tatsächlich umgesetzt wird.

In vielen Fällen entsteht ein Schleppzeiger-Chronograph, indem einem bestehenden Chronographen-Basiswerk ein Schleppzeiger-Modul hinzugefügt wird. Richard Mille ist diese Komplikation hingegen anders angegangen und hat sie von Grund auf mit einer vollständig integrierten Architektur entwickelt. Das bedeutet, dass das gesamte Uhrwerk eines Richard Mille Split-Seconds Chronographen von Beginn an um den Schleppzeiger-Mechanismus herum konstruiert wurde, anstatt diesen nachträglich als zusätzliche Ebene zu integrieren.

Der Unterschied ist erheblich. Er ist vergleichbar mit dem Bau eines Autos, bei dem ein extern bezogener Motor verwendet wird – etwa von einem spezialisierten Zulieferer wie Cosworth – gegenüber der Entwicklung eines gesamten Antriebsstrangs im eigenen Haus, wie bei Ferrari. Beide Ansätze können überzeugend sein, stehen aber für grundlegend unterschiedliche Grade an technischer Integration und Komplexität.

Genau aus diesem Grund haben wir uns entschieden, den Fokus auf den Richard Mille Split-Seconds Chronographen zu legen. Hinter dieser Komplikation steckt eine erhebliche konstruktive Tiefe mit zahlreichen Details. Aus meiner Perspektive macht sie das zu einem besonders spannenden Thema – nicht nur mechanisch, sondern auch im Hinblick darauf, wie diese Komplexität vermittelt und verstanden wird.

Die RM 004-V1 aus dem Jahr 2004 zählt zusammen mit der RM 008-V1 von 2003 zu den ersten vollständig neu entwickelten Schleppzeiger-Chronographenwerken seit den 1960er-Jahren. Sie verfügt über eine klassische Hemmung, einen Schleppzeiger-Chronographen mit 30-Minuten-Zähler sowie Anzeigen für Gangreserve, Drehmoment und Funktion.

Welche konkreten technischen Innovationen hat Richard Mille im Bereich des Schleppzeiger-Chronographen eingeführt, die Sie als wirklich bedeutend ansehen würden?

Es gibt nicht die eine prägende Innovation – vielmehr ist es die Kombination mehrerer zentraler Entwicklungen, die den Unterschied ausmacht.

An erster Stelle steht der Einsatz von Materialien. Bei Richard Mille sind Uhrwerke aus Titan praktisch zum Standard geworden. Innerhalb der Uhrenindustrie ist das ungewöhnlich. Die Fertigung von Werkkomponenten aus Titan erfordert völlig neue Produktionsprozesse und ein entsprechendes Know-how, das die Marke von Grund auf entwickelt hat.

Hinzu kommt der Ansatz bei der Konstruktion der einzelnen Komponenten. Die Formen der Brücken und tragenden Strukturelemente sind nicht zufällig gewählt; sie werden so konstruiert, dass bestimmte mechanische Leistungswerte erreicht werden – insbesondere in Bezug auf Steifigkeit, Stoßfestigkeit und Gewichtsoptimierung. Zusammengenommen entsteht daraus eine Designsprache, die im Kern funktional ist und sich gerade dadurch deutlich von der traditionellen Uhrmacherei unterscheidet.

Ein dritter wichtiger Aspekt liegt in der Architektur des Schleppzeiger-Chronographen selbst. Die zentrale Herausforderung betrifft hier das Energiemanagement: also die Frage, wie die Energie durch das Werk verteilt wird und wie das System die unmittelbaren Belastungen aufnimmt und kontrolliert, die entstehen, wenn der Schleppzeiger angehalten oder zurückgestellt wird. Das sind entscheidende Fragen bei jeder Rattrapante-Konstruktion.

Schließlich spielt auch die Skelettierung eine wesentliche Rolle. Bei Modellen wie dem RM 050 Tourbillon Chronograph Felipe Massa ist sie auf einem außergewöhnlich hohen technischen Niveau umgesetzt. Entscheidend ist dabei, dass man dies nicht mit dem bloßen Entfernen eines Zifferblatts verwechseln darf, um den Blick auf das Werk freizugeben. In dieser Hinsicht hat Richard Mille einen eigenständigen und technisch konsequenten Ansatz entwickelt, der weit über konventionelle offene Werkgestaltungen hinausgeht.

Mit der RM 050 Tourbillon Chronograph Felipe Massa aus dem Jahr 2012 stellte Richard Mille das neue Kaliber RMCC1 vor, das als Weiterentwicklung der RM 008 konzipiert wurde. Das Werk nutzt Titan in besonderem Maße, um ein extrem geringes Gewicht zu erreichen: Trotz rund 400 neu entwickelter Komponenten wiegt das Kaliber lediglich 9,5 Gramm. Zugleich wurde der Energieverbrauch des Schleppzeiger-Mechanismus um 50 Prozent reduziert.

Wie würden Sie Skelettierung definieren, und wie geht Richard Mille damit um?

Die Skelettierung eines Uhrwerks ist eine traditionelle Praxis in der Uhrmacherei. Im Kern geht es darum, nicht zwingend benötigtes Material zu entfernen, um die Mechanik sichtbar zu machen und zugleich die Architektur sowie die Finissierung des Werks stärker zur Geltung zu bringen.

Richard Mille hat dieses Konzept jedoch weiterentwickelt. Anstatt die Skelettierung in erster Linie als ästhetische Übung zu verstehen, integriert die Marke sie in die funktionale Konstruktion des Uhrwerks. Die Geometrie der Komponenten wird nicht nur reduziert, sondern gezielt so gestaltet, dass bestimmte Leistungsziele erreicht werden.

Welche Referenzen innerhalb der Geschichte von Richard Mille halten Sie für entscheidend für die Entwicklung dieser Komplikation – und warum gerade diese Modelle?

Bis heute hat Richard Mille neun Split-Seconds Chronographen entwickelt, und jede dieser Uhren spielt eine Rolle in der gesamten Entwicklung dieser Komplikation. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in ihren jeweiligen technischen Eigenschaften, sondern auch darin, wie jede Referenz auf der vorherigen aufbaut und über die Jahre schrittweise Weiterentwicklungen und Verfeinerungen einführt.

Dennoch stechen zwei Modelle der Richard Mille Split-Seconds Chronographen besonders hervor.

Das erste ist der RM 050 Tourbillon Chronograph Felipe Massa. Sein Kaliber, das RMCC1, ist aus meiner Sicht eines der gelungensten und optisch eindrucksvollsten Uhrwerke, die je gefertigt wurden. Genau deshalb wurde es auch für das Cover des Buches ausgewählt. Interessanterweise zeigt die Vorderseite des Covers die Rückseite der Uhr, während die Rückseite des Buches die Zifferblattseite zeigt. Diese Entscheidung war bewusst getroffen: Der Fokus liegt auf dem Uhrwerk, und in der Uhrmacherei lässt sich ein Werk am besten von der Rückseite aus erfassen.

Die zweite zentrale Referenz ist der RM 004 Split-Seconds Chronograph, der 2004 vorgestellt wurde. Dieses Modell war grundlegend, da es im Grunde den Punkt markierte, an dem Richard Mille begann, den Schleppzeiger-Chronographen als Teil der eigenen Kollektion anzubieten. In diesem Sinne legte die RM 004 die Grundlage für alles, was danach folgte.

Credit © Revolutionwatch / Perpetualpassion

Und aus technischer Sicht – mit Blick auf die Entwicklung der Richard Mille Split-Seconds Chronograph Komplikation selbst – gibt es eine Uhr, die einen entscheidenden Schritt nach vorne darstellt?

Die RM 006 Tourbillon Felipe Massa, die 2004 vorgestellt wurde und auf 25 Exemplare limitiert war, wird im Buch als ein früher technischer Meilenstein behandelt. Sie wurde speziell für Felipe Massa entwickelt und führte eine Grundplatine aus Carbonfaser ein. Diese Grundplatine markierte einen bedeutenden Wandel in der Konstruktion von Uhrwerken. Ihr Einsatz ermöglichte neue Ansätze zur Gewichtsreduzierung und strukturellen Stabilität, die später auch die Entwicklung komplexerer Mechanismen beeinflussten – darunter Schleppzeiger-Chronographen. In diesem Sinne kann sie als grundlegender Schritt innerhalb der breiteren Entwicklung dieser Komplikation verstanden werden.

Dasselbe Materialkonzept wurde anschließend auch bei weiteren Modellen eingesetzt, etwa bei der RM 009 Tourbillon Felipe Massa von 2005, der RM 027 Tourbillon Rafael Nadal und später der 2013 vorgestellten RM 036 Tourbillon. Die RM 006 markiert damit den Ausgangspunkt eines materialgetriebenen Ansatzes, der mehrere Generationen von Richard-Mille-Uhren prägen sollte.

Wie unterscheidet sich der Richard Mille Split-Seconds Chronograph konstruktiv von vergleichbaren Lösungen anderer Hersteller?

Aus rein mechanischer Sicht verfolgen die Konstruktionen in der Haute Horlogerie grundsätzlich ähnliche Ziele. Ob bei Audemars Piguet, A. Lange & Söhne oder Patek Philippe: Die zentralen Anforderungen an einen Schleppzeiger-Chronographen bleiben dieselben. Es geht darum, den Energieverbrauch zu optimieren, den Schleppzeiger-Mechanismus präzise zu kontrollieren und die unmittelbaren Belastungen zu beherrschen, die während der Bedienung entstehen.

Worin sich Richard Mille unterscheidet, ist die übergeordnete konstruktive Philosophie.

Erstens sind die Uhren auf einen kontinuierlichen Einsatz im Alltag ausgelegt. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Konstruktion: Die Werke werden so entwickelt, dass sie Stöße und dynamische Belastungen aushalten, die über die vorgesehenen Einsatzbedingungen klassischer konstruierter Schleppzeiger-Chronographen in der Regel hinausgehen würden.

Zweitens liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf der dreidimensionalen Architektur. Integrierte Chronographenkonstruktionen sind an sich nicht einzigartig, doch Richard Mille entwickelt Werke mit einer ausgeprägt räumlichen Struktur. Brücken, Hebel und tragende Elemente sind nicht nur über mehrere Ebenen angeordnet, sondern werden auch systematisch optimiert – durch Materialreduktion und präzise ausgeführte, gedrehte Oberflächen –, um Steifigkeit, Gewicht und mechanische Leistungsfähigkeit miteinander in Einklang zu bringen.

Daraus ergibt sich ein weitergehender Unterschied: Die Konstruktion ist stärker auf dynamische Bedingungen ausgerichtet als auf eine rein statische Präzision. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich das Werk unter realen Belastungen verhält – also bei Stößen, Beschleunigung und wiederholter Betätigung – und nicht ausschließlich die chronometrische Leistung unter kontrollierten Bedingungen.

Dieser Ansatz setzt sich schließlich auch in der Finissierung fort. Klassische Schleppzeiger-Chronographen folgen meist einer traditionellen dekorativen Sprache mit Techniken wie Perlage oder Genfer Streifen. Richard Mille weicht von dieser Konvention ab. Die Finissierung bleibt technisch anspruchsvoll, folgt jedoch einer zeitgenössischeren Logik, die auf die funktionale und strukturelle Gestaltung des Uhrwerks abgestimmt ist.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Werke von Richard Mille nicht von Hand finissiert werden. Im Gegenteil: Brücken, Hebel und weitere Komponenten werden auf sehr hohem Niveau bearbeitet, wobei jedes Element eigene Anglierungen und sorgfältig ausgeführte Oberflächenbehandlungen erhält.

Der Unterschied liegt also nicht im Niveau der Finissierung, sondern in ihrer visuellen Sprache. Richard Mille folgt nicht den traditionellen ästhetischen Codes der klassischen Uhrmacherei, weshalb erwartbare Merkmale wie Perlage oder Genfer Streifen häufig fehlen. Stattdessen ist die Finissierung in den umfassenderen technischen Ansatz der Marke eingebettet.

In diesem Sinne erfordert das Verständnis dieser Werke einen Perspektivwechsel. Bewertet man sie ausschließlich durch die Brille traditioneller Dekoration, können bestimmte Elemente zunächst ungewohnt erscheinen. Innerhalb ihres eigenen konstruktiven Rahmens bleibt die Ausführung jedoch auf einem Niveau, das den Standards der Haute Horlogerie entspricht.

Im Kaliber der RM 50-03 kombinierte Richard Mille Carbon TPT® mit Titan, wodurch das Werk ein Gewicht von nur 7 Gramm erreicht. Zugleich ist die Konstruktion auf eine Stoßfestigkeit von über 5.000 g ausgelegt.

Wie sind Sie bei der Recherche für Ihr Buch konkret vorgegangen – und in welchem Umfang hatten Sie Zugang zu internen Quellen, etwa zum R&D-Team oder zu technischen Unterlagen von Richard Mille?

Nicht direkt, zumindest nicht in dem Sinne, dass interne Teams eine primäre Quelle neuer Informationen gewesen wären. Ihre Rolle bestand vor allem darin, das Material zu prüfen und zu validieren, weniger darin, es bereitzustellen. Das liegt auch daran, dass Richard Mille bereits eine beträchtliche Menge an technischen Daten veröffentlicht. Die Herausforderung besteht weniger im Zugang, sondern vielmehr darin, zu verstehen, was hinter den Zahlen und Spezifikationen in diesen Unterlagen tatsächlich steckt.

Genau hier setzt das Buch an: Es soll technische Inhalte in eine klare und zugängliche Sprache übersetzen, ohne dabei an Präzision zu verlieren. Ziel war es, strukturiert zu erklären, wie und warum sich bestimmte technische Lösungen entwickeln – gewissermaßen Punkt A mit Punkt B zu verbinden –, ohne vorauszusetzen, dass die Leserinnen und Leser einen ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund haben.

Der Großteil der Recherche erfolgte unabhängig. Anschließend hatte ich die Möglichkeit, eng mit Theodore Diehl, Unternehmenssprecher und Uhrmacher bei Richard Mille, zusammenzuarbeiten. Sein Input war besonders wertvoll. Er half dabei, den Fokus zu schärfen, die relevantesten Aspekte herauszuarbeiten und lieferte Kontext sowie Anekdoten, die sonst nur schwer zugänglich gewesen wären.

Nachdem das Manuskript fertiggestellt war, wurde der Inhalt von den Teams am Hauptsitz und in den Produktionsstätten von Richard Mille geprüft. Sie nahmen dort, wo es notwendig war, kleinere Anpassungen vor und validierten vor allem die technische Richtigkeit. In diesem Sinne war die Recherche selbst zwar weitgehend unabhängig, das finale Ergebnis ist jedoch Ausdruck eines kollaborativen Prozesses, an dem mehrere Beteiligte mitgewirkt haben.

Sehen Sie innerhalb von Richard Mille weiteres Entwicklungspotenzial für den Schleppzeiger-Chronographen – oder hat die Komplikation in ihrer heutigen Form aus Ihrer Sicht eine technische Grenze erreicht?

Das ist eine gute Frage. Das Buch berücksichtigt die jüngste Neuheit noch nicht: die RM 43-01 Manual Winding Tourbillon Split-Seconds Chronograph Ferrari von Richard Mille. Diese Uhr würde ich mir gerne noch genauer ansehen. Besonders interessiert mich, wie die Architektur der Komplikation innerhalb des Werks neu angeordnet wurde – etwa, ob diese veränderte räumliche Struktur ein effizienteres Management des Energieflusses ermöglicht.

Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich zögern, von einer technischen Grenze zu sprechen. Die Weiterentwicklung einer solchen Komplikation besteht weniger darin, einen endgültigen Punkt zu erreichen, sondern vielmehr darin, wie weit sich das Zusammenspiel von Materialien, Konstruktion und Energiemanagement verfeinern lässt.

Was als Nächstes kommen könnte, lässt sich derzeit nicht klar absehen. Persönlich fände ich einen Triple-Split-Chronographen spannend, vielleicht sogar einen Lap Timer – wobei das zugegebenermaßen eher Wunschdenken als eine realistische Prognose ist.


richardmille.com

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