Andrea Frigerio ist Maschinenbauingenieur und entwickelte bereits während seiner Studienzeit ein frühes Interesse an Richard Mille. Diese Verbindung aus technischem Verständnis und persönlicher Faszination hat er nun in ein Buch übertragen, das sich dem Richard Mille Split-Seconds Chronographen widmet – einer Komplikation, die seiner Ansicht nach innerhalb des Richard-Mille-Universums häufig unterschätzt wird. Anlässlich der Veröffentlichung des Buches haben wir Frigerio in München getroffen, um mit ihm über seinen Ansatz, seine Recherche und den technischen Hintergrund dieser Komplikation zu sprechen.

Sie sind Ingenieur. Wann begann Ihr Interesse an mechanischen Uhren?

Mein Interesse an der Uhrmacherei begann in den ersten Jahren meines Studiums. Besonders faszinierte mich die Vorstellung, dass ein rein mechanisches Gerät eine derart große Bandbreite an Komplikationen und Anzeigen ermöglichen kann und zugleich mit nur minimaler Wartung über Jahrhunderte funktionsfähig bleibt. Anders als viele moderne Geräte, die für eine begrenzte Lebensdauer ausgelegt sind, ist eine mechanische Uhr darauf ausgelegt, Generationen zu überdauern. Es war genau diese langfristige, technisch geprägte Perspektive, die mich erstmals zu Uhren hingezogen hat.

Welche Uhren haben Sie zuerst interessiert?

Ehrlich gesagt war ich anfangs nicht auf bestimmte Marken fokussiert. Entscheidend für mein Interesse war vielmehr der Zugang zu spezialisierten Uhrenmedien, durch die ich unterschiedliche Ansätze der Uhrmacherei kennenlernen und mir nach und nach ein stärker technisch geprägtes Verständnis für dieses Feld aufbauen konnte.

Diese Auseinandersetzung hat mich immer tiefer in die Uhrenindustrie hineingeführt. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie stark mich Marken wie Richard Mille, aber auch die Royal-Oak-Concept-Modelle von Audemars Piguet beeindruckt haben. Ebenso faszinierte mich HYT mit seinem hydromechanischen Ansatz – insbesondere die Idee, Zeit mithilfe von Fluidmechanik darzustellen, was sich deutlich von allem unterschied, was ich bis dahin gesehen hatte.

Wann begann Ihre Leidenschaft für Richard Mille – und warum gerade diese Marke?

Am Anfang war Richard Mille schlicht die Marke, die mich beim Lesen am meisten fasziniert hat – so ehrlich muss man es sagen. Zu dieser Zeit studierte ich Maschinenbau, mit einem besonderen Fokus auf Werkstoffkunde, Dynamik, Stoßfestigkeit und die Konstruktion mechanischer Systeme. Das Besondere an Richard Mille war für mich, dass ich diese akademischen Prinzipien direkt mit den Uhren der Marke in Verbindung bringen konnte.

Aus technischer Sicht war es die Marke, die ich am intuitivsten verstanden habe. Ich konnte zum Beispiel nachvollziehen, warum das Gehäuse der RM 038 Tourbillon „Bubba Watson“ aus einer besonders widerstandsfähigen und zugleich leichten Legierung wie Magnesium WE54 gefertigt wurde, oder warum die Brücken aus Titan Grad 5 mit derart komplexen Formen ausgeführt waren. Es handelte sich um Materialien und Konstruktionen, die gezielt gewählt wurden, um extremen Stößen und mechanischen Belastungen standzuhalten. Für mich waren das keine abstrakten Konzepte; sie deckten sich unmittelbar mit dem, womit ich mich im Studium beschäftigte. Genau diese technische Nachvollziehbarkeit machte die Uhren für mich besonders spannend.

Auch der Zeitpunkt spielte eine Rolle. Etwa zwischen 2010 und 2018 erlebte die Marke eine bemerkenswerte kreative Hochphase. Jedes Jahr präsentierte Richard Mille mehrere neue Referenzen mit zunehmend radikalen Konstruktionen, was mein Interesse aus technischer Perspektive weiter verstärkte.

Letztlich entstand meine Faszination für Richard Mille aus der eigenständigen Verbindung von fortschrittlichen Materialien und ingenieurtechnischen Ansätzen, übertragen auf die Mikromechanik. Der Preis stand für mich dabei nie im Vordergrund; er war eher eine Konsequenz des technischen Inhalts.

Wann kam Ihnen erstmals die Idee, ein Buch über Richard-Mille-Uhren zu schreiben?

Während meines Studiums hatte ich keinen Zugang zu Büchern über Richard Mille. Das änderte sich 2018, als ich die Boutique in Mailand besuchte und dort das offizielle Brand Book erhielt, durch das ich mein Verständnis der Marke weiter vertiefen konnte. Später erwarb ich auch die Bände der Richard Mille Monographie – damals Band eins und zwei; inzwischen ist auch eine dritte Ausgabe verfügbar.

Diese Publikationen sind sehr umfangreich und im Grunde eine Art Bibel der Richard-Mille-Uhren: ausführlich, detailreich und äußerst umfassend. In vielerlei Hinsicht funktionieren sie wie ein Referenzwerk über die Marke, da sie nicht nur die Uhren selbst dokumentieren, sondern auch die Ausrichtung ihrer Kommunikation und Positionierung.

Sie haben Ihr Buch gezielt dem Richard Mille Split-Seconds Chronographen gewidmet. Was hat Sie dazu bewogen, diese Komplikation in den Mittelpunkt Ihrer Arbeit zu stellen – und worin liegt aus Ihrer Sicht ihre uhrmacherische Bedeutung?

Mein ursprüngliches Konzept war deutlich breiter angelegt. Als ich die Idee zu einem Buch über Richard Mille erstmals vorstellte, hatte ich eine Art strukturelle Übersicht entwickelt, die die verschiedenen Referenzen miteinander in Beziehung setzte – mit dem Ziel, Leserinnen und Lesern verständlich zu machen, wie die unterschiedlichen Modelle miteinander verbunden sind. Wenn man betrachtet, wie viele Richard-Mille-Referenzen es im Jahr 2020 bereits gab, als ich mit der Arbeit an dem Buch begann, war diese Zahl schon beträchtlich. Ich zählte damals mehr als 110 eigenständige Referenzen. Damit meine ich einzigartige Referenzen unabhängig von unterschiedlichen Gehäusematerialien. Ob eine RM 004 in Gold, Platin oder Titan ausgeführt ist, bleibt es dennoch eine einzelne Referenz. In weniger als 20 Jahren mehr als 110 unterschiedliche Uhren entwickelt zu haben, ist für sich genommen bereits eine bemerkenswerte Leistung.

In der Praxis fällt es vielen Menschen jedoch schwer, die Referenznummern von Richard Mille einzuordnen. Wenn man Zahlen wie 27, 38, 50, 56 oder 72 nennt, sagen diese für sich genommen nur wenig aus. Ohne den entsprechenden Kontext bleiben diese Referenzen abstrakt. Genau hier wollte ich ansetzen: Ich wollte ein System vereinfachen, das im Grunde auf einer codierten Form der Kommunikation beruht – etwas, das keineswegs nur Richard Mille betrifft, sondern ebenso bei Marken wie Rolex, Patek Philippe oder Audemars Piguet zu finden ist – und es zugänglicher machen.

In Gesprächen mit Theodore Diehl, Unternehmenssprecher und Uhrmacher bei Richard Mille, wurde jedoch deutlich, dass ein derart umfassender Ansatz für ein einzelnes Projekt zu weitreichend wäre. Deshalb entschieden wir uns, den Fokus einzugrenzen und uns auf eine bestimmte Komplikation zu konzentrieren.

Der Schleppzeiger-Chronograph erwies sich dabei als naheliegendes Thema. Aus meiner Sicht ist er nach wie vor eine unterschätzte Komplikation – nicht nur unter Sammlern, sondern auch in der journalistischen Berichterstattung und in der breiteren Uhren-Community.

Die Timeline der Richard Mille Schleppzeiger-Chronographen, basierend auf einer Grafik von Andrea Frigerio.

Warum wird der Richard Mille Split-Seconds Chronograph unterschätzt – was genau meinen Sie damit?

Aus meiner Sicht wird diese Komplikation häufig unterschätzt, weil ihre mechanische Komplexität nicht allgemein verstanden wird. Viele Sammler und Enthusiasten kennen das Prinzip zwar grundsätzlich, aber nicht die Art und Weise, wie es auf technischer Ebene tatsächlich umgesetzt wird.

In vielen Fällen entsteht ein Schleppzeiger-Chronograph, indem ein bestehendes Chronographen-Basiswerk um ein Schleppzeiger-Modul ergänzt wird. Richard Mille hingegen ist die Komplikation anders angegangen und hat sie von Grund auf mit einer vollständig integrierten Architektur entwickelt. Ziel war eine Konstruktion, die über die klassischen Einschränkungen hochkomplizierter Uhrmacherei hinaus nutzbar ist – auch unter dynamischen Bedingungen.

Genau deshalb haben wir uns entschieden, den Fokus auf den Schleppzeiger-Chronographen zu legen. Dahinter steht eine erhebliche konstruktive Tiefe mit zahlreichen Details. Aus meiner Sicht macht ihn genau das zu einem besonders spannenden Thema – nicht nur mechanisch, sondern auch mit Blick darauf, wie diese Komplexität vermittelt und verstanden wird.

Die RM 004-V1 aus dem Jahr 2004 zählt zusammen mit der RM 008-V1 von 2003 zu den ersten vollständig neu entwickelten Schleppzeiger-Chronographenwerken seit den 1960er-Jahren. Sie verfügt über eine klassische Hemmung, einen Schleppzeiger-Chronographen mit 30-Minuten-Zähler sowie Anzeigen für Gangreserve, Drehmoment und Funktion.

Welche konkreten technischen Innovationen hat Richard Mille im Bereich des Schleppzeiger-Chronographen eingeführt, die Sie als wirklich bedeutend ansehen würden?

Es gibt nicht die eine, alles bestimmende Innovation – vielmehr ist es die Kombination mehrerer zentraler Entwicklungen, die den Unterschied ausmacht.

Zunächst ist da der Einsatz von Materialien. Bei Richard Mille sind Uhrwerke aus Titan im Grunde zum Standard geworden. Das ist innerhalb der Uhrenindustrie nach wie vor ungewöhnlich. Werkkomponenten aus Titan zu fertigen, erfordert vollkommen eigene Produktionsverfahren und ein spezifisches Know-how, das die Marke von Grund auf aufgebaut hat.

Hinzu kommt der Ansatz bei der Konstruktion der einzelnen Komponenten. Die Formen der Brücken und strukturellen Elemente sind nicht zufällig gewählt; sie sind darauf ausgelegt, bestimmte mechanische Anforderungen zu erfüllen – insbesondere mit Blick auf Steifigkeit, Stoßfestigkeit und Gewichtsoptimierung. Zusammengenommen entsteht daraus eine Formensprache, die im Kern funktional ist und sich in dieser Hinsicht deutlich von der traditionellen Uhrmacherei unterscheidet.

Ein dritter wichtiger Aspekt liegt in der Architektur des Schleppzeiger-Chronographen selbst. Die zentrale Herausforderung betrifft hier das Energiemanagement: also die Frage, wie die Kraft durch das Werk verteilt wird und wie das System jene unmittelbaren Belastungen aufnimmt und kontrolliert, die beim Zuschalten oder Zurücksetzen des Schleppzeigers entstehen. Das sind entscheidende Punkte bei jeder Rattrapante-Konstruktion.

Schließlich spielt die Skelettierung eine wesentliche Rolle. Bei Modellen wie der RM 050 Tourbillon Chronograph Felipe Massa ist sie auf einem außerordentlich hohen technischen Niveau umgesetzt. Entscheidend ist dabei, dass man dies nicht mit dem bloßen Entfernen eines Zifferblatts verwechseln darf, um den Blick auf das Werk freizugeben. Richard Mille hat hier einen eigenständigen und technisch konsequenten Ansatz entwickelt, der weit über klassische Openworked-Konstruktionen hinausgeht.

Genau deshalb sollte man den Schleppzeiger-Chronographen bei Richard Mille nicht einfach als traditionelle Komplikation verstehen, sondern als Plattform, um neue mechanische Grenzen unter realen Bedingungen auszuloten.

Mit der RM 050 Tourbillon Chronograph Felipe Massa aus dem Jahr 2012 stellte Richard Mille das neue Kaliber RMCC1 vor, das als Weiterentwicklung der RM 008 konzipiert wurde. Das Werk nutzt Titan in besonderem Maße, um ein extrem geringes Gewicht zu erreichen: Trotz rund 400 neu entwickelter Komponenten wiegt das Kaliber lediglich 9,5 Gramm. Zugleich wurde der Energieverbrauch des Schleppzeiger-Mechanismus um 50 Prozent reduziert.

Wie würden Sie Skelettierung definieren, und wie geht Richard Mille damit um?

Die Skelettierung eines Uhrwerks ist eine traditionelle Praxis in der Uhrmacherei. Im Kern geht es darum, nicht zwingend benötigtes Material zu entfernen, um die Mechanik sichtbar zu machen und zugleich die Architektur sowie die Finissierung des Werks stärker zur Geltung zu bringen.

Richard Mille hat dieses Konzept jedoch weiterentwickelt. Anstatt die Skelettierung in erster Linie als ästhetische Übung zu verstehen, integriert die Marke sie in die funktionale Konstruktion des Uhrwerks. Die Geometrie der Komponenten wird nicht nur reduziert, sondern gezielt so gestaltet, dass bestimmte Leistungsziele erreicht werden.

Welche Referenzen innerhalb der Geschichte von Richard Mille halten Sie für entscheidend für die Entwicklung dieser Komplikation – und warum gerade diese Modelle?

Bis heute hat Richard Mille neun Schleppzeiger-Chronographen entwickelt, und jeder von ihnen spielt innerhalb der übergeordneten Entwicklung dieser Komplikation eine Rolle. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in ihren jeweiligen technischen Eigenschaften, sondern auch darin, wie jede Referenz auf der vorherigen aufbaut und im Laufe der Zeit schrittweise Weiterentwicklungen und Verfeinerungen einführt.

Dennoch stechen zwei Modelle der Richard Mille Split-Seconds Chronographen besonders hervor.

Das erste ist die RM 050 Tourbillon Chronograph Felipe Massa. Ihr Kaliber, das RMCC1, ist aus meiner Sicht eines der ausgereiftesten und visuell eindrucksvollsten Uhrwerke, die je gefertigt wurden. Genau deshalb wurde es auch für das Cover des Buches ausgewählt. Interessanterweise zeigt die Vorderseite des Buches die Rückseite der Uhr, während die Rückseite des Buches die Zifferblattseite abbildet. Das war eine bewusste Entscheidung: Der Fokus liegt auf dem Uhrwerk, und in der Uhrmacherei lässt sich ein Werk am deutlichsten von der Rückseite aus erfassen.

Die zweite zentrale Referenz ist die RM 004 Split-Seconds Chronograph, die 2004 vorgestellt wurde. Dieses Modell war grundlegend, da es gewissermaßen den Punkt markierte, an dem Richard Mille begann, den Schleppzeiger-Chronographen einem breiteren Kreis potenzieller Kunden zugänglich zu machen. In diesem Sinne legte sie die Grundlage für alles, was danach folgte.

Credit © Revolutionwatch / Perpetualpassion

Und aus technischer Sicht – mit Blick auf die Entwicklung der Richard Mille Split-Seconds Chronograph Komplikation selbst – gibt es eine Uhr, die einen entscheidenden Schritt nach vorne darstellt?


Auch wenn die im Jahr 2004 vorgestellte und auf 25 Exemplare limitierte RM 006 Tourbillon Felipe Massa selbst kein Schleppzeiger-Chronograph ist, führte sie mit ihrer Grundplatine aus Carbon-Nanofaser eine Materialinnovation ein, die einen bedeutenden Schritt in der Konstruktion von Uhrwerken darstellte. Sie ermöglichte neue Ansätze im Hinblick auf Steifigkeit und Gewichtsreduzierung und beeinflusste später auch die Entwicklung komplexerer Mechanismen, darunter Schleppzeiger-Chronographen. In diesem Sinne kann die RM 006 als grundlegender Schritt in der breiteren Entwicklung dieser Komplikation betrachtet werden.

Wie unterscheidet sich der Richard Mille Split-Seconds Chronograph konstruktiv von vergleichbaren Lösungen anderer Hersteller?

Aus rein mechanischer Sicht sind die grundlegenden Ziele in der Haute Horlogerie vergleichbar. Ob bei Audemars Piguet, A. Lange & Söhne oder Patek Philippe: Die zentralen Anforderungen an einen Schleppzeiger-Chronographen bleiben im Kern dieselben. Es geht darum, den Energieverbrauch zu optimieren, den Schleppzeigermechanismus präzise zu kontrollieren und jene unmittelbaren Belastungen zu beherrschen, die während der Betätigung entstehen.

Was Richard Mille verändert hat, ist nicht die Komplikation an sich, sondern die Bedingungen, unter denen sie zuverlässig funktionieren soll. Daraus ergibt sich eine grundlegend andere konstruktive Philosophie.

Zunächst sind die Uhren für den kontinuierlichen Gebrauch im Alltag konzipiert. Das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Konstruktion: Die Werke sind darauf ausgelegt, Stöße und dynamische Belastungen zu verkraften, die in der Regel über die vorgesehenen Einsatzbedingungen klassisch konstruierter Schleppzeiger-Chronographen hinausgehen.

Hinzu kommt ein ausgeprägter Fokus auf eine dreidimensionale Architektur. Integrierte Chronographenkonstruktionen sind für sich genommen zwar nicht einzigartig, doch Richard Mille entwickelt Werke mit einer stark räumlichen Struktur. Brücken, Hebel und tragende Elemente sind nicht nur auf mehreren Ebenen angeordnet, sondern werden systematisch optimiert – durch Materialreduktion und fein ausgeführte gedrehte Oberflächen –, um Steifigkeit, Gewicht und mechanische Leistungsfähigkeit in ein möglichst ausgewogenes Verhältnis zu bringen. Praktisch bedeutet das: Während traditionelle Konstruktionen vor allem darauf ausgerichtet sind, Reibung zu minimieren und Präzision unter kontrollierten Bedingungen sicherzustellen, legt Richard Mille zusätzlich besonderen Wert darauf, die Leistungsstabilität auch unter dynamischen Belastungen wie Stößen oder wiederholten Betätigungen aufrechtzuerhalten.

Dieser Ansatz setzt sich schließlich auch in der Finissierung fort. Traditionelle Schleppzeiger-Chronographen folgen meist einer klassischen dekorativen Sprache, etwa mit Perlage oder Genfer Streifen. Richard Mille weicht von dieser Konvention ab. Die Finissierung bleibt technisch anspruchsvoll, folgt jedoch einer zeitgemäßeren Logik, die auf die funktionale und strukturelle Gestaltung des Werks abgestimmt ist. Das bedeutet allerdings nicht, dass Richard-Mille-Werke nicht von Hand finissiert werden. Im Gegenteil: Brücken, Hebel und weitere Komponenten werden auf höchstem Niveau von Hand bearbeitet, wobei jedes Element sorgfältig ausgeführte Anglierungen und Oberflächenfinissierungen erhält.

Der Unterschied liegt also nicht im Niveau der Finissierung, sondern in ihrer visuellen Sprache. Richard Mille folgt nicht den traditionellen ästhetischen Codes klassischer Uhrmacherei, weshalb erwartbare Merkmale wie Perlage oder Genfer Streifen häufig fehlen. Stattdessen ist die Finissierung eng mit dem übergeordneten ingenieurtechnischen Ansatz der Marke verbunden.

In diesem Sinne erfordert das Verständnis dieser Werke einen Perspektivwechsel. Betrachtet man sie durch die Brille traditioneller Dekoration, können bestimmte Elemente zunächst ungewohnt wirken. Innerhalb ihres eigenen konstruktiven Bezugsrahmens bleibt die Ausführung jedoch auf einem Niveau, das den Standards der Haute Horlogerie entspricht.

Im Kaliber der RM 50-03 kombinierte Richard Mille Carbon TPT® mit Titan, wodurch das Werk ein Gewicht von nur 7 Gramm erreicht. Zugleich ist die Konstruktion auf eine Stoßfestigkeit von über 5.000 g ausgelegt.

Wie sind Sie bei der Recherche für Ihr Buch konkret vorgegangen – und in welchem Umfang hatten Sie Zugang zu internen Quellen, etwa zum R&D-Team oder zu technischen Unterlagen von Richard Mille?

Nicht direkt in dem Sinne, dass interne Teams eine primäre Quelle neuer Informationen gewesen wären. Ihre Rolle bestand vor allem darin, das Material zu prüfen und zu validieren, weniger darin, es bereitzustellen. Das liegt auch daran, dass Richard Mille bereits eine beträchtliche Menge technischer Daten veröffentlicht. Die Herausforderung besteht weniger in deren Zugänglichkeit, sondern vielmehr darin zu verstehen, was hinter den Zahlen und Spezifikationen in der Dokumentation tatsächlich steht.

Genau hier setzt das Buch an: Es soll technische Inhalte in eine klare und verständliche Sprache übersetzen, ohne dabei an Präzision zu verlieren. Ziel war es, strukturiert zu erklären, wie und warum sich bestimmte technische Lösungen entwickeln – also gewissermaßen den Weg von Punkt A zu Punkt B nachvollziehbar zu machen –, ohne vorauszusetzen, dass die Leserinnen und Leser über einen ingenieurtechnischen Hintergrund verfügen.

Der Großteil der Recherche erfolgte unabhängig. Anschließend hatte ich die Möglichkeit, eng mit Theodore Diehl, Unternehmenssprecher und Uhrmacher bei Richard Mille, zusammenzuarbeiten, dessen Beitrag für das Ergebnis grundlegend war. Er half dabei, den Fokus zu schärfen, die relevantesten Aspekte herauszuarbeiten und Kontext sowie Anekdoten beizusteuern, die andernfalls nur schwer zugänglich gewesen wären.

Nachdem das Manuskript abgeschlossen war, wurde der Inhalt von den Teams am Hauptsitz und in den Produktionsstätten von Richard Mille geprüft. Wo nötig, wurden kleinere Anpassungen vorgenommen; vor allem aber wurde die technische Korrektheit validiert. In diesem Sinne war die Recherche zwar weitgehend unabhängig, das endgültige Ergebnis ist jedoch Ausdruck eines kollaborativen Prozesses, an dem mehrere Beteiligte mitgewirkt haben.

Sehen Sie innerhalb von Richard Mille weiteres Entwicklungspotenzial für den Schleppzeiger-Chronographen – oder hat die Komplikation in ihrer heutigen Form aus Ihrer Sicht eine technische Grenze erreicht?

Das ist eine gute Frage. Das Buch berücksichtigt die jüngste Neuheit noch nicht: den RM 43-01 Manual Winding Tourbillon Split-Seconds Chronograph Ferrari von Richard Mille, den ich mir noch genauer ansehen möchte. Mich interessiert dabei insbesondere, wie die Architektur der Komplikation innerhalb des Werks neu angeordnet wurde – etwa, ob diese veränderte räumliche Struktur ein effizienteres Management des Energieflusses ermöglicht.

Zum jetzigen Zeitpunkt würde ich zögern, von einer technischen Grenze zu sprechen. Die Weiterentwicklung einer solchen Komplikation besteht weniger darin, einen Endpunkt zu erreichen, sondern vielmehr darin, wie weit sich das Zusammenspiel von Materialien, Konstruktion und Energiemanagement weiter verfeinern lässt.

Was als Nächstes kommen könnte, dafür gibt es keine klaren Hinweise. Persönlich würde mich etwas wie ein Triple-Split-Chronograph oder sogar ein Lap Timer interessieren – wobei das aus meiner Sicht zugegebenermaßen eher Ausdruck des technischen Potenzials ist als eine realistische kurzfristige Erwartung.

Das Buch Analysis on Split-Seconds Chronographs, erschienen beim italienischen Verlag Edizioni Complicate Digitali, ist über den dafür eingerichteten Onlineshop unter folgendem Link erhältlich.


richardmille.com

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