Ludwig Oechslin spricht über die Freak, mechanische Komplexität, verlorenes Wissen und warum eine Uhr immer ein Kommunikationsmittel ist.

Die Watch Angels x Alpina Startimer Pilot Chronograph IFR ist keine Pilotenuhr, die sich mit großen Ziffern, Leuchtmasse und Cockpit-Anmutung begnügt. Nach allem, was derzeit öffentlich dokumentiert ist, ist sie die erste mechanische Armbanduhr, die anhand von zwei fliegerischen Angaben zeigt, wie ein Flugzeug korrekt in eine IFR-Warteschleife einfliegt.
Wie die Uhr genau funktioniert und was ihre Komplikation mit sich bringt, erfahren Sie in diesem Artikel.
Ein Flugzeug nähert sich seinem Zielflughafen. Im Cockpit ist der Anflug vorbereitet, die Crew weiß, welche Route geflogen werden soll, und wartet auf die nächste Freigabe der Flugsicherung. Doch statt direkt weiter Richtung Landebahn geführt zu werden, bekommen sie eine ganz andere Anweisung: Das Flugzeug soll zunächst in eine Warteschleife einfliegen.
Für Passagiere fühlt sich das meist nur so an, als würde die Maschine noch eine kleine Runde drehen. In Wirklichkeit folgt das Flugzeug dabei aber keiner x-beliebigen Flugkurve: Es fliegt eine genau festgelegte ovale Bahn, ein sogenanntes Holding Pattern. Man kann es sich wie eine Art Kreisverkehr in der Luft vorstellen: Flugzeuge warten dort geordnet, bis sie von der Flugsicherung weitergeleitet werden. Das kann nötig sein, wenn zu viel Verkehr vor dem Flughafen ist, schlechtes Wetter den Ablauf verzögert oder kurzfristig mehr Abstand zwischen den Maschinen benötigt wird.
Für Piloten hingegen beginnt die eigentliche Aufgabe schon vor der Warteschleife: Sie müssen entscheiden, wie sie bestmöglich in diese ovale Warteschleife hineinfliegen. Ein Flugzeug kommt selten aus der perfekten Richtung am festgelegten Punkt, dem sog. „Fix“, an. Je nach Anflugwinkel führt der richtige Weg direkt hinein, über eine tropfenförmige Schleife oder zunächst parallel zur späteren Strecke. Bei diesen drei empfohlenen Verfahren spricht man vom „Direct“, „Teardrop“ und „Parallel Entry“.
So wird aus der fliegerischen Ausgangslage die eigentliche Funktion der Uhr: Weil der richtige Einstieg davon abhängt, aus welcher Richtung das Flugzeug auf die Warteschleife trifft, braucht es zwei Angaben. Der vorgeschriebene Kurs des Holdings steht in der IFR-Flugkarte, die aktuelle Flugrichtung zum Fix liest der Pilot am Heading Indikator im Cockpit ab. Die Watch Angels x Alpina Startimer Pilot Chronograph IFR setzt genau diese beiden Werte mechanisch zueinander in Beziehung –und leitet daraus ab, ob Direct, Teardrop oder Parallel Entry der richtige Weg in die Warteschleife ist.
IFR steht für Instrument Flight Rules – für Fliegen nach Instrumenten, Karten und klar festgelegten Verfahren, statt sich vor allem an der Sicht nach draußen zu orientieren. Relevant wird das immer dann, wenn Wetter, dichter Verkehr oder komplexe Anflüge eine besonders genaue Ordnung verlangen. Ein Holding Pattern ist in diesem System eine veröffentlichte, ovale Warteschleife am Himmel: Das Flugzeug bleibt in einem definierten Bereich, bis die Flugsicherung den nächsten Schritt freigibt. Genau diese einfache, standardisierte Logik macht das Holding Pattern für eine mechanische Übersetzung interessant.
Die Uhr wurde von Watch Angels gemeinsam mit Alpina entwickelt und ist auf 300 Exemplare limitiert. Dabei treffen zwei unterschiedliche Rollen aufeinander: Watch Angels agiert als Schweizer Entwicklungsstudio für besondere Uhrenprojekte, Alpina bringt mit der Startimer das passende Basismodell einer Fliegeruhr mit in das Projekt ein. Ihre Limited Edition ist also kein gewöhnliches Co-Branding, sondern eher ein gemeinsames Entwicklungsprojekt: Watch Angels liefert die Idee und die Gehäusemechanik, Alpina widerum den Rahmen und die Basis einer etablierten Pilotenuhr-Linie.
Ihre Besonderheit liegt nicht im klassischen Uhrwerk, sondern im Gehäuse. Sie besitzt eine bidirektional angeordnete 360-Grad-Kompasslünette und ein eigens entwickeltes inneres, mehrstufiges, drehbares Rehaut-Element. Beide Komponenten arbeiten einzeln, funktionieren aber gemeinsam.
Der Pilot stellt zunächst den Inbound Course ein. Dazu drückt er die Lünette nach unten und richtet die Gradzahl des Inbound Course auf der Lünette mit dem orangefarbenen diamantförmigen Outbound Indikator auf dem drehbaren Innenring aus. Danach bringt er die Lünette wieder in die obere Position und stellt das Heading zum Fix ein, indem er die entsprechende Gradzahl mit dem Heading Marker bei 12 Uhr ausrichtet. Während dieses zweiten Schritts drehen sich Lünette und Innenring gemeinsam.
Anschließend zeigt die Startimer Pilot Chronograph IFR mechanisch an, welche Entry-Art zu fliegen ist. Die Anzeige erfolgt über zwei Fenster bei 12 Uhr: Orange steht für Direct, Rot für Teardrop, Blau für Parallel. Zusätzlich zeigt die Uhr die relevanten Kurse und Headings des Holdings: Outbound Course, Inbound Course, Heading to Fix und First Leg Heading.
Das ist keine Komplikation im traditionellen Sinn wie ein ewiger Kalender oder eine Mondphase: Der Mechanismus sitzt nicht im Werk, sondern vielmehr im Gehäuse. Man kann ihn deshalb auch als Habillage Complication verstehen, also eine Funktion, die aus Lünette, Innenring, Gehäusekomponenten und Anzeigeelementen entsteht.
Das Prinzip wird anhand des Beispiels aus der Grafik besonders klar: Inbound Course 223 Grad, aktuelles Heading 020 Grad. Der Pilot richtet zunächst 223 Grad am orangefarbenen Outbound Indikator aus, stellt danach 020 Grad am Heading Marker bei 12 Uhr ein und liest das Ergebnis ab: Standard Teardrop Entry. Der First Leg Heading liegt bei 013 Grad.
Damit geht es nicht bloß um eine Anzeige, sondern um eine mechanische Entscheidungshilfe. Die Startimer Pilot Chronograph IFR verarbeitet zwei bekannte Werte und übersetzt sie in eine Handlungsanweisung. Natürlich sollte sich im echten IFR-Cockpit niemand primär auf eine mechanische Armbanduhr verlassen. Moderne Avionik, Karten, Training, Crew Koordination und ATC-Verfahren haben Vorrang. Aber als mechanisches Backup- oder Trainingsinstrument ist die Idee bemerkenswert.
Dass diese Funktion Raum braucht, sieht man der Uhr an. Das Edelstahlgehäuse misst 44,5 Millimeter im Durchmesser und 15,8 Millimeter in der Höhe, wovon 13,95 Millimeter am Handgelenk sichtbar sind. Das Lug-to-Lug-Maß beträgt 51 Millimeter und die Wasserdichtigkeit liegt bei 10 bar bzw. 100 Metern. Zudem ist der Gehäuseboden mit den Holding-Pattern-Einstiegen graviert. Geliefert wird die Startimer Pilot Chronograph IFR zudem mit zwei Lederbändern: einem Hellgrauen- und einem Kamelbraunen, jeweils mit Schnellwechselsystem.
Das blaue Zifferblatt mit Sonnenschliff wird von einem silbernen Außenring und einer schwarzen Minuterie eingefasst. Applizierte arabische Ziffern mit weißer Leuchtmasse, schwarze Stunden- und Minutenzeiger mit weißer Leuchtmasse und ein schwarzer Sekundenzeiger mit rotem Dreieck greifen zudem passend die typische Designsprache funktionaler Fliegeruhren auf. Dazu kommt ein 15-Minuten-Zähler bei 12 Uhr, der 12-Stunden-Zähler bei 6 Uhr, eine Laufanzeige per Scheibe bei 9 Uhr sowie ein zentral-montierter Zeiger für die zweite Zeitzone.
Das ist ziemlich viel Information, untergebracht auf verhältnismäßig wenig Fläche. Die Startimer Pilot Chronograph IFR wirkt dadurch weniger wie ein schlichtes Accessoire als wie ein tragbares Instrument. Ob man das als faszinierend oder eher überladen empfindet, hängt stark davon ab, wie sehr einen die dahinterliegende Logik und Komplikation begeistert.
Im Inneren arbeitet das Schweizer Sellita 531b, ein Säulenrad-Chronographen Kaliber mit 62 Stunden Gangreserve, 25 Lagersteinen und 28.800 Halbschwingungen pro Stunde. Auch die Chronographen-Komplikation ist hier logisch miteingebunden: Im Prozess des Holdings werden nicht nur Kurse geflogen, sondern auch Zeitabschnitte gemessen. Zusammen mit dem zentralen Zeiger für UTC/GMT und der mechanischen Holding-Funktion verbindet die Uhr Zeitmessung, Zeitreferenz und Verfahrenslogik.
Preislich wird die Watch Angels x Alpina Startimer Pilot Chronograph IFR bei CHF 4.295 inklusive Versand liegen. Das Bestellfenster öffnet am 21. Mai 2026 exklusiv über Watch Angels. Aufgrund der limitierten Stückzahl von 300 Exemplaren und des großen Komplikationsaufkommens zu einem verhältnismäßig guten Preis, sollte man lieber früh als spät sein Interesse beim Hersteller bekunden.
watchangels.com I alpinawatches.com
Watch Angels x Alpina
Startimer Pilot IFR Chronograph
AL-570NW4S46
Edelstahl
Durchmesser: 44,5 mm
Höhe: 15,8 mm (13,95 mm am Handgelenk sichtbar)
Lug-to-Lug: 51 mm
10 bar (~100 m)
Blaues Zifferblatt mit Sonnenschliff, silbernem Außenring und schwarzer Minutenskala
Hellgraues und kamelbraunes Lederband, jeweils mit Edelstahl-Dornschließe und Schnellwechselsystem
Sellita 531b column wheel chronograph caliber
Automatik
62 Stunden
28.800 A/h (4 Hz)
Stunden, Minuten, kleine Sekunde bzw. laufende Anzeige, Chronograph mit 15-Minuten- und 12-Stunden-Zähler, zentrale UTC-/GMT-Anzeige sowie mechanische IFR-Holding-Pattern-Entry-Funktion zur Bestimmung von Direct-, Teardrop- oder Parallel-Entry inklusive der relevanten Kurse und Headings über drehbare Lünette und inneren Rehaut.
EUR 4.295