Armband-, Taschen- und Tischuhren feiern den Ausstellungsort Mailand, seine Kultur und das Gesamtkunstwerk Italien – diesen Sehnsuchtsort von so vielen Reisenden. Thierry Stern ist dabei sichtlich stolz auf die Leistung seines Unternehmens und der involvierten Kunsthandwerker. Er berichtet: In den 1980er Jahren habe sein Vater fast 90 Kuppeluhren im Lager gehabt, trotzdem habe er die damals schwer verkäuflichen Modelle weiter herstellen lassen, um die dafür benötigten Handwerkskünste zu pflegen und zu erhalten.

Wenn man bedenke, dass die jährliche Produktion aktuell bei zwölf bis 14 Exemplaren liegt, dann habe man eine Vorstellung vom Aufwand für die Manufaktur – und heute seien die Rare Handcrafts Modelle sehr viel stärker nachgefragt.

Für diese Entwicklung hat Stern folgende Erklärung: „Ich habe den Stil angepasst. Als mein Vater diese wunderschönen Taschenuhren fertigte, widmete er sich der Feinmalerei. Es könnte sich dabei beispielsweise um einen Rembrandt handeln. Wir reproduzierten stets die Werke berühmter Maler. Suzanne Rohr war dafür verantwortlich, und später kam Anita Porchet hinzu, die damals erst am Anfang ihrer Laufbahn stand. Heute jedoch müssen wir etwas Neues anbieten. Den Fiat 500 beispielsweise, den wir hier auf dem Zifferblatt haben: Ein Auto auf einem wunderschönen Email-Stück? So etwas hätte mein Vater niemals gemacht! Doch die Leute lieben es. Ich bin also Risiken eingegangen.

Doch das größte Wagnis war sicherlich ein Formel-1-Motiv vor gut zwei Jahren. Die Lünette war mit Baguette-Rubinen und Diamanten besetzt und auf dem Zifferblatt ein Rennbolide. Ich glaube, mein Vater hätte mich dafür geschlagen. Aber es hat funktioniert. Man muss etwas hinzufügen, ohne dabei die Tradition aufzugeben. Man tut es für den Vater, für den Sohn, für die Mutter, für die Tochter. Für mich ist diese Mischung sehr wichtig. Wir kommen aus Genf. Wir sind Calvinisten. Aber wir sollten offen sein. Deshalb hat mein Vater mich in jungen Jahren auch aus der Schweiz weggeschickt, damit ich genau das lerne.“

Heute sei Patek Philippe der mit Abstand größte Hersteller von derart handwerklich veredelten Zeitmessern, und die Holzmarketerie, die Email-Arbeiten, das Guillochieren und Steinsetzen sind bei Berufseinsteigern wieder deutlich populärer. Stern: „Weshalb? Weil sie sehen, dass eine Marke wie Patek Philippe spannende, kreative Dinge schafft. Sie sagen sich: ‚Das gefällt mir. Ich spiele zum Beispiel Gitarre – könnte ich auch eine Gitarre gestalten?‘ Und wir antworten: ‚Ja, warum denn nicht?‘ Das ist mir sehr wichtig. Wenn ich mit Kunsthandwerkern zusammenarbeite, versuche ich immer herauszufinden, was ihnen gefällt. Jemand mag Vögel? Schön. Vielleicht ist der erste Auftrag, den er erhält, die Darstellung eines Vogels. Denn ich weiß, dass er sich mit Leidenschaft dieser Aufgabe widmen wird.“

Ein Blick auf die neuesten Modelle ist also ein Blick auf die Seele der Manufaktur, auf den Zeitgeist – und eine Reise durch Italien.

Ein Trip nach Apulien und an die Amalfiküste, ein Halt im Chianti und die Ankunft in Como

Die Rare Handcrafts Modelle für die Mailänder Ausstellung widmen sich der Toskana und Sizilien, es geht Richtung Amalfi-Küste, aber auch in die Metropolen Mailand, Florenz und Rom. Der von Thierry Stern erwähnte Fiat 500, den sein Vater Philippe demnach nie und nimmer als Zifferblattmotiv auserkoren hätte, findet sich in gleich vier Modellen – jedes auf sechs Exemplare limitiert, und jedes für sich hat einen eigenen Charme. Referenz 5177G-054 soll einen Roadtrip nach Apulien darstellen.

Sie ist das weißgoldene Schwestermodell zur 5177G-053, die den Namen „Amalfi Eskapade“ trägt und ein Fiat-Cabriolet zeigt. Beide sind Calatrava-Modelle mit Cloisonné-Email und Miniaturmalerei. Für das Zifferblatt mit rotem Fiat 500 wurden 47 Zentimeter hauchdünner Golddraht verarbeitet, der die Außenlinien von Auto und Landschaft für die Email definiert und unterschiedliche Felder trennt. Mit insgesamt 28 transparenten, opaleszenten und opaken Farbtönen werden Lichter und Schatten plastisch und dreidimensional, so dass sich der Betrachter in Motiv und Uhr verliert.

Gibt sich das apulische Motiv mit seinen Blautönen vergleichsweise zurückhaltend, so ist die roségoldene Referenz 5177R-010 mit dem Namen „Zwischenstopp in Chianti“ ungleich farbenprächtiger. Neben dem berühmten Fiat, der dieses Mal gelb strahlt, sind Weinberge und Zypressen zu sehen, und der Himmel im Morgengrauen zeigt sich Rot. Elf Mal wurde jedes Zifferblatt dieser ebenfalls aus sechs Exemplaren bestehenden Miniserie bei 820 Grad Celsius gebrannt.

Referenz 5177R-011 stellt in diesem Calatrava-Quartett die „Ankunft in Como“ mit seinen farbstarken Häusern dar. Der Wagen ist bei der Ankunft am See inzwischen Orange, 40 Emailfarbtöne treffen hier auf 17 weitere Farben des Miniaturmalers. Wie bei allen „Fiat-500-Modellen“ umrahmt die Lünette im Clous-de-Paris-Muster das Motiv elegant, und lenkt die Blicke durch ihr Dekor auf das Zifferblatt. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, aber nicht nur weil der Autor dieser Zeilen besonders schöne Erinnerungen an einen Aufenthalt am Comer See hat, ist diese Variante das persönliche Lieblingsmotiv.

Referenz 5738/50R-017 – Sonnenuntergang in der Toskana

Warum die eigenen Besuche am Comer See in einem Stück über Rare Handcrafts Modelle unterbringen? Weil diese Uhren nicht nur aufgrund ihrer Limitierung sehr individuelle Stücke sind. Welches Motiv den Einzelnen berührt, das hat zwar auch etwas mit den verwendeten Handwerkskünsten zu tun, ist dann aber doch vor allem eine Frage persönlicher Assoziationen, Erinnerungen und Leidenschaften. Entsprechend begeistert äußerte sich ein deutscher Sammler über Referenz 5738/50R-017. Er habe schließlich in der Toskana geheiratet! So schnell entstehen Begehrlichkeiten.

Die Schönheit der Toskana muss dann an dieser Stelle auch nicht weiter beschrieben werden, ein Blick auf das Örtchen im Sonnenuntergang auf dieser Goldenen Ellipse reicht. Es ist ein Meisterwerk der Holzmarketerie, dieser Säge- und Puzzlearbeit für Extra-Ambitionierte. Bei Patek Philippe verantwortet ein einzelner Meister aktuell sämtlich Motive dieses Genres, doch immerhin hat er inzwischen zwei Lehrlinge, und Thierry Stern berichtet im Gespräch, dass diese beiden inzwischen selbst exzellente Arbeit machen würden. Gerade erst habe er die ersten Arbeiten abgesegnet. Welche genau das waren, und wann sie lanciert werden, darüber schweigt sich der Präsident unterdes aus.

Fest steht, dass dieses Toskana-Motiv aus 203 winzigen Furnierteilchen und 75 noch einmal kleineren Intarsien ein Musterbeispiel einer Handwerkskunst sind, die in keiner Manufaktur so sehr beherrscht und gefeiert wird wie bei Familie Stern.

Referenz 995/151G-001 – Dante und die göttliche Komödie

Bei Patek Philippe steht letztlich immer die Manufaktur und ihre Produkte im Zentrum allen Schaffens. Auch deshalb ist die Watch Art Grand Exhibition so wichtig für das Unternehmen. Gleichzeitig scheut man sich nicht darüber zu sprechen, dass gerade für die Rare-Handcrafts-Modelle auch auf die Expertise von freischaffenden Künstlern zurückgegriffen wird. Die berühmteste von ihnen ist Anita Porchet. Sie gilt als beste Email-Künstlerin der Welt, und glaubt man Thierry Stern, so gibt sie sich bei den Aufträgen von Patek Philippe noch einmal besondere Mühe.

Porchet selbst ist dann auch Teil der Ausstellung, sie sitzt an einem Tisch gleich neben ihren Arbeiten, zu denen für diese Ausstellung die beiden Weltzeituhren mit Minutenrepetition und Mailänder Email-Stadtplanmotiv auf dem Zifferblatt gehören. Auch die Goldenen Ellipsen mit dem Motiv der großen Galerie im Königsschloss Venaria Reale bei Turin (Referenz 5738/50R-027) sowie ein barockes Dekor (Referenz 5738/50G-050) wurden in ihrem Atelier hergestellt und gehören bei den Besuchern zu den Favoriten. Als absoluter Höhepunkt gilt unterdes ihre Dante-Taschenuhr.

Inspiriert ist das Modell von einem Porträt des Künstlers Sandro Botticelli aus dem 15. Jahrhundert. Es zeigt den italienischen Poeten Dante Alighieri, umgeben von Motiven aus seiner göttlichen Komödie, vom Inferno bis ins Paradies.

44,1 Millimeter beträgt der Durchmesser dieses Einzelstücks, rund 750.000 Euro sein Preis. Doch keine Zahl kann ausdrücken, was für ein Können diese Uhr repräsentiert. Sie ist ein Meisterwerk der Cloisonné-Technik, mit Sternen aus Goldstaub und mehreren Schichten von transparentem Email, die das Motiv schützt und zugleich intensiver zur Geltung bringt. 25 Brennvorgänge hat dieses Bildnis erfolgreich hinter sich gebracht.

Referenz 20184M-001 – das ewige Rom bei Nacht

Mosaikmuster, Brokatstoffe und Zitronen, holzgetäfelte Motorboote in Venedig, die Häuser von Burano und die Buchten von Capri – diese Kollektion feiert Italien in all seiner Schönheit und Pracht. Manchmal hart an der Grenze zum Kitsch, aber immer voller Finesse.

Und natürlich sind es auch Tischuhren, die man bei Patek Philippe einst zu dutzenden lagerte, die nun zu den eindrucksvollsten Exponaten gehören. Schließlich bieten sie die größte Fläche für die Emailleure. Mailänder Modeschöpfer könnten mutmaßlich endlos über die Brillanz der verwendeten Farben und ihrer Tiefe und Brillanz referieren. Das nachtschwarzblaue Email des Modells „Rom bei Nacht“ ist inspiriert von den Wahrzeichen der Hauptstadt, sie zeigt den Petersdom und die Brücke gen Engelsburg. Es ist eine in Grisaille- und Blanc-de-Limoges-Email gebrannte Szenerie. Grisaille beschreibt dabei die Arbeit mit einer monochromen Farbpalette, Blanc de Limoges eine opaleszente Farbe, mit der Schattierungen herausgearbeitet werden, und in diesem Fall vom Sternenhimmel bis zu den Prachtbauten Konturen und Unschärfen gesetzt werden.

Diese Uhr darf nicht nur die italienischen Kunden des Hauses mit Stolz erfüllen. Patek Philippe, das ist ein Gesamtkunstwerk, das von Schmuckuhren über Nautilus und Aquanaut hin zu den Minutenrepetitionen viele Facetten hat. Die Rare Handcrafts Modelle machen dabei laut Thierry Stern – trotz selbstbewussten Verkaufspreisen – gerade einmal ein Prozent des Umsatzes aus. In der Bilanz ist sie nicht mehr als ein Rundungsfehler, wäre sie nicht da, dann wäre das betriebswirtschaftlich kaum merkbar. Umso mehr aber wäre die Uhrenwelt blasser und um viele Eindrücke ärmer. Es gilt der Manufaktur Respekt für den Umstand zu zollen, dass sie dieses Genre nicht nur pflegen können – sondern es auch tun.


patek.com

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