Nicht jede Beziehung hält für immer und ewig. Gleichwohl prägen auch Verbindungen auf Zeit. Bestenfalls liefern sie obendrein bleibende Erfahrungen und Werte für all das, was die Zukunft bereithält.

Ungefähr so gilt es die Allianz von Montblanc und Minerva einzuordnen. Ohne die Übernahme von Minerva durch Richemont, zur Integration und Verstärkung für die Konzerntochter Montblanc, hätte die 1858 gegründete Uhrenmanufaktur heute kaum die aktuelle Stärke. Richemont hat intensiv in die Werkstätten von Minerva investiert, und im Gegenzug adelten deren Uhrwerke, Designs und natürlich der Name die anspruchsvollsten Modelle aus der Montblanc-Uhrenkollektion. Inzwischen aber gehen die beiden Häuser – zumindest nach außen – wieder eigenständige Wege. Minerva ist nun eine selbständige Unternehmung innerhalb von Montblanc und soll sich als Marke allein beweisen. Das dürfte im Jahr 2026 deutlich leichter sein als im Jahr 2006, dem Jahr der Übernahme.

Kleine, anspruchsvolle Hersteller mit überschaubarer Jahresproduktion sind im Hier und Jetzt stark nachgefragt. Die Nische hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten als Alternative zu den Größen der Haute Horlogerie etabliert. In dieser Situation schadet die Vermischung einer „Highstreet“-Marke wie Montblanc mit einem in erster Linie Enthusiasten bekannten Namen mehr als sie hilft. Die eine hat ein großes Interesse an hohen Stückzahlen, die andere an der Herstellung möglichst wertvoller und aufwendiger Zeitmesser, aus der sich eine natürliche Limitierung ergibt. Jede für sich ist in der Aussage viel klarer und stärker positioniert, und man muss kein Minerva-Fanboy sein, um festzustellen: Die ersten eigenständigen Modelle zeugen von der Kraft des Solo-Auftritts gegenüber der Zusammenarbeit vergangener Jahre.

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Markenbegeisterung und Neustart

Die Geschichte von Minerva beginnt 1858 mit den Brüdern Charles-Yvan und Hyppolite Robert, die in einer Werkstatt in der Jura-Gemeinde Villeret Uhren fertigten und sich dort schnell einen Namen machten. Erst 1887 wird aus dem Unternehmen der Brüder Minerva, inklusive des Pfeil-Logos. Der Name ist von der römischen Mythologie und der Göttin der Weisheit, des Handwerks und der Künste abgeleitet. Früh entwickelte das Unternehmen eigene Uhrwerke, und die Nachkommen der Brüder Robert lancierten 1923 den ersten Monopusher-Chronographen. Zu den prägenden Meilensteinen zählten das 1909 eingeführte Kaliber 19.09 mit der patentierten, charakteristischen V-förmigen Brücke sowie die Entwicklung wegweisender Stoppuhren – darunter frühe Hochfrequenzwerke, die bereits 1916 Hundertstelsekunden messen konnten. In den 1920er- und 1930er-Jahren setzte das Unternehmen mit Kalibern wie dem 13.20 und 17.29 zudem Maßstäbe bei den ersten extrem flachen Ein-Drücker-Chronographen (Monopusher) speziell für das Handgelenk. Anders als das Gros der Branche produziert man bei Minerva übrigens bis heute die Spiralfedern für seine Zeitmesser selbst und von Hand.

Es sind die Innovationen aus den Anfangsjahrzehnten dieses Namens, die dafür sorgen, dass er noch heute Sammler auf der ganzen Welt begeistert. Die neuen Modelle des 21. Jahrhunderts werden dieser großen Tradition mehr als gerecht. Im Rahmen der wiedergefundenen Selbstständigkeit wünscht man dem Unternehmen allerdings, dass es sich schon bald mit einer eigenen virtuellen Markenpräsenz stärker inszenieren darf – bislang findet sich die neue alte Marke mit ihrer kleinen Kollektion nur versteckt auf der Montblanc-Homepage. Das erscheint etwas nachlässig in der so wichtigen Außenpräsentation. Es ist ungefähr so, als hätte Georges Kern zur Neulancierung von Universal Genève die Erweiterung seines Markenportfolios einfach irgendwo auf der Breitling-Homepage untergebracht.

Mutmaßlich aber hat Minerva-Chef Laurent Lecamp aktuell vor allem eine Priorität: Mit Produkten überzeugen, die aus sich selbst heraus für Aufmerksamkeit sorgen. Bereits vor drei Jahren hatte das Haus mit dem eingangs erwähnten „1858 The Unveiled Minerva Chronograph“ für große Aufmerksamkeit gesorgt. Der stählerne Monopusher-Chronograph fiel mit einem skelettierten Zifferblatt mit erstaunlicher Tiefe auf. Um besonders gelungene Einblicke zu ermöglichen, wurde das Uhrwerk dafür gewendet, was die Mechanik stärker auf die Zifferblattseite ausrichtet.

Das Kaliber einfach umzudrehen reichte dabei natürlich nicht, stattdessen musste die Konstruktion angepasst werden, schließlich sollten die Zeiger auch bei diesen Modellen im Uhrzeigersinn laufen. Der 43-Millimeter-Stahlversion folgte im vergangenen Jahr eine auf 100 Exemplare limitierte Version im Minerva-typischen Bicolor-Look mit stählernem Gehäuse und gelbgoldener Lünette. Bei dieser findet sich auch noch der Name Montblanc auf dem Zifferblatt, allerdings bereits deutlich dezenter als bei der 2023er-Variante.

The Unveiled Crownless: Lünettensteuerung auf höchstem Niveau

Bereits 2023 hatte man unter dem Namen „Unveiled Timekeeper“ einen viel beachteten Montblanc-Minerva-Chronographen vorgestellt, dessen Stoppfunktion sich über die Lünette steuern ließ: Zum starten und stoppen einer Sequenz, und um die Zeiger zurück in die Ausgangsposition zu stellen, dreht der Besitzer die Lünette ein Stück im Uhrzeigersinn. Diese Art der Bedienung ist typisch für Minerva, wo man die Technik bereits 1927 für Militäruhren genutzt hat. Auch mit Handschuhen sollten Kampfpiloten problemlos in der Lage sein, die einzelnen Etappen eines Flugplanes zu messen. „The Unveiled Crownless“ geht nun noch einen Schritt weiter: Bei dieser Dreizeigeruhr mit kleiner Sekunde wird gänzlich auf die Krone verzichtet.

Das Ergebnis ist eine Uhr, die sowohl als Konversationsstarter unter Laien als auch als Objekt zum Fachgesimpel unter Sammlern taugt. Eine Krone gehört inzwischen so selbstverständlich zum Gesamterscheinungsbild einer Uhr, dass deren Fehlen zunächst wie ein Fehler in der Matrix wirkt. Kann und darf das sein? Aber selbstverständlich. Die belgisch-schweizerische Uhrenmarke Ressence hat schließlich eine ganze Kollektion ohne Krone aufgebaut, und auch IWC hat sich beispielsweise in diesem Jahr mit der Pilot’s Venturer Vertical Drive in diesem Segment positioniert. Die Minerva erscheint in diesem Umfeld als die klassischste Wahl. Kronenlos fällt sie zwar kurz auf, doch wird jegliche Aufregung von einem Restdesign aufgefangen, das sich harmonisch und im Geiste der Design-Tradition von Minerva gibt. Und sobald sich das Auge an den vermeintlichen Bildbearbeitungsfehler gewöhnt hat, fällt auf: Erst ohne Krone kann sich ein Zeitmesser in letzter Konsequenz symmetrisch präsentieren.

Für diesen Wow-Effekt der besonderen Art wurde in Villeret das neue Kaliber M15.08 mit Handaufzug und kleiner Sekunde entwickelt. Über einen Hebel auf der 3-Uhr-Seite des Gehäusebodenrahmens lässt sich über die Lünette wahlweise das Uhrwerk aufziehen, wenn der Hebel gedrückt wird, oder aber die Uhrzeit einstellen, wenn der Hebel ausgezogen ist. Da sich besagter Hebel auf der Unterseite befindet, bleibt die harmonische Oberseite der Uhr makellos.

Das 41,5-Millimeter-Gehäuse ist dabei aus Edelstahl und Roségold gefertigt und hat eine Höhe von 12 Millimetern. Beim opalin Guilloché-Zifferblatt ließ man sich bei Minerva von einem Modell aus den 1950er-Jahren inspirieren, vergoldete Indizes unterstützen das Bicolor-Farbkonzept stimmig. In Villeret versteht man diese Referenz als Uhr für „stilvolle Anlässe“, doch es braucht nicht viel Fantasie, um sich das Modell auch am Handgelenk eines Freundes von entspannterer Garderobe vorzustellen. Diese 39.000-Euro-Uhr gibt letztlich keinen Look vor, sie vermittelt stattdessen lediglich eine Gefühlswelt mit dem Charme vergangener Tage, für die unterschiedlichste Besitzer und Besitzerinnen Begeisterung aufbringen werden.

Limitierte Editionen zum Neustart: 18, 30 und 58

Als pure Minerva präsentierte sich dann in diesem Jahr eine auf 30 Exemplare limitierte Version dieses so eindrucksvollen Kalibers in gelbgoldenem Gehäuse. 43 Millimeter Durchmesser, 14,78 Millimeter Bauhöhe, Vollgold und vor allem: Maximal skelettiert. Die Uhr ist ein Statement. Präsent am Handgelenk, wertig in der Anmutung, und unendlich filigran beim genaueren betrachten. So sehr elegante Zurückhaltung die Ästhetik von Minerva prägt, so selbstbewusst tritt die Marke mit dieser Referenz ihren neuen Weg an.

58: Eine wichtige Zahl für Minerva

Lecamp kann sich dabei auf eine exklusive Gruppe von Sammlern verlassen: Dem M58 Club. In diesem finden sich seit Gründung im Jahr 2022 exakt 58 Sammler unzähliger Nationalitäten, die in engem Austausch mit der Manufaktur stehen, und für die limitierte Editionen mit komplett neuen Kalibern gefertigt werden. Streng genommen ist der Eintritt in diese Clubwelt erst mit dem Kauf einer solchen Club-Minerva möglich. Ein neuer Enthusiast kann allerdings erst hinzu kommen, wenn ein anderer seine Position im Club räumt.

Die 58, inspiriert vom Gründungsjahr des Unternehmens, ist eine entsprechend wichtige Zahl für Lecamp. Was sich auch in der „The Unveiled Secret Limited Edition 58“ ausdrückt, der man eine noch seltenere Variante als „The Unveiled Secret Limited Edition 18“ zur Seite stellte. Beides sind Monopusher-Chronographen, deren Größe von 43 auf diskretere 39 Millimeter reduziert wurden. In der 58er-Variante ist das Gehäuse aus Edelstahl und die Lünette aus Roségold, also sehr klassisch gehalten. Bei der auf 18 Exemplare limitierten Version ist das Gehäuse in Roségold gefertigt, und die roségoldene Riffel-Lünette mit 84 Diamanten im Brillantschliff besetzt.

Betrachter werden sich allerdings auch nicht durch Edelsteine von der Tatsache ablenken lassen, dass der unumstrittene Blickfang dieser Modelle das skelettierte Monopusher-Chronographen-Kaliber mit Säulenrad und horizontaler Kupplung in umgekehrter Konstruktion ist. Es sind Uhren wie diese, mit ihrem Finishing und ihrer einzigartigen Konstruktion, die einerseits zeigen, wie bei Minerva die Sammler-Gemeinschaft gepflegt wird, und zugleich deutlich machen, wie die reguläre Kollektion noch erweitert werden kann.

Dabei ist nicht davon auszugehen, dass man in Villeret in den kommenden Jahren ein Feuerwerk der Neuheiten plant. Die Weiterentwicklung bestehender Modelle, das Spiel mit Metallen, und ausgewählte Höhepunkte wie der auf 18 Exemplare limitierte Exo Tourbillon mit gelbgoldenem Gehäuse und olivgrünem Zifferblatt mit schwarzem Onyx-Hilfszifferblatt für die Zeitanzeige – oder auch die skelettierte Variante dieses 44,8-Millimeter-Schmuckstücks – geben ein Gefühl dafür, wie der Weg als eigenständige Marke innerhalb des Richemont-Konzerns weiter beschritten werden soll.

Dass die römische Minerva nicht nur als Schutzherrin der Handwerker, sondern auch als Göttin des Krieges verehrt wurde, erscheint in diesem Zusammenhang passend. So ziemlich alles, was gerade in Villeret passiert, erscheint strategisch durchdacht. Das kleine Team dort will sich in einem ebenso populären wie eng besetzten Markt durchsetzen, und die Neuheiten des ersten Jahres als neuerlicher Solist dürften nicht nur bei Sammlern auf wachsendes Interesse stoßen, sie dürften auch für eine gewisse Unruhe bei den Mitbewerbern sorgen.


montblanc.com

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