Hublot präsentiert die Classic Fusion Tributo, eine neue Uhr, die Hublots allererste, vor 46 Jahren auf den Markt gebrachte Uhr neu interpretiert.

Wie immer hinken Vergleiche. Aber die Frage muss erlaubt sein, welche Uhren und welche Marken langfristig das Potenzial haben, alteingesessene Häuser und bekannte Ikonen abzulösen. So wie Patek Philippe einst antrat, Vacheron Constantin als damals begehrenswerteste Marke der Herrscher und des Hochadels vom Thron zu stoßen, ist nie ganz ausgeschlossen, dass es auch den heutigen Granden – Rolex, Patek Philippe und Co. – irgendwann so ergehen könnte.
Glauben Sie nicht? Es klingt vielleicht ein bisschen verrückt, aber man muss sich nur die Auktionsergebnisse der letzten Monate ansehen: Im Dezember 2025 versteigerte Phillips in New York den Einzelstück-Prototypen F.P. Journe FFC aus der Sammlung von Francis Ford Coppola für 10,8 Millionen Dollar – Weltrekord für einen unabhängigen Uhrmacher, gefallen nach elf Minuten Bietergefecht. Ein halbes Jahr später war dieser Rekord schon Geschichte: Eine F.P. Journe Chronomètre à Résonance „Souscription No. 007“ erzielte bei Phillips 13,92 Millionen Dollar. Und in Genf holte im Mai 2026 eine Akrivia AK-06 in Stahl 3,8 Millionen Dollar – Weltrekord für Rexhep Rexhepi, fast das Vierfache der oberen Schätzung.
Und es sind nicht nur die Unabhängigen, die Hierarchien verschieben: Die Cartier Cheich aus Weißgold (Modell 1/1 aus dem Jahr 2010) hält mit einem Auktionsergebnis von 26,52 Millionen HKD (ca. 3,41 Millionen USD) den aktuellen Weltrekord als teuerste jemals versteigerte Cartier-Uhr. Das Unikat wurde im September 2026 bei der „Important Watches“-Auktion von Sotheby’s Hongkong versteigert. Cartier schließt damit zu traditionellen Sammlermarken wie Patek Philippe auf; ein Patek-Monodrücker von 1924 brachte auf einer Auktion Anfang des Jahres knapp zwei Millionen USD. Ein Juwelier, dem man vor zwanzig Jahren in Sammlerkreisen kaum uhrmacherische Ernsthaftigkeit zugestand, spielt heute in derselben Liga. Da ist etwas im Gange. Die Hierarchien sind in Bewegung.
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Warum also Hermès? Weil hier ein Haus, sorry ein Maison, systematisch mit dem wichtigsten Gut arbeitet, das den Wert von Uhren langfristig steigert und das man ausgerechnet in der Uhrenbranche gern unterschätzt: Zeit. Die H08 kam 2021 auf den Markt, sie ist also gerade erst fünf Jahre alt geworden. Die Patek Philippe Nautilus feiert 2026 ihren fünfzigsten Geburtstag. Der Vergleich muss hinken, es ist also nicht der zwischen zwei Ikonen, sondern der zwischen einer bereits existierenden und einer zukünftigen, möglicherweise. Patek befindet sich in der Position des Verteidigers, aber Hermès greift nicht etwa schnell an, sondern denkt ebenfalls bei Uhren in Jahrzehnten.
Doch zunächst: Warum vergleiche ich diese beiden Uhren überhaupt? Beide sind sportlich gemeinte Uhren mit eigenwilliger Gehäuseform. Die Nautilus war die Uhr des aufkommenden Jetset-Zeitalters für die global reisende, sportliche Luxusklientel, die genauso am Pool wie im Business-Meeting perfekt gekleidet sein wollte. Die H08 ist die Uhr der Erbengeneration, die die Welt bereist hat, lange bevor sie ihr erstes Business-Meeting erlebt hat und für die Luxus-Stahluhren wie die Patek Philippe Nautilus, die Rolex Daytona oder die Royal Oak von AP die Uhren ihrer Väter sind.
Diese junge Generation trägt bislang höchstens eine Smartwatch und definiert sich viel stärker über Modemarken als die Generation ihrer Eltern. Nur konsequent erscheint es da, dass Hermès seine unangefochtene Autorität der Manufakturproduktion in die Uhrmacherei hineinträgt. Und auch das stimmt: Patek war 1976 noch eine Uhrenmanufaktur ohne echte Stahlsportuhr. Hermès war 2021 ein Haus ohne moderne sportliche mechanische Herrenuhr mit hoher Alltagstauglichkeit für die Gen Z.
Die Nautilus von 1976, entworfen von Gérald Genta, war interessanterweise damals eine Uhr, die Patek eigentlich nicht brauchte, aber ohne die Patek heute dennoch nicht wäre, was es ist. Ein Gehäuse aus Stahl, inspiriert von einem Schiffsbullauge, mit abgerundeter, achteckiger Lünette, zweiteiliger Konstruktion und horizontal geriffeltem Zifferblatt. Die Uhr war in Stahl teurer als eine goldene Calatrava, was viele Händler und Kunden damals sprachlos machte.
Und sie war nicht sofort ein Erfolg. Der Spitzname „Jumbo“ war kein Kosename. Die Referenz 3700/1A blieb lange eine Nischenuhr; erst die kleinere 3800 ab 1981 erweiterte den Erfolg maßgeblich. Und erst mit der Referenz 5711 ab 2006 und noch viel mehr mit der Einstellung dieser Referenz im Jahr 2021 wurde daraus eine Legende. Heute liegt der deutsche Listenpreis der 5811/1G bei 76.020 Euro – zum Start 2022 waren es 68.620 Euro. Auf Chrono24 werden neue Exemplare zwischen rund 150.000 und 210.000 Euro angeboten, also zum Zwei- bis Dreifachen der Liste. Die eingestellte Stahl-5711, deren deutscher Listenpreis zuletzt 29.080 Euro betrug, wird heute ab rund 120.000 Euro gehandelt. Die Lehre aus der Nautilus-Geschichte ist: Eine Uhren-Ikone entsteht nie am Tag der Vorstellung. Sie entsteht durch 30 Jahre Festhalten an der Idee mit aller Konsequenz – und durch die weise Entscheidung, sie nie zu überproduzieren. So konnte Patek Philippe in den letzten 20 Jahren die Früchte ernten, deren Samen man 30 Jahre zuvor gesät hatte.
Was zunächst verblüfft: Die H08 war eine Gemeinschaftsarbeit, was für eine Marke dieser Größe und dieses Rufes ungewöhnlich offen kommuniziert wurde. Drei Jahre lang entwickelten sie Véronique Nichanian als Kreativdirektorin der Herrenlinie, Pierre-Alexis Dumas als künstlerischer Direktor des Hauses und Philippe Delhotal als Kreativdirektor von Hermès Horloger. Vorgestellt wurde sie zur Uhrenmesse Watches & Wonders im Jahr 2021 – ausgerechnet im Jahr der Einstellung der Stahl-Nautilus.
Damals ungewöhnlich, heute normal, war sie noch am Tag der Präsentation in den Boutiquen zu haben. Drei Gehäusevarianten stellte man vor: Titan, schwarz DLC-beschichtetes Titan und ein Graphen-Komposit, das Hermès zum ersten Mal einsetzte. Hermès selbst nannte sie nicht Sportuhr, sondern „All-terrain“-Uhr – eine Uhr, die zu Shorts genauso passt wie zum Anzug. Entscheidend war für eine Luxusmarke, die ihren Ruf auf Lederhandtaschen wie der Birkin gründet: Es gab keine Lederbänder! Ein Hermès-Produkt völlig ohne Lederelemente kann man nur als Kampfansage gegen die eigene Bequemlichkeit ansehen.
Laurent Dordet, CEO von Hermès Horloger, sagte beim Launch gegenüber Forbes, man habe das Herrenuniversum des Hauses um eine sportliche Uhr im eigenen Stil erweitern wollen.
Es ist zum einen die achte Uhrenkollektion des Hauses. Die schönere Lesart: Hermès verbindet mit dem Namen die Formel „vom Nichts bis zur Ewigkeit“, die Ziffer 0 symbolisch für nichts und die Ziffer 8 für die Ewigkeit. Dazu kommt eine dritte, typografische Ebene, die Delhotal selbst erklärt hat: Die Ziffer 0 nimmt die Form der Lünette auf, die 8 deren Konturen. Der Name der Uhr steckt also in ihrer eigenen Handschrift. Wer Hermès kennt, weiß: Das ist die Art von spielerischer Detailverliebtheit, mit der die Franzosen ihre Produkte entwickeln und die man oft nur bei Hermès findet.
Heute ist die H08 das Gesicht der männlichen, mechanischen Uhrmacherei bei Hermès und, neben der 2024 eingeführten Cut, die zweite Säule der modernen Kollektion. Der wirtschaftliche Kontext ist auch für den Börsenkonzern Hermès herausfordernd: Laut offiziellen Zahlen schrumpfte die Uhrensparte 2025 um zwei Prozent, im ersten Quartal 2026 um vier Prozent, im zweiten Quartal ging es dann wieder um vier Prozent nach oben.
Hermès nennt das schlicht Normalisierung nach dem Boom. Viele Konzerne würden da auf Sicht fahren, nicht so Hermès. Und auch das ist eine Parallele zu Patek: Es wird trotzdem bemerkenswert stark investiert. Im Juli 2025 kündigte Hermès Horloger an, den Standort Le Noirmont bis 2028 auf 11.000 Quadratmeter zu erweitern und rund 100 zusätzliche Mitarbeitende aufzunehmen – zu den bestehenden 150.
Wer in einer wirtschaftlichen Delle baut, denkt nicht in Quartalen, sondern in Dekaden. Für die H08 heißt das: Sie ist nicht das Produkt einer passenden Konjunktur, sondern Trägerin einer Strategie, die älter ist als sie selbst. Delhotal erzählte der „Bilanz“ im November 2025, mit welchem Auftrag er 2008 zu Hermès kam: uhrmacherisch mit den Besten auf Augenhöhe, in allem anderen anders.
Das ist eine Ansage, die nicht von ungefähr kommt, sondern für alle Produktkategorien des Hauses gilt. Doch das eine ist das Handwerk, das andere das Design. Für mich besteht die eigentliche Leistung der H08 momentan darin, dass man sie über die Straße hinweg erkennt, ohne dass „Hermès“ darauf steht. Die H08 erinnert an andere Entwürfe und wirkt doch eigenständig. Genau das ist die Voraussetzung für Sammelbarkeit. Klar ist: Eine Uhr, die man nur am Schriftzug erkennt, wird nie eine Ikone.
Bei 39 Millimetern Gehäusebreite, 42 Millimetern von Bandanstoß zu Bandanstoß und knapp elf Millimetern Höhe ist die H08 bis 100 Meter wasserdicht. Formal besteht sie auf den ersten Blick aus einem Quadrat, das aber keines ist: Die Ecken sind gerundet, die Lünette variiert in der Breite und zieht sich zur Taille zusammen, während der Zifferblattrahmen im Inneren rund und hochglanzpoliert ist. Rund im Quadrat – die alte Hermès-Disziplin, die man von der Cape Cod und der Carré H kennt, hier aber ohne jede Nostalgie.
Delhotal wird in Interviews nicht müde zu betonen, dass eine falsch gewählte Schrift ein ganzes Zifferblatt ruinieren kann. Recht hat er: Die H08-Ziffern sind wie bei vielen Hermès-Entwürfen eine eigene Schriftfamilie, funktional und lesbar, mit geometrischen Anleihen aus dem Gehäuse. Bei einem Interview zum Launch sagte er, die Schrift solle nicht auffallen, sondern sich in das Gesamtbild fügen. Das tut sie – und ist trotzdem das Erste, was Betrachter benennen, wenn man sie fragt, was sie an der Uhr sehen.
Die H08 Squelette wurde im April 2026 zur Watches & Wonders vorgestellt, nach drei Jahren Entwicklung, als erste skelettierte H08 überhaupt – zum fünften Geburtstag der Linie und 20 Jahre nach dem Einstieg beim Werkehersteller Vaucher. Man feiert also eine sehr gute und enge Zusammenarbeit. Offene Werke hat Hermès schon früher gezeigt, etwa bei der Arceau, aber nie in seiner sportlichsten Linie. Warum also skelettieren? Zum einen gibt Pierre-Alexis Dumas jedes Jahr ein Thema vor, das durch alle Métiers des Hauses läuft; für die Uhrmacherei lautete es 2026 „geheimnisvolle Mechanik“. Zum anderen passt die Idee zur H08 selbst: Gegenüber Wallpaper erklärte Delhotal, diese Art der Entwicklung eigne sich besonders für die Linie, weil sie Leichtigkeit durch die offene Werkarchitektur und technische Materialien betone.
Das Titanskelett erlaube das Spiel mit Transparenz, ohne die Robustheit zu opfern – er beschreibt es als Gerüst, architektonisch und gewagt. Hermès wollte ausdrücklich kein filigranes Spitzenwerk, sondern eine Struktur „wie ein Metallgerüst“. Und schließlich passt es zur Haltung des Hauses. Die DNA von Hermès ist Zurückhaltung, lieber wegnehmen als hinzufügen. Skelettieren ist genau das, konsequent zu Ende gedacht – und nebenbei eine französische Erfindung des 18. Jahrhunderts, keine Schweizerische, wie man mit einem süffisanten Lächeln anfügen möchte. Als Erfinder gilt übrigens André-Charles Caron (1698–1775), Uhrmacher am Hof Ludwigs XV. in Paris. Um 1760 entfernte er Material aus Platinen und Brücken einer Taschenuhr und machte das Werk sichtbar.
Das Ergebnis auf dem Zifferblatt: Die applizierten arabischen Ziffern sitzen auf einem grauen, transferierten Minutenring, der über dem offenen Werk zu schweben scheint. Super-LumiNova in den Ziffern, schwarz PVD-beschichtete, halb geöffnete Zeiger; in der Version „Bleu Zanzibar“ leuchten Ziffern und Zeiger kräftig blau, die zweite Ausführung ist ganz in Grau gehalten. Auch das Werk folgt der Form: Der halbquadratische Rotor aus Wolfram nimmt die Kissenform des Gehäuses auf, und der Name des Kalibers H1978S verweist auf das Gründungsjahr von La Montre Hermès in Biel. Was bei anderen Marken zur technischen Übung wird, bleibt hier gestalterisch.
Hermès spielt mit der H08 den größten Vorteil aus, den eine junge Uhrenmanufaktur haben kann. Patek kann mit der Nautilus eben nicht mehr herumexperimentieren: Ist eine Uhr einmal Ikone, wird jede Änderung an einem 50 Jahre alten Modell zum Eingriff in ein Kulturgut, wie man an den zahlreichen Reaktionen auf die Lancierung der Cubitus 2024 gesehen hat, die ihren Vetter ja doch recht deutlich zitiert. Hermès hat diese Fessel nicht. Die H08 ist noch jung genug, um experimentell sein zu dürfen. Aber schließlich stammt sie aus einem Haus, das Farbe und Material als Kernkompetenz betrachtet. Das Risiko dürfte sich also in Grenzen halten. Und genau diese Kompetenzen machen sie – nicht nur im Vergleich zur Cubitus, der jüngsten Sportuhr von Patek – weniger laut und weniger sperrig und gleichzeitig gegenüber der klassischen Nautilus noch deutlich spielerischer.
Die Farbgeschichte der H08 lässt sich Jahr für Jahr nachzeichnen. 2021 startete sie fast monochrom: Titan in Grau, schwarz DLC-beschichtetes Titan und Graphen in Schwarz, belebt nur von einem Tupfer Orange an der Sekundenzeigerspitze – der Farbe, die seit den Kriegsjahren für Hermès steht, als es für die Schachteln der Überlieferung nach nur noch orangefarbenen Karton gab. 2022 folgte die Deep Blue Titanium mit blau PVD-beschichtetem Gehäuse und Zifferblatt. 2023 kamen die Roségold-Version in Schwarz und Rosé und vier Glasfaser-Modelle (nicht zu verwechseln mit Kohlefaser) mit betongrauem Zifferblatt und Akzenten in Gelb, Grün, Blau oder Orange, jeweils mit farblich passendem Kautschukband. Der Chronograph wurde 2023 in Orange vorgestellt, 2025 kam Neapelgelb hinzu. Ebenfalls 2025 erschienen zwei Titanmodelle: eines ganz in Grau mit orangefarbener Sekundenspitze, eines mit schwarzer Keramiklünette und Ziffern in Bleu Saint-Cyr, einem Fliederblau.
Die Squelette schließlich gibt es seit 2026 in Grau mit Bändern in Dune, Vert Moyen oder Bleu Abysse sowie mit Akzenten in Bleu Zanzibar auf einem farblich passenden oder schwarzen Band. Namen wie Bleu Saint-Cyr oder Bleu Zanzibar stammen aus der Farbnomenklatur des Hauses, mit der Hermès auch Leder und Seide benennt – die Uhr spricht also dieselbe Sprache wie die Taschen. Wie tief Farbe bei Hermès in der Fertigung sitzt, sieht man in Le Noirmont, wo die Galvanik für einen bestimmten Blauton erst vergoldet und dann kontrolliert oxidiert – das Stück wandert in Echtzeit von Kupfer über Aubergine bis zum gewünschten Tiefblau, und der Techniker muss den Moment treffen. Kein anderes Uhrenhaus hat diese Farbkultur als Erbe; bei Hermès hat alles ein Farbsystem.
Auch die Gehäusematerialien erzählen die Geschichte der Linie. 2021 startete die H08 mit drei Gehäusen: Titan, schwarz DLC-beschichtetes Titan und ein Komposit mit Graphen, kombiniert mit einer Keramiklünette. Hermès setzte Graphen damit zum ersten Mal ein; bis dahin kannte man das Material vor allem von Richard Mille, in ganz anderen Preisregionen. 2022 folgte Titan mit blauer PVD-Beschichtung. 2023 wurde es gleich doppelt experimentell: Die Farbmodelle erhielten ein Gehäuse aus geflochtener Glasfaser, beschichtet mit Aluminium- und Schieferpulver, das ein sichtbares Kreuzgeflecht und einen silbrigen Schimmer zeigt.
Der Chronograph dagegen bekam ein Gehäuse aus Kohlefaser-Komposit mit Graphenpulver. Im selben Jahr kam die H08 in Roségold mit Titan und Keramik – drei Materialien in einem Gehäuse. 2026 schließlich trägt die Squelette die Materialfrage ins Werk hinein: außen DLC-Titan, innen eine Platine aus Titan und ein Rotor aus Wolfram. Diese Materialbandbreite in einer fünf Jahre alten Linie ist ungewöhnlich – und sie ist der Grund, warum die H08 nicht einfach nur ein Stahlsportuhr-Klon geworden ist, sondern definitiv eine Armbanduhr für das 21. Jahrhundert.
Bleiben die Armbänder. Bei vielen klassischen Uhren mit Lederband gehören sie oft nicht einmal zum Design, bei Hermès schon – und bei der H08 lässt sich ihre Entwicklung Jahr für Jahr ablesen. 2021 kam die Linie auf Kautschuk in Schwarz oder Orange, auf Textil aus gewebtem Polyamid in Blau oder Schwarz und in der Titanversion auf einem Titanband, dessen gebürstete Außenglieder ein poliertes, gerundetes Mittelglied rahmen. Hermès verwendete bewusst kein Leder, was gewissermaßen vom Hermès-Standard abweicht. Immerhin fertigte man sogar für die Apple Watch eigene Lederbänder. Delhotal begründete es gegenüber „Gentlemen’s Watch“ damit, dass das Band seiner All-terrain-Uhr viel aushalten müsse.
2022 bekam die H08 Deep Blue Titanium ein blaues Kautschukband mit schwarzer DLC-Titanschließe. 2023 erhielten die Farbmodelle Kautschukbänder mit strukturierter Weboptik in der jeweiligen Akzentfarbe, der Chronograph eines in Orange; 2025 kam für ihn Neapelgelb hinzu. Ebenfalls 2025 wurde die Auswahl bei den Titanmodellen breiter: Titanband, Kautschuk in Orange, Bleu Abysse oder Schwarz, Textil in Blau oder Schwarz, für die Version in Bleu Saint-Cyr Kautschuk in Dunkelgrau oder Bleu Saint-Cyr. 2026 schließlich kommt die Squelette auf Kautschuk in fünf Tönen von Dune bis Bleu Zanzibar, mit einer Faltschließe aus DLC-Titan.
Dazu kommt ein wichtiges konstruktives Detail: Hermès löst die Bandbefestigung an seinen Gehäusen so, dass das Band bündig sitzt, ohne oben zu überlappen – das erfordert mehr Produktionsschritte, ergibt aber eine sauberere Linie. Und Hermès gehört zu den ganz wenigen Uhrenhäusern mit eigener Lederwerkstatt für Armbänder – vergleichbar ist am ehesten Montblanc mit seiner Pelletteria in Florenz. Die Hermès-Werkstatt sitzt seit 2006 in Brügg und arbeitet mit handgesetztem Sattelstich und verdoppelten letzten drei Stichen. Ein Standard-Kalbslederband kostet dort rund 225 Euro, und das Haus fertigt solche Bänder auf Wunsch auch für Uhren anderer Marken.
Vielleicht die direkteste Verbindung zwischen der Patek Nautilus und der Hermès H08 ist ein Mensch: Philippe Delhotal kam 2008 zu Hermès, nach Stationen bei Piaget, Jaeger-LeCoultre und Favre & Perret – und zuletzt, das ist hier der interessante Teil, nach etwa fünf Jahren als Kreationsdirektor bei Patek Philippe. Natürlich waren das nicht zig Jahre, aber prägende, und in genau der entscheidenden Funktion. Was er mitgebracht hat, ist weniger ein spezieller Stil als eine Messlatte: Bei Patek Philippe dürfte er gelernt haben, mit welcher Selbstverständlichkeit Proportionen und Schrift bis ins letzte Detail darüber entscheiden, ob eine Uhr Klassikerpotenzial hat.
Die wichtigsten Wendepunkte für Hermès-Uhren datiert er übrigens auf 2011 mit der Arceau Le Temps Suspendu – ab da, sagt er, habe man Hermès als Uhrmacher wahrgenommen – und auf 2019 mit der L’Heure de la Lune, die er selbst heute noch trägt. Dass ein Mann mit Patek-Prägung die H08 gezeichnet hat, macht sie zwar nicht zur Nautilus. Es erklärt aber, warum sie schon nach fünf Jahren den Vergleich überhaupt überlebt.
Fünf Jahre, fünf Entwicklungsstufen. Die H08 wird kontinuierlich nach oben ausgebaut.
Vorgestellt wurde die H08 zur Watches & Wonders 2021, in drei Gehäusevarianten. Im Inneren arbeitet das Kaliber H1837 von Vaucher, ein Automatikwerk mit zwei Federhäusern, 4 Hertz und 50 Stunden Gangreserve; das Datum sitzt bei 4.30 Uhr. Der Einstieg lag bei 4.900 Euro auf Kautschuk oder Textil, auf dem Titanband kostete die Uhr 5.400 Euro, die Graphen-Version 8.000 Euro.
Farbe hatte schon die Deep Blue Titanium von 2022 ins Spiel gebracht, doch erst 2023 machte Hermès daraus ein Prinzip. Vier Modelle erhielten ein Gehäuse aus Glasfaser-Komposit, eine polierte schwarze Keramiklünette und Akzente in Gelb, Grün, Blau oder Orange; der Preis lag bei 7.000 Euro. Die Uhren sind leichter, sportlicher und deutlich lauter als die Urversion. Für die Sammlerfrage ist das vielleicht die spannendste Gruppe, weil Hermès hier erstmals bewusst Charaktere unterscheidet und nicht nur Materialien.
Ebenfalls zur Watches & Wonders 2023 kam die H08 in Roségold. Das Mittelteil des Gehäuses ist aus Roségold, der Boden aus schwarz DLC-behandeltem Titan, Lünette und Krone sind aus schwarzer Keramik – drei Materialien in einem Gehäuse. Es war der erste Versuch, die Linie preislich und materiell nach oben zu positionieren.
Der Chronograph misst 41 Millimeter, sein Kissengehäuse besteht aus einem Kohlefaser-Komposit mit Graphenpulver, die Lünette aus satiniertem Titan. Der Monodrücker ist in die Krone integriert. Als Basis dient wieder das H1837 von Vaucher, ergänzt um ein Chronographenmodul aus 212 Bauteilen; die Gangreserve liegt bei 46 Stunden. Revolution bewertete diesen Weg als pragmatisch und in sich schlüssig – eine Einschätzung, der ich nur zustimmen kann: Hermès entwickle das bewährte Kaliber schrittweise weiter, statt einem völlig neuen eigenen Chronographen nachzujagen. Angekündigt wurde der Chronograph 2023 zunächst um die 15.000 Euro, in den Handel kam er für 12.000 Euro, heute kostet die orange Version 12.300 Euro. Seit 2025 gibt es ihn zusätzlich in Neapelgelb.
Mit dem jüngsten Modell, der H08 Squelette, soll der Sprung nach oben gelingen. Sie wurde zur Watches & Wonders 2026 vorgestellt, kostet 20.000 Euro und steckt in einem 39 Millimeter breiten Gehäuse aus DLC-Titan mit satinierter Keramiklünette. Darin arbeitet das neue Kaliber H1978S auf Basis der Vaucher-Familie 4100, mit 168 Bauteilen, 26 Rubinen, zwei Federhäusern bei 60 Stunden Gangreserve. Interessant sind vor allem die Details, die man nicht sieht. Die Werkplatine besteht aus Titan statt aus Messing; ihre Fertigung dauert rund zwei Stunden und damit dreimal so lang wie üblich, weil Titan zäh ist und Werkzeuge stärker beansprucht. Der Rotor ist aus Wolfram, dessen hohe Dichte den Masseverlust durch die Skelettierung ausgleicht. Kleine Kugeln aus Zirkonium dienen als Abstandshalter, damit der breitere Rotor die Titanbrücken bei Stößen nicht berührt. Dazu kommt ein Belastungstest, der zehn Jahre intensiven Tragens simuliert, und eine Herstellergarantie von ebenfalls zehn Jahren. Es ist die selbstbewussteste Ansage, die Hermès Horloger bisher gemacht hat.
Ich denke, es sind fünf Kriterien, die sich in der Praxis immer wieder bestätigen: Wiedererkennbarkeit, Eigenständigkeit, sehr gute Qualität gerade im Verhältnis zum Preis, der Nerv der Zeit – und die Fähigkeit, die Markenwerte perfekt zu verkörpern. Die H08 erfüllt vier davon souverän. Beim fünften, der Seltenheit, wird es noch mal kompliziert. Aber der Reihe nach:
Ich habe die Kissenform erwähnt, die besondere Ziffernschrift, das runde Feld im Quadrat. Die H08 ist auf einem Instagram-Bild in Daumennagelgröße identifizierbar. Das schaffen im Sportuhrensegment weltweit vielleicht ein Dutzend Modelle.
Entscheidend für alles, was später kommt: Die Urversion war kein Testballon. Die Verarbeitung wurde von Beginn an gelobt, auch von Leuten, die Hermès sonst skeptisch sehen.
Fünf Jahre, fünf Stufen, kein Bruch. Und, was seltener ist: keine Verwässerung nach unten mit billigeren Einstiegsuhrwerken: Es gibt keine Quarz-H08, keine 34-Millimeter-Version für ein neues Segment, keine Kooperation, die die Linie billig machen würde.
Hier muss man präzise sein, vor allem wenn man sich mit den großen Marken anlegen möchte. Seit dem Start 2021 arbeitet in der H08 das H1837, das Hermès schon zuvor in anderen Herrenuhren eingesetzt hatte. Es entspricht dem VMF 3000 von Vaucher und ist ein kleines, flaches, maschinell dekoriertes Werk mit zwei Federhäusern.
Mit dem H1978S der Squelette ändert sich das Innenleben allerdings grundsätzlich: Erstmals bekommt die Linie ein eigens entwickeltes Werk, mit Titanplatine, Wolframrotor, 60 Stunden Gangreserve und zehn Jahren Garantie. Im selben Jahr hat Hermès seine Beteiligung an Vaucher, die seit 2006 bei 25 Prozent lag, Anfang April auf 40 Prozent erhöht. Vaucher liefert auch an Richard Mille, Audemars Piguet, TAG Heuer und Parmigiani Fleurier – Hermès sichert sich also wachsenden Einfluss nicht auf irgendeinen Zulieferer, sondern auf einen der besten der Branche.
Dieser Punkt geht klar nach Paris: Kulturell betrachtet ist Hermès derzeit wahrscheinlich die stärkste Luxusmarke der Welt, mit einer Begehrlichkeit, die sich keine Uhrenmarke erkaufen kann, nicht einmal Rolex. Bei der Seltenheit sieht es anders aus: Die H08 ist keine Uhr, auf die man wartet. Sie ist erhältlich. Genau das ist heute eine Stärke – und könnte morgen das größte Hindernis auf dem Weg zur Ikone werden. Dabei hat Hermès die Knappheit Schritt für Schritt bewusst herbeigeführt. Anfang der Nullerjahre produzierte das Haus nach Angaben von Oliver Müller, Gründer der Uhrenberatung LuxeConsult, rund 280.000 Uhren im Jahr, überwiegend Quarzmodelle für unter 1.000 Franken – die Uhr war damals ein Einstiegsprodukt in das Universum Hermès.
Seitdem hat Hermès die Jahresproduktion um rund drei Viertel gesenkt und die Durchschnittspreise deutlich angehoben, wie das „Wall Street Journal“ im September 2026 berichtete. Morgan Stanley schätzt die Produktion heute auf rund 60.000 Uhren im Jahr. Das ist ungefähr so viel wie bei Chanel; Cartier produziert laut WSJ das Zehnfache, Rolex nach Schätzung von Morgan Stanley und LuxeConsult rund 1,15 Millionen Uhren. Die Zahlen liegen interessanterweise nicht weit entfernt von Audemars Piguet und Patek Philippe (je rund 50.000 bis 70.000 Uhren).
Wie viele von den 60.000 Uhren eine H08 sind, ist nicht bekannt. Der Umsatz ist dennoch beachtlich: Seit 2019 hat sich die Uhrensparte fast verdreifacht, 2024 setzte sie 577 Millionen Euro um, etwa so viel wie IWC oder Jaeger-LeCoultre, 2025 waren es 549 Millionen Euro. Müller attestiert Hermès gegenüber dem WSJ inzwischen „eine gewisse Legitimität in der Uhrmacherei“. Hinzu kommt allerdings, dass laut „Bilanz“ noch rund die Hälfte aller Hermès-Uhren ein Quarzwerk hat. Die mechanischen H08 machen also nur einen Teil eines ohnehin überschaubaren Volumens aus.
Wer heute mit Blick auf das Jahr 2071 eine H08 kauft, also auf den Moment, in dem sie so alt ist wie die Nautilus heute, sollte vor allem auf Erstlinge mit Charakter setzen. An erster Stelle stehen die Titanmodelle von 2021, idealerweise auf dem Titanband und mit Box und Papieren: Sie verkörpern die erste Generation, die sauberste Gestaltung und den klarsten Bezug zum Ursprung – und sind heute, ganz praktisch, unter Listenpreis zu bekommen. Ebenso interessant sind die Komposit-Modelle, das Graphen-Gehäuse von 2021 und die Glasfaser-Varianten von 2023. Sie erzählen eine Materialgeschichte, die in dieser Preisklasse kein anderes Haus bieten kann, und die farbigen Versionen haben den höchsten Wiedererkennungswert der ganzen Linie.
Das Risiko liegt in der Langzeitbewertung: Wie Komposit-Gehäuse nach dreißig Jahren aussehen, weiß heute niemand. Hinzu kommt der erste Chronograph, der orangefarbene Monodrücker mit dem in die Krone integrierten Drücker, die erste Komplikation der Linie. Erstlinge gelten auf Auktionen seit jeher als besonders verlässliche Kategorie. Und schließlich die erste Squelette mit dem ersten eigens für die Linie entwickelten Kaliber, getestet auf zehn Jahre Tragezeit und mit zehn Jahren Garantie. Geht Hermès diesen Weg weiter, dürfte sie in der Rückschau der Punkt sein, an dem die H08 vom Designobjekt zur uhrmacherischen Unabhängigkeitserklärung wurde.
Die H08 startet aktuell bei 7.100 Euro, die Titanmodelle liegen zwischen 7.100 und 9.350 Euro, der Chronograph bei 12.300, die Squelette bei 20.000. Das ist gegenüber einer Nautilus 5811/1G mit 76.020 Euro Listenpreis tatsächlich ein Bruchteil, und auch gegenüber einer Royal Oak „Jumbo“ 16202 bleibt reichlich Luft. 2021 kostet die H08 4.900 Euro. Der Einstieg ist in fünf Jahren um über 40 Prozent gestiegen. Auch wenn die Preise für Luxusgüter in den Nach-Covid-Jahren enorm gestiegen sind, muss Hermès aufpassen, die Preise bis zum Durchbruch als Uhrenmanufaktur nicht überproportional anzuziehen. Sammler wiederum dürfte die mittelfristige Reduktion des Sortiments und die Preissteigerungen zum Einstieg bei Hermès hingegen freuen.
Die Recherche bei Chrono24 und eBay fällt heute jedoch noch eindeutig aus: Die Titan-H08 der ersten Jahre werden zwischen etwa 3.400 und 5.000 Euro angeboten. Eine 2023er Blau-Titan mit Garantie und Box stand bei rund 3.800 Euro, eine grüne Glasfaser-Version von 2025, die in Deutschland 8.150 Euro kostet, wurde für umgerechnet rund 3.800 Euro verkauft. Chrono24 nennt für die Kollektion eine Spanne von 3.900 bis 15.000 Euro. Die H08 notiert Stand heute deutlich unter Liste – teils bei der Hälfte. Fairerweise sei gesagt: Die Nautilus bekam man vor 15 Jahren, wie ich selbst erlebt habe, teils noch mit Abschlag beim Händler. Die einzige H08-Ausnahme mit Signalwirkung ist derzeit die limitierte Hodinkee-Edition, die auf Chrono24 deutlich über den Serienmodellen angeboten wird: Wo Limitierung ins Spiel kommt, funktioniert der Mechanismus inzwischen auch bei Hermès.
Wer heute eine frühe H08 sammeln will, zahlt keinen Sammlerzuschlag. Das ist für einen Käufer die beste Nachricht. Allerdings – und deshalb halte ich die These weiterhin für erlaubt – war es bei der Nautilus zwanzig Jahre lang genauso. Die 3700 war in den Achtzigern eine schwer verkäufliche Uhr. Wertentwicklung ist ein nachlaufender Indikator.
Der eigentliche Einwand der Sammler richtet sich derzeit vor allem gegen die Marke selbst: Hermès ist keine reine Uhrenmarke. Man liest das in Foren in der zugespitzten Form, es handle sich um eine Modemarke, die nur über den Preis Zugang zur Uhrenwelt bekomme. Das habe ich, so glaube ich zumindest, klar widerlegt.
2025 setzte die Uhrensparte 549 Millionen Euro um, rund dreieinhalb Prozent des Konzernumsatzes von 16 Milliarden Euro. Und es ist ausgerechnet das Segment, das zuletzt schrumpfte, um zwei Prozent, während Lederwaren und Sattlerei bei konstanten Wechselkursen um 13 Prozent wuchsen. Nur hat das Argument einen historischen Haken. Florian Craen, Executive Vice President Sales & Distribution bei Hermès, erinnerte im Mai im Gespräch mit der WirtschaftsWoche daran, dass das Haus Ende der Achtzigerjahre fast die Hälfte seines Umsatzes mit japanischen Kunden machte – „und damals war die Hälfte unserer Umsätze weltweit Tücher und Krawatten“.
Heute liege Japan bei weniger als zehn Prozent. „Hätten wir in Japan in Seide investiert, wären wir nicht mehr da.“ Stattdessen verkauft Hermès heute erfolgreich Sneaker, Möbel, Kosmetik und Schmuck, Kategorien, in denen dem Haus damals niemand etwas zugetraut hätte. Wer Hermès aufgrund heutiger Umsatzanteile eine Kategorie abspricht, hat die Funktionsweise dieses Hauses nicht verstanden. Und die Uhrensparte selbst beweist es: Sie hat sich seit 2019 fast verdreifacht.
Für Sammler ist entscheidend: Hermès denkt als familiengeführter Aktienkonzern in Generationen, nicht in Quartalen. Man erweitert mitten in einer Branchenkrise die Manufaktur bis 2028, mit 100 zusätzlichen Mitarbeitenden, und erhöht die Vaucher-Beteiligung auf 40 Prozent. So behält man die Fähigkeit, gute Gestaltung in die nächste Generation zu übertragen – das ist die eigentliche Kernkompetenz dieses Hauses, sichtbar an der Arceau von Henri d’Origny von 1978 oder am Bestseller Cape Cod.
Hermès erneuert fortlaufend seine Klassiker. Diese Disziplin braucht eine Uhrenlinie, die Ikone werden will. Und, was systematisch unterschätzt wird: Hermès steuert seine Distribution zu 100 Prozent selbst. Hermès gibt es nur bei Hermès. Es gibt keine Konzessionäre, keinen Rabattdruck, keine Abhängigkeit von Handelspartnern, die im schlechten Jahr abschreiben müssen. Hermès-Chef Axel Dumas, selbst Spross der Eigentümerfamilie, hat sich öffentlich darüber geärgert, dass Birkin-Taschen im Zweitmarkt landen – ein Haus, das so denkt, wird auch bei Uhren die Kontrolle über die Verfügbarkeit behalten. Und dass die Uhrensparte im zweiten Quartal 2026 wieder um vier Prozent zulegte, deutet auf eine Normalisierung hin.
Wenn wir ehrlich sind, wissen die wenigsten von uns, die heute über mechanische Armbanduhren schreiben und wie ich um die fünfzig sind, wirklich, was die Gen Z will. Wer hätte gedacht, dass Millionen junger Menschen eine Quarz-Speedmaster von Swatch cool finden oder eine mechanische Taschenuhr-Kollaboration von Audemars Piguet und Swatch kaufen würden?
Vor fünfzehn Jahren hätte ich Cartier in Deutschland nur als Damenuhr eine Chance gegeben, die Calibre de Cartier war beim ersten Launch ein totaler Flop. Heute lieben junge Frauen Cartier, spätestens seit Taylor Swift sich mit einer Santos Demoiselle zur Verlobung fotografieren ließ, und junge Männer tragen Cartier, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
Sicher ist: Die nächste Generation steht auf große Marken, übergroße wie Cartier, aber eben auch Hermès. Sie hat mehr Gespür für Details, und sie wünscht sich offensichtlich einen spielerischeren Umgang mit den sogenannten heiligen Kühen. Hat Rolex nicht gerade quietschbunte Daytonas versteigert?
Wie ich zu Beginn schrieb: Jeder Vergleich hinkt. Hermès hat viel vor sich und die Verantwortung wiegt schwer: Man darf uhrmacherisch in den nächsten zehn Jahren schlicht keinen Fehler machen. Die Neupreise sind derzeit schon sehr deutlich angezogen, und der Zweitmarkt gibt für eine Ikone von morgen heute so gut wie nichts her.
Aber ein Haus, das intern in jeder Kategorie das beste Produkt liefern will, das gerade in eine eigene Manufaktur investiert und seine Beteiligung an einem Top-Werkehersteller schrittweise ausbaut, während andere sparen, hat einen Plan. Dass Hermès die Verfügbarkeit seiner Produkte zu 100 Prozent selbst kontrolliert, heißt, man hat alle Steuerungswerkzeuge selbst in der Hand. Ob daraus die Nautilus von Hermès wird, entscheiden nicht wir, sondern die Sammler um das Jahr 2050 – so lange, rund 30 Jahre, brauchte auch die Nautilus, bis sie zur Ikone wurde. Ich würde die Wette jedenfalls nicht gegen Hermès abschließen. Und wenn es offensichtlich wird, macht es ja auch keinen Spaß mehr, darüber zu schreiben.