In diesem Konstrukt zeichnet Erwan Rossignol als Managing Director für die Neulancierung von Gallet verantwortlich. Auf den Geneva Watch Days 2026 erläuterte er im Gespräch mit Swisswatches Magazine Hintergründe, Pläne und das überraschende Leitmotiv der Marke: „Wanderlust“.

Als Deutsche möchte ich gern mit dem Begriff „Wanderlust“ beginnen. Natürlich kenne ich dieses deutsche Wort. Für mich klingt es allerdings im ersten Moment eher altmodisch und erinnert mich zum Beispiel an Wandertage in der Schule, die meist ziemlich langweilig waren. Wie ist man auf diesen Begriff gekommen beziehungsweise weshalb hat man sich dafür entschieden?

Erwan Rossignol: Ich bin Franzose, und für mich war der Begriff ehrlich gesagt gar nicht so geläufig. Aber wenn man „Wanderlust“ googelt, sieht man sehr viele Bilder von Abenteuern und Outdoor-Aktivitäten, auch im internationalen Zusammenhang. Der Begriff kam in einem Gespräch auf, das wir vor ungefähr zwei Jahren geführt haben, als wir die neue Identität von Gallet entwickelt haben.

Wir waren damals im Breitling-Büro in Zürich, genauer gesagt in einem der Kreativ- bzw. Workshop-Bereiche, in denen häufig an neuen Konzepten und Ideen gearbeitet wird. Vor Ort waren unter anderem Georges Kern sowie unser Global Head of Design Pablo Widmer. In den Räumen lagen auch verschiedene Bücher und Inspirationsquellen aus, dabei fiel uns ein Buch mit dem Titel „Wanderlust“ ins Auge. Wir haben es aufgeschlagen, darin geblättert und sofort gespürt, dass es genau die Richtung verkörpert. Uns war sofort klar: „Okay, das ist es.“

Heute, da wir die Marke einführen, müssen wir den Begriff tatsächlich manchmal erklären und Menschen, die keine deutschen Wurzeln haben, seine Bedeutung vermitteln. Nicht jeder versteht ihn sofort. Aber es ist ein starkes Wort. Wenn man auf Instagram nach „Wanderlust“ sucht, versteht man unmittelbar, wofür es steht.

Es geht dabei um mehr als das reine Wandern, sondern vielmehr um die Sehnsucht nach dem Unterwegssein. „Wanderlust“ beschreibt den Impuls, dem Alltag zu entkommen, den Trubel hinter sich zu lassen und Neues jenseits des Gewohnten zu entdecken. Und so wird er international zum Beispiel auch in der Tourismusbranche verwendet. Vor allem im Englischen ist der Begriff sehr verbreitet.

Gallet hat eine lange Historie. Passt diese zum Thema „Wanderlust“?

Tatsächlich erwecken wir hier eine Marke mit 200 Jahren Geschichte wieder zum Leben. Sie war rund 150 Jahre kontinuierlich aktiv, bevor sie schließlich in einen Dornröschenschlaf fiel. Wenn man tiefer in die Geschichte eintaucht, entdeckt man ein sehr reiches Erbe.

Und dieses passt sehr gut zum Leitthema „Wanderlust“. Denn Gallet war zum Beispiel ein Pionier und führend im Bereich der Chronographen – ähnlich wie Breitling – und entwickelte präzise Zeitmessinstrumente für jene Innovatoren und Abenteurer, die eine neue Ära der Luftfahrt, des Motorsports, des Segelns und der Forschungsreisen einläuteten. Gallet-Uhren waren unter anderem beim ersten motorisierten Flug der Gebrüder Wright im Jahr 1903 dabei und begleiteten Rex Mays 1940 bei seinem Sieg beim Rennen Springfield. Wo immer Menschen Grenzen verschoben, war eine Gallet-Uhr oftmals an ihrer Seite.

Dieser Pioniergeist ist bis heute lebendig. Nun kehrt Gallet als Schwestermarke von Breitling zurück – bereit für eine neue Ära der „Wanderlust“.

Wenn man eine historische Marke wieder zum Leben erweckt, besteht dann nicht immer auch die Gefahr, dass zu viel Vergangenheit in die „neue“ Marke einfließt?

Man muss das eigene Erbe respektieren. Gleichzeitig wollen wir natürlich nicht einfach dieselben Vintage-Uhren wieder auf den Markt bringen. Wir sind kein Museum. Und ich glaube auch nicht, dass das die Erwartungen der Kunden wären.

Die Herausforderung besteht also darin, das historische Erbe zu bewahren und zugleich einen modernen Touch zu schaffen, der die heutige Generation an Uhrenliebhabern anspricht. Wir glauben, dass uns das gelungen ist.

In den vergangenen zwölf Monaten waren wir dafür weltweit unterwegs, haben Händler getroffen und Feedback eingeholt. Wir haben auch mit Sammlern gesprochen. Das hat uns dabei geholfen, die Markenidentität und die Produkte von Gallet weiter zu schärfen.

Sie haben gerade die Sammler erwähnt. Wie bekannt ist die Marke heute – auch außerhalb des gut informierten Kreises der Sammler?

Offen gesagt ist die Marke bisher außerhalb von echten Uhrenkennern nicht besonders bekannt. Wenn Sie heute 100 Menschen auf der Straße treffen und sie nach Gallet fragen, können Sie sich glücklich schätzen, wenn einer die Marke kennt.

Bei den Sammlern hingegen ist sie sehr bekannt. Wenn man sich beispielsweise den Sekundärmarkt anschaut, erzielen unsere Vintage-Uhren sehr hohe Preise. Man kann eine Multichron– oder Flying Officer-Uhr für mehr als 10.000 oder 15.000 Schweizer Franken finden. Die Marke hat also einen sehr hohen Wert bei Liebhabern und Kennern der Uhrenszene.

Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht nun darin, diese Markenbekanntheit nicht nur zu steigern, sondern bei einer neuen Kundengeneration zu etablieren.

Was macht Sie zuversichtlich, dass dies gelingen wird?

Wir versuchen, das großartige Erbe mit einem modernen Charakter zu verbinden. Und ich glaube wirklich, dass es keinen besseren Zeitpunkt als den jetzigen gibt, um eine Marke wie Gallet, die für Abenteuer und Freiheit steht, neu zu lancieren.

In der heutigen Welt sind viele Menschen einer enormen Belastung und Reizüberflutung ausgesetzt. Sie haben Stress bei der Arbeit, sind ständig von sozialen Medien umgeben und werden mit einer Flut von Eindrücken und Erwartungen konfrontiert. Was sie brauchen, ist die Möglichkeit, einfach einmal die Augen zu schließen, tief durchzuatmen, eine Pause einzulegen und darüber nachzudenken, wohin ihre nächste Reise oder ihr nächstes Ziel führen könnte.

Unsere Uhren vermitteln genau diese Emotion, diese Sehnsuchtsgedanken, und sind zugleich zuverlässige Begleiter bei diesen Abenteuern. Diesen Spirit wollen wir vermitteln. Das sieht man auch in unserer Kommunikation und an den modernen Abenteurern wie Donal Boyd und Benjamin Hardman, mit denen wir zusammenarbeiten.

Wir richten uns dabei übrigens nicht an eine bestimmte Altersgruppe. Natürlich wird das Konzept zunächst besonders eine jüngere Kundschaft ansprechen. Aber wir glauben, dass unser Design und unsere Produkte ganz unterschiedliche Menschen erreichen können.

Aber nicht jeder wird die Abenteuer, von denen man träumt, auch umsetzen können.

Richtig. Aber es geht nicht vorrangig darum, dass diese Menschen morgen nach Feuerland oder in ein anderes Abenteuer aufbrechen. Entscheidend ist vielmehr das Gefühl, dem Alltag für einen Moment entkommen zu können. Sie möchten träumen, sich inspirieren lassen und neue Horizonte entdecken. Abenteuer ist für sie eine Lebensweise, die man auch zu Hause umsetzen kann.

Das eine sind die wahren Abenteuer, von denen die meisten nur träumen können, das andere ist der Preispunkt. Wie erschwinglich ist Gallet?

Wir sprechen von „Accessible Luxury“, also zugänglichem Luxus. Unsere Ambition ist es, eine führende Marke in diesem Segment zu werden. Wenn Sie sich unsere Debüt-Kollektionen ansehen, werden Sie feststellen, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis ausgesprochen attraktiv ist. Unsere Automatikmodelle beginnen bei 2.600 Euro, die Chronographen bei 4.100 Euro. Alles wird von Breitling gefertigt. Die Montage und die Herstellung der Chronometer erfolgen dort, und auch während der gesamten Lebensdauer der Produkte werden sie von Breitling beziehungsweise von Breitling-Uhrmachern gewartet.

Wir verwenden dieselben Komponenten und dieselben Lieferanten und greifen auf dieselbe Vertriebsstruktur zurück. Gleichzeitig ist die Kollektion sehr klar strukturiert und bietet auf einfachem Weg die Möglichkeit der Individualisierung. Alle Uhren haben eine einheitliche Bandanstoßbreite und sind mit einem werkzeuglosen Schnellwechselsystem ausgestattet. Aus den elf Uhren der Premieren-Kollektionen ergeben sich so mehr als 150 verschiedene Kombinationen. Und die Armbänder sind sehr erschwinglich. In Deutschland werden sie inklusive Schließe 90 Euro kosten. Im Segment „Accessible Luxury“ gibt es eine große Nachfrage. Wenn man all die Aspekte der neuen Gallet-Marke betrachtet, bietet sie darauf eine überzeugende Antwort.

Sie haben über Vertrieb und Fertigung mit Breitling gesprochen. Wie unabhängig und eigenständig kann Gallet operieren?

Als Schwestermarke nutzen wir die Lieferkette, die Beziehungen zu den Lieferanten, das Vertriebsnetz, den After-Sales-Service, die Fertigungskapazitäten und so weiter. In diesem Sinne ist Gallet in Breitling integriert. So werden unsere Uhren zum Start in 90 Breitling-Boutiquen in einer eigenen Gallet-Corner mit „Wanderlust“-Atmosphäre zu finden sein. Darüber hinaus sind wir weltweit in rund 70 weiteren Verkaufsstellen vertreten.

Gleichzeitig handelt es sich bei Breitling und Gallet um zwei sehr unterschiedliche Marken. Sie teilen bestimmte Elemente ihrer Geschichte – beide waren beispielsweise führend im Bereich der Chronographen. Aber die Geschichten und die Produkte sind sehr unterschiedlich.

Breitling entwickelt sich konsequent in Richtung Manufakturmarke mit eigenen Werken. Bei Gallet werden wir teilweise auch Werke von Sellita verwenden. Zum Start der Marke und anlässlich des 200-jährigen Jubiläums führen wir mit den Gallet Classics eine Linie mit dem Breitling-Handaufzugmanufakturkaliber B09 ein. So können wir die historische DNA von Gallet bewahren und mit der uhrmacherischen Kompetenz von Breitling verzahnen. 

Wäre es für Sie in Ordnung, wenn jemand sagt: Gallet ist die günstigere beziehungsweise erschwinglichere Alternative zu Breitling?

Solche Vergleiche werden immer gerne gezogen. Wenn man sich aber die Produkte anschaut, sind sie – abgesehen davon, dass beide Marken Chronographen anbieten – einfach sehr, sehr unterschiedlich.

Sie starten mit vier Kollektionen, die sich alle auf historische Uhren beziehen. Dazu gehört auch die Flying Officer, eine Uhr, die unter anderem US-Präsident Harry S. Truman trug und das wohl bekannteste historische Modell von Gallet ist. Handelt es sich bei den aktuellen Modellen um Neuinterpretationen?

Ja. Wenn Sie die alte Flying Officer und die neue nebeneinander betrachten, sind sie sich sehr ähnlich. Das Original hatte einen Durchmesser von 34,5 Millimetern, die neue Version misst 40 Millimeter. Damit haben wir die Ablesbarkeit deutlich verbessert.

Wir haben die Städte auf dem Städtering aus der Vergangenheit übernommen, aber aktualisiert, weil sich die Zeitzonen verändert haben. Historisch dienten diese Städte auf dem Städtering dazu, die Zwischenstopps zum Auftanken zu verfolgen. Die Flying Officer wurde in der frühen Ära der Interkontinentalflüge entwickelt.

Heute gibt es diese Tankstopps natürlich nicht mehr. Stattdessen haben wir daraus abenteuerliche Reiseziele gemacht. Sie erfüllen also weiterhin denselben Zweck: Sie nehmen ihre Träger mit zum nächsten Traumziel. Die Flying Officer wird neben der Chronographen-Ausführung außerdem als Automatikmodell mit drei Zeigern angeboten – mit einem blauen und einem orangefarbenen Zifferblatt. Dazu kommt ein grüner beziehungsweise roter Akzent.

Orange ist übrigens zur Markenfarbe von Gallet geworden. Diese Farbe basiert auf einer Vintage-Flying Officer, die wir bei einem Händler gefunden haben. Sie hatte eine orangefarbene Patina, und daraus haben wir diese Farbe abgeleitet.

Dann haben wir die Multichron Sport mit zwei Chronographen in Schwarz und Blau. Außerdem gibt es die Multichron Pilot, einen weiteren Chronographen, ebenfalls in Schwarz und Blau. Und schließlich haben wir die Gallet Classics: drei Uhren mit dem Breitling-Manufakturwerk B09 mit Handaufzug, die anlässlich des 200-jährigen Jubiläums vorgestellt wurden. Sie sind eng an die Originalmodelle angelehnt und bleiben mit dem Handaufzug der Epoche treu, die diese Uhren feiern.

Alle Uhren beziehungsweise Kollektionen basieren auf historischen Inspirationsquellen, richtig?

Ja, das stimmt fast. Die Multichron Pilot gab es bereits in den 1960er-Jahren. Das Modell, das wir jetzt wieder zum Leben erwecken, hat seine Wurzeln in dieser Zeit. Wir haben die Lünette beibehalten, mit der sich eine zweite Zeitzone ablesen lässt. Außerdem gibt es eine Telemeter-Skala zur Entfernungsmessung.

Die Multichron Sport hingegen existierte in dieser Form zuvor nicht. Gallet hat aber auch eine Geschichte im Rennsport, unter anderem mit der Multichron Regulator aus den 1930er-Jahren. 

Deshalb bringen wir passend dazu die Multichron Sport auf den Markt. Sie hat keine Lünette, sondern eine Tachymeterskala – als Anspielung auf die Rennsportgeschichte. Dabei haben wir auch Elemente der Multichron 12 Hour Scientific aus den 1960er-Jahren übernommen.

Was hat es mit den Gallet Classics auf sich?

Die drei Modelle sind ebenfalls eine Hommage an wichtige historische Modelle. Da wäre zunächst die Tribute to Multichron Yachting Big Eye. Wenn Sie das Original und die neue Version nebeneinanderlegen, sieht man, wie ähnlich sie sich sind. Das Original hatte 35 Millimeter, die neue Version 38 Millimeter.

Hinzu kommt die Hommage an die Multichron 45 aus den 1940er-Jahren. Auch sie sieht dem historischen Modell sehr ähnlich und ist wirklich wunderschön.

Und schließlich haben wir die Tribute to Silverlight. Sie ist kein direktes historisches Modell. Wir haben uns aber erneut von der Multichron 12 Hour Scientific, wie sie in den 1970er-Jahren aussah, inspirieren lassen. Sie hatte ein silberfarbenes Zifferblatt, das wir damals „Snow White“ nannten, sowie eine ganz besondere Schriftart.

Sie waren von Anfang an in den Comeback-Prozess von Gallet involviert. Welcher Teil des Projekts begeistert Sie am meisten oder macht Sie besonders stolz?

Nun, was mich wirklich stolz und glücklich macht, ist zunächst einmal die Tatsache, dass wir als Team die Möglichkeit haben, eine Marke wie diese neu zu lancieren. Das ist wirklich einzigartig in der Uhrenindustrie. Und natürlich ist es auch für mich persönlich eine große Ehre, dass Georges Kern zu mir gesagt hat: „Okay, du kannst jetzt die Führung bei Gallet übernehmen.“

Man lernt sein ganzes Leben lang, und Gallet ist für mich eine neue Etappe des Lernens. Und das ist erst der Anfang dieses Abenteuers.

Wenn wir in fünf Jahren zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass der Relaunch erfolgreich war?

Wenn wir Gallet an vielen Handgelenken sehen und die Menschen über unsere Uhren sprechen – sowohl Sammler als auch „normale“ Uhreninteressierte und neue Fans der Marke. Am Ende werden die Kunden entscheiden, ob der Relaunch erfolgreich war.


gallet.com

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