Rémi Jomard ist einer der technischen Köpfe hinter den ultraflachen und besonders aufwendigen Uhren der Manufaktur Piaget. Über das jüngste Beispiel, die Piaget Polo Minute Repeater, sprach er im Interview mit Swisswatches Magazine.

Weshalb ist ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt für eine neue Minutenrepetition?

Rémi Jomard: Das hat sich eigentlich ganz natürlich ergeben. Vor vier Jahren haben wir die Polo mit einem ewigen Kalender lanciert. Das war einer der ersten Schritte hin zu den großen Komplikationen, die wir uns für diese Kollektion vorstellen konnten. Und dann, vor zwei Jahren, kam die Polo als Flying Tourbillon. Das waren bereits sehr klassische Komplikationen in einer sportlichen Kollektion. Das Aufweichen dieser Grenze zwischen Klassik und Sportlichkeit setzt sich nun mit der neuen Piaget Polo Minute Repeater als logischer nächster Schritt fort.

Aber auch zum Design gibt es in meinen Augen eine Art Gegensatz. Das teilweise geöffnete Zifferblatt wirkt auf mich beinahe futuristisch – und das bei einer der traditionsreichsten Komplikationen der Uhrmacherei. War dieser Kontrast ein bewusster Teil des Designkonzepts?

Rémi Jomard: Ja, absolut. Wir wollten in Bezug auf das Design ganz klar Modernität erreichen. Deshalb hat das Designteam sehr intensiv am Zifferblatt gearbeitet.

Aber es entspricht gleichzeitig dem, was wir sind – eine traditionsreiche Manufaktur mit einer starken DNA. Wir haben eine klassische Minutenrepetition mit einer klassischen Finissierung – einer Guillochierung von Hand –, aber dennoch ein Zifferblatt mit einem modernen Twist.

Das durchbrochen gearbeitete Zifferblatt erzeugt zudem Tiefe und erlaubt den Blick auf die Schönheit und Komplexität des Uhrwerks. Dabei durfte sich die Öffnung des Zifferblatts nicht negativ auf den Klang auswirken. Wir verschieben also die Grenzen der Technik, um ästhetische Ziele zu erreichen.

Denn uns geht es nicht darum, die Technik um ihrer selbst willen zu zeigen. Vielmehr setzen wir die Technik gezielt ein, um das zu erreichen, was die Kreation ausdrücken soll und was zur DNA und Botschaft der Maison gehört. Dafür arbeiten die Technik- und Designabteilungen sehr eng zusammen – auch wenn es drei, vier oder sieben Jahre dauert, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen.

Diese Kombination aus klassischer Uhrmacherkunst und Modernität sehen Sie übrigens auch bei den beiden Armbändern. Das eine besteht aus blauem Alligatorleder – sehr klassisch. Das andere hingegen wird aus blauem Kalbsleder gefertigt und wirkt deutlich moderner. Wir versuchen also stets, Modernität mit klassischer Uhrmacherei zu verbinden.

Die Kunst besteht darin, das Gleichgewicht zwischen Tradition, Klassik, Moderne und Alltagstauglichkeit zu erreichen. Ich hoffe, dass uns das auch bei der Piaget Polo Minute Repeater gelungen ist.

Bei einer Minutenrepetition geht es um den perfekten Klang. Worauf kommt es dabei heute vor allem an?

Rémi Jomard: Dazu muss man ein wenig in die Vergangenheit blicken. So wurden im 18. und 19. Jahrhundert Minutenrepetitionen vor allem als kostbare Taschenuhren getragen. Diese waren viel größer als die heutigen Armbanduhren und hatten dementsprechend einen größeren Resonanzkörper, was eine höhere Lautstärke ermöglichte. Zudem gab es im 18. und 19. Jahrhundert vermutlich wesentlich weniger Umgebungsgeräusche.

Heutzutage werden Minutenrepetitionen als kompakte Armbanduhren tatsächlich im Alltag und damit inmitten vielfältiger Umgebungsgeräusche getragen. Deshalb müssen sie laut klingen.

Gleichzeitig sollen sie aber auch wasserdicht sein und sind damit gewissermaßen nach außen abgeschottet. Das ist bei einer Minutenrepetition eine echte Herausforderung, da der Ton im Inneren erzeugt, außerhalb der Uhr aber klar und deutlich zu hören sein soll. Die neue Piaget Polo Minute Repeater ist bis 3 bar wasserdicht. Darauf sind wir sehr stolz.

Und dennoch ist sie mit 64 Dezibel bemerkenswert laut. Wie haben Sie das geschafft?

Rémi Jomard: Wir haben ein spezielles Gehäuse verwendet, das wir bis an die Grenzen des verfügbaren Raums entwickelt haben, insbesondere im Hinblick auf die Resonanz. Daran haben wir sehr intensiv gearbeitet und uns gefragt: Wie können wir im Inneren genügend Raum schaffen, damit dieser ausreichend vibrieren und den Klang verstärken kann?

Für die Lösung war es erforderlich, parallel dazu das Uhrwerk darauf abzustimmen. Beides muss perfekt zusammenpassen, um den perfekten Klang zu erzeugen. Bei dem 1290P handelt es sich um ein ganz spezielles Kaliber, das nicht einfach klassisch rund ist. Es ist ein formgebundenes, speziell an das Gehäuse angepasstes Kaliber, das nicht einfach in unterschiedliche Gehäuse eingesetzt werden kann.

Im Inneren gibt es zudem spezielle Öffnungen, um eine möglichst große Resonanz zu erzielen. Zugleich wollten wir eine hohe Ästhetik und eine möglichst geringe Bauhöhe des Uhrwerks erreichen. Geringe Bauhöhe, Ästhetik und technische Exzellenz sind Teil unserer DNA und werden im 1290P zusammengeführt.

Das 1290P wurde bereits 2013 vorgestellt. Wie lange hat die Entwicklung gedauert, und was hat sich seitdem verändert?

Rémi Jomard: Die Entwicklung des Uhrwerks hat drei Jahre in Anspruch genommen. Danach haben wir beispielsweise den Rotor mit einer Beschichtung versehen. Dazu kommen technische Dinge, die man nicht unbedingt sieht, etwa bei der Schmierung oder beim Material bestimmter Komponenten. Im Wesentlichen war das Kaliber 1290P also bereits 2013 perfekt.

Wie lange dauert es, ein solch komplexes Werk herzustellen?

RJ: Da muss man zwischen Finissierung und Montage unterscheiden. Läuft alles beim ersten Durchgang optimal und muss nicht nachjustiert werden, dann dauert die Montage etwa 80 Stunden plus rund 72 Stunden für die Finissierung. Hinzu kommen das Einschalen des Werks in das Gehäuse, die Prüfung des Klangs und gegebenenfalls die Zeit für die Klangoptimierung.

Wie ermitteln Sie den perfekten Klang? Spielt das menschliche Gehör dabei noch eine Rolle?

Rémi Jomard: Wir verwenden heute modernste Technik in einer schallisolierten Kammer, die äußere Schalleinflüsse vollständig eliminiert und in der ein Mikrofon auf die Uhr gerichtet ist. Wir prüfen zweimal: zunächst nur das Uhrwerk und anschließend die vollständige Uhr. Wir messen also mit einem Mikrofon in einer sehr ruhigen Umgebung die exakten Frequenzen der beiden Töne – Ais für die Minuten und Gis für die Stunden.

Wenn etwas nicht optimal ist, geht das Werk beziehungsweise die Uhr zurück in die Werkstatt. Dort werden Klangkörper, Tonfedern und Hämmer entsprechend nachjustiert, bis der Klang perfekt ist. Das machen wir bei jeder einzelnen Uhr.

In diesem Jahr werden nur fünf Exemplare der Polo Minute Repeater gebaut, richtig?

Rémi Jomard: Ja, das stimmt. Ein Grund ist, dass es nicht viele Uhrmacher und Handwerkskünstler gibt, die in der Lage sind, diese Uhr zu montieren und zu finissieren. Es handelt sich aber nicht um eine limitierte Produktion. Nach den fünf Exemplaren in diesem Jahr werden wir sehen, wie es weitergeht.

Woher kommt bei Piaget das konsequente Streben nach immer flacheren Uhrwerken und Gehäusen? Und stößt man nicht irgendwann unweigerlich an technische Grenzen?

Rémi Jomard: Natürlich gibt es physikalische und chemische Grenzen, und an diese tasten wir uns im Uhrenbau kontinuierlich immer näher heran.

Wenn wir über Piaget sprechen, begann dies vor etwa 60 Jahren, als wir 1957 unser erstes ultraflaches Handaufzugswerk vorstellten, das 9P mit gerade mal zwei Millimetern Bauhöhe. Drei Jahre später folgte mit dem 2,3 Millimeter flachen 12P das damals weltweit flachste Automatikwerk.

Aber es geht nicht um Flachheit um ihrer selbst willen. Konstruktion und Technik dienen bei Piaget immer einem gestalterischen Zweck – mit dem Ziel, mehr Ästhetik und Tragekomfort zu ermöglichen.

Und selbst bei extraflachen Uhren mit ultraflachen Kalibern gibt es Spielraum für raffinierte Designs, verschiedene Ebenen, durch die man hindurchblicken kann und die trotz der geringen Bauhöhe viel Tiefe erzeugen. Wir sind eine kreative Maison mit starken ästhetischen Codes und wollen diese beibehalten, auch bei Zeitmessern mit großen Komplikationen. Diese sollen sichtbar sein, aber zugleich unsere bekannte Designsprache sprechen.

Wir sind übrigens ziemlich stolz darauf, dass die ultraflache Uhrmacherei zu einer Art Trend geworden ist, den wir vor rund 60 Jahren angestoßen haben.


piaget.com

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