Christine Hutter ist sichtlich gerührt, als sie an einem Punkt ihrer Ansprache vor den geladenen Gästen von dem unermüdlichen Einsatz ihres Teams erzählt. Dabei wäre all das, was wir an diesem Tag noch zu sehen bekommen werden, ohne Hutters eigene Leidenschaft und Vision nicht möglich gewesen, als sie im Jahr 2008 den Entschluss fasste, den Namen Moritz Grossmann mit einem Team aus Enthusiasten wiederzubeleben.

Tatsächlich hatte sich niemand die Markenrechte an dem Namen Moritz Grossmann gesichert, nachdem dieser im Jahr 1885 unerwartet verstarb und seine Werkstatt aufgelöst wurde. Über 120 Jahre lag der Name ungenutzt brach, bis Christine Hutter, selbst gelernte Uhrmacherin – sogar damals als Klassenbeste ihres Jahrgangs -, die durch leitende Stationen bei Glashütte Original und A. Lange & Söhne mit der Geschichte in Glashütte bestens vertraut war, durch Recherchen auf das ungenutzte Potential Grossmanns aufmerksam wurde. 

Moritz Grossmann gilt als einer der vier großen Gründerväter, die den abgelegenen sächsischen Ort Glashütte zu einem weltbekannten Zentrum der Feinuhrmacherei machten. Grossmann war ein vielseitiges Genie: Er wirkte nicht nur als begnadeter Uhrmacher und stellte herausragende Taschenuhren her, sondern betätigte sich auch als vorausschauender Erfinder. Er entwickelte unter anderem das metrische System im Uhrenbau weiter und konstruierte spezielle Uhrmacher-Drehstühle.

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Sein wohl nachhaltigstes Erbe für die Region war jedoch die Gründung der Deutschen Uhrmacherschule im Jahr 1878. Grossmann war der Initiator und Mitbegründer dieser Institution, für die er auch das gesamte Lehrkonzept ausarbeitete. Nebenbei engagierte er sich leidenschaftlich im gesellschaftlichen Leben der Stadt, diente als Bürgermeister, gründete die Freiwillige Feuerwehr, den örtlichen Turnverein sowie den Sparkassenverein und war in der Handwerkskammer Dresden aktiv. Fünf Jahre vor seinem Tod hinterließ er der Nachwelt im Jahr 1880 sein theoretisches Vermächtnis in Form des Buches „Die Konstruktion einer einfachen aber mechanisch vollkommenen Uhr“.

Mit Christine Hutter erwachte Grossmann zu neuem Leben

Die ersten konzeptionellen Schritte steuerte Christine Hutter anfangs von Dresden aus, doch bereits im Jahr 2009 verlagerte das junge Unternehmen seine Zelte komplett nach Glashütte. Es wurden ein Büro und ein Ladengeschäft angemietet und im Sommer desselben Jahres mit dem Aufbau der eigenen Werkstätten begonnen. Damit fiel der Startschuss für eine rund fünfjährige Aufbauphase, in deren Verlauf auch das heutige Manufakturgelände erworben wurde.

Ein erster Meilenstein der Neuzeit folgte im Jahr 2010 mit der Präsentation der allerersten Uhr, die den Namen „Benu“ trug. Der endgültige Durchbruch in die Eigenständigkeit gelang im Jahr 2013, als das neu errichtete, markante Manufakturgebäude feierlich eröffnet und zeitgleich drei neue Uhrenmodelle vorgestellt werden konnten. 

Von da an ging es auch international steil bergauf: Im Jahr 2015 startete die Marke erfolgreich auf dem anspruchsvollen asiatischen Markt, beginnend mit Japan. Heute, im Jahr 2026, ist aus dem visionären Projekt eine etablierte Größe mit 74 Mitarbeitern geworden. Dass der Name Grossmann in der Uhrenwelt wieder echtes Gewicht hat, beweisen nicht zuletzt die internationalen Auktionshäuser, bei denen historische wie moderne Zeitmesser der Marke mittlerweile beachtliche Wertsteigerungen erzielen.

Kompromisslose Fertigungstiefe und handwerkliche Obsession

Was die Marke von vielen anderen Herstellern unterscheidet, ist ihre radikale Unabhängigkeit in der Produktion. Von Beginn an lautete das Ziel, eine Fertigungstiefe von über 90 Prozent im Uhrwerk zu erreichen. Bis auf wenige Komponenten wie die Lagersteine, die Spirale und die Zugfedern fertigt die Manufaktur praktisch jedes Bauteil eines Uhrwerks selbst. Dabei wird ein traditionelles „High Finish“ gepflegt, das bis ins kleinste Detail geht: Radschenkel werden von Hand gefast, Unruhkloben kunstvoll graviert und die Oberflächen aufwendig finissiert. Bei der Bearbeitung der Platinen und Brücken verzichtet man für das finale Finish ganz bewusst auf den Einsatz von diamantbestückten CNC-Maschinen – die feine Angleichung der Kanten erfolgt stattdessen in stundenlanger Handarbeit.

Dass Unabhängigkeit auch zu enormer kreativer Freiheit führt, beweisen die letzten 18 Jahre. Das kleine Konstruktionsteam hat bis heute 15 eigenständige Kaliber entwickelt und schützt seine Erfindungen mit 12 Patenten. 

Mit dem Erreichen des Jubiläumsjahres sieht Christine Hutter die Manufaktur am Ende ihrer verlängerten „Start-up-Phase“. Für das laufende Jahr 2026 ist die Produktion von rund 400 Uhren geplant. Das langfristige und bewusste Wachstumsziel der Marke ist jedoch gedeckelt: Um die extreme handwerkliche Qualität und Exklusivität zu wahren, soll die jährliche Produktion niemals mehr als 800 bis maximal 1.000 Uhren betragen, bei einer finalen Manufakturgröße von etwa 120 Mitarbeitern. Damit wäre die Manufaktur dann aber auch komplett ausgelastet. 

Zehn Besonderheiten der Uhren von Moritz Grossmann

Hammerschwingsystem (Pendulumaufzug)

Mit der Uhrenlinie Hamatic ließ Moritz Grossmann den Hammer- bzw. Pendelaufzug wieder aufleben. Anstelle eines konventionellen, um 360 Grad rotierenden Rotors übernimmt ein charakteristisch durchbrochener Schwinghammer die Energiegewinnung des automatischen Manufaktur-Kalibers 106.0. 

Jede Bewegung des Trägers lenkt das gewichtige Pendel aus. Über zwei Klinkenräder wird diese Kinetik bidirektional gewandelt und effizient an das Federhaus übertragen, wo sie für eine Gangreserve von bis zu 72 Stunden sorgt. Der Aufzug reagiert bereits auf kleinste Nuancen der Armbewegung absolut geschmeidig. Somit können Hammerbewegungen ab 5 Grad zum Spannen der Antriebsfeder genutzt werden. 

Visuell bietet das Hammerschwingsystem einen einmaligen Mehrwert: Da der skelettierte Hammer das Uhrwerk zu keinem Zeitpunkt vollständig verdeckt, bleibt die hübsche Werkarchitektur durch den Saphirglasboden fast ungestört sichtbar. 

Sekundenstopp mit Haarpinsel 

Ein rotierendes Tourbillon für die exakte Zeiteinstellung anzuhalten, gehört zu den kniffligsten Aufgaben der Uhrmacherei, da starre Stopphebel das sensible System beschädigen könnten. Moritz Grossmann entwickelte für das Benu Tourbillon eine ebenso poetische wie effektive, patentierte Lösung: den Haarpinsel-Sekundenstopp. 

Wird die Krone in die Stellposition gezogen, führt eine Hebelmechanik einen feinen, hochflexiblen Pinsel aus echtem Haar durch die filigranen Pfeiler des Tourbillonkäfigs hindurch.

Die zarten Haarfasern legen sich sanft an den Umfang des Schwingrings und bremsen die Unruh absolut schonend und reibungsarm ab. Tatsächlich haben sie menschliche Haare als langlebiger und stabiler erwiesen, als Kunsthaar. Für diesen Mechanismus kam sogar bereits Echthaar von Frau Hutter zum Einsatz, aber auch Kunden können für ihre ganz persönliche Uhr Haare einreichen. 

Drückermechanismus bei 4 Uhr Position / Zeigerstellmechanismus

Der Grossmann’sche Handaufzug mit Drücker löst eine alte Schwachstelle klassischer Zeigerstellmechanismen auf elegante Weise. Zieht man sanft an der Krone, schaltet die Mechanik in den Stellmodus und stoppt augenblicklich das Schwingsystem. Das Entscheidende: Die Krone springt sofort wieder in ihre ursprüngliche Position zurück. 

Durch diesen automatischen Rückstellimpuls bleibt das Gehäuse während des Einstellvorgangs perfekt dicht, wodurch Staub oder Feuchtigkeit gar nicht erst eindringen können. Zudem wird ausgeschlossen, dass sich die minuziös ausgerichteten Zeiger beim Zurückdrücken der Krone ungewollt wieder verschieben. 

Ist die Uhr exakt ausgerichtet, wird das Werk über den Drücker bei 4 Uhr wieder in Gang gesetzt. Das Uhrwerk läuft erschütterungsfrei an, und das System befindet sich sofort wieder im normalen Aufzugsmodus. 

Goldchatons mit weißen Saphiren 

In der traditionellen Glashütter Feinuhrmacherei gehören verschraubte Goldchatons zu den charakteristischen Merkmalen anspruchsvoller Uhrmacherkunst. Während das klassische Metier typischerweise auf dunkelrote Rubine als Lagersteine setzt, geht Moritz Grossmann einen ästhetisch eigenständigen Weg: Die Manufaktur verbaut strahlend weiße, transparente Saphire. 

Diese Lagersteine werden einzeln in handpolierte Goldfassungen eingepasst und mit feinsten, thermisch angelassenen Schrauben auf den Platinen fixiert. In Verbindung mit dem warmen Farbton des naturbelassenen Neusilbers erzeugen die weißen Saphire ein ganz eigenständiges Gesamtbild im Uhrwerk, das es so nur bei Moritz Grossmann gibt. 

Unruhreif komplett in-house

Während heutzutage selbst namhafte Manufakturen Schwingungssysteme als vorgefertigte Komponenten einkaufen, fertigt Moritz Grossmann den Unruhreif in kompletter Eigenregie. 

Die Grossmann’sche Unruh zeichnet sich durch einen masseoptimierten Reif aus. Um den Luftwiderstand während der Schwingung minimal zu halten, sind die Senkungen für die Feinregulierschrauben tief in den Reif eingesenkt. Zusätzlich erleichtern zwei gegenüberliegende Regulierschrauben das feinfühlige Austarieren.

Selbst so eine winzige Komponente nimmt viel Zeit in Anspruch. Von der Rohbearbeitung über das präzise Auswuchten auf der Unruhwaage bis hin zum Aufbringen feinster Zierschliffe vergeht mehr als ein ganzer Arbeitstag für eine einzige Unruh. 

Unruhspirale wird in-house geformt 

Ein perfekt gefertigter Unruhreif entfaltet seine Präzision erst im Zusammenspiel mit einer ideal atmenden Spiralfeder. Bei Moritz Grossmann wird die feine Unruhspirale in den eigenen Ateliers von Hand gebogen und geformt. 

Uhrmacher biegen die heikle Endkurve der Spirale – oft als klassische Breguet-Spirale oder spezielle Grossmann’sche Kurve – unter dem Mikroskop manuell in Form. Durch diese dreidimensionale Wölbung dehnt sich die Feder bei jedem Schwingungsimpuls absolut zentrisch aus und zieht sich ebenso gleichmäßig wieder zusammen. Diese traditionelle Handarbeit verhindert Schwerpunktverlagerungen während des Schwingungsvorgangs. 

Anreibeversilbert

Die Anreibeversilberung ist eine historische Veredelungstechnik für Zifferblätter aus dem 19. Jahrhundert, die extrem viel Fingerspitzengefühl verlangt und heute nur noch extrem selten angewendet wird. 

Bei diesem Verfahren wird ein Pulvergemisch aus feinstem Silber, Maschinensalz, Weinstein und Wasser mit einer speziellen Bürste in kreisenden Bewegungen manuell auf eine Messingplatte aufgerieben. Durch die mechanische Reibung verbindet sich das Silber dauerhaft mit dem Trägermaterial.

Es entsteht eine samtig-matte, feinkörnige Oberfläche von einmaliger optischer Tiefe. Anders als moderne galvanische Schichten fängt ein anreibeversilbertes Zifferblatt das Licht sanft ein und verleiht der Uhr einen edlen, vintage-artigen Charakter. 

Derzeit gibt es bei Grossmann nur einen Mitarbeiter, der das Handwerk beherrscht. Ein weiterer wird derzeit angelernt. 

Tremblage 

Mit der Tremblage-Gravur bringt Moritz Grossmann eine jahrhundertealte Gravurkunst auf das Zifferblatt. Der Name leitet sich vom französischen Wort trembler („zittern“) ab und beschreibt das charakteristische Herstellungsverfahren. 

Ein Graveur führt verschiedene, speziell angefertigte Stichel in rhythmischen, zitternden Handbewegungen über das Neusilber-Zifferblatt. Durch tausende winzige Punkte und Einkerbungen entsteht eine feine, dreidimensional wirkende Körnung. Besonders kniffelig ist das Auftragen der Tremblage rund um die Ziffern, um diese nicht versehentlich zu zerkratzen und dennoch eine gleichmäßige Veredelung drum herum schaffen muss.  

Die Fertigung eines einzigen Tremblage-Zifferblatts erfordert stundenlange höchste Konzentration. Das Resultat ist eine raue, matt schimmernde Struktur, auf der die polierten Indizes und Zeiger in spektakulärem Kontrast erstrahlen. 

Die Zeigerfertigung komplett in-house

Die Zeiger einer Moritz Grossmann gehören zu den feinsten und aufwendigsten der gesamten Uhrenbranche. Während selbst Luxusmarken Zeiger von spezialisierten Zulieferern beziehen, werden sie in Glashütte von Grund auf in Eigenregie gefertigt.

Aus feinstem Stahl oder Gold schnitzen, feilen und polieren die Kunsthandwerker filigrane Zeigerformen. Ihre Spitzen laufen hauchdünn aus und erinnern an die Zeiger historischer Präzisionsinstrumente. Die Kanten werden manuell facettiert und auf Hochglanz poliert. 

Ein besonderes Markenzeichen ist das thermische Anlassen: Neben dem tiefen Glashütter Kornblumenblau lässt Grossmann Stahlzeiger oft auf einen geschützten, warmen Braun-Violett-Ton an über offener Flamme reifen. Ein einziger dreiteiliger Zeigersatz nimmt sechs bis acht Stunden intensivste Handarbeit in Anspruch. 

Gestufter Unruhkloben mit Grossmann’scher Regulierschraube 

Blickt man durch den Glasboden einer Grossmann-Uhr, fällt der Blick sofort auf den gestuften Unruhkloben aus naturbelassenem Neusilber. Er wird von Hand mit filigranen Blüten- und Rankenmotiven graviert und besitzt eine charakteristische, abgesenkte Bauform. 

Auf dieser Stufe sitzt die Grossmann’sche Regulierschraube (auch Rückerschraube genannt). Über eine feingängige Stellschraube mit Skala lässt sich der Rückerzeiger spielfrei und auf den Bruchteil eines Millimeters genau justieren. 

Die Verbindung aus dreidimensionaler Architektur, kunstvoller Handgravur und dieser hochfunktionalen Mikrometerschraube verkörpert den Geist des historischen Gründers Moritz Grossmann in Perfektion.

Jubiläums-Ausstellung

Anlässlich des 200. Geburtstags von Moritz Grossmann ist derzeit im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte eine Sonderausstellung mit historischen Uhren und Dokumenten zu sehen. Die Ausstellung geht noch bis zum 31. Mai 2027.


grossmann-uhren.com


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