Auf wenige andere Beiträge haben wir in jüngster Zeit so viel Resonanz bekommen. Über 9.000 Likes, hunderte Kommentare aus Italien, Brasilien, Frankreich, den USA und Kuwait – und eine Debatte, die sich innerhalb weniger Stunden von der Uhr auf die Frage verlagerte, wie ehrlich über sie berichtet wird. Wir nehmen die Argumente unserer Community ernst und fragen uns: Was an der Kritik ist berechtigt, was nicht?

Eine Omega spaltet die Watch Community

Es passiert selten, dass eine Uhr eine Community so vollständig spaltet wie die neue Omega Speedmaster 38. Auf der einen Seite standen Kommentare wie „Such a beauty“, „Best colorway for sure“ oder „38 mm perfect spot“, dazu viele Reaktionen, die vor allem dem neuen Fünfreihenband galten. Auf der anderen Seite stand ein einziger, knapper Satz, der es auf über hundert Likes brachte und damit zum meistgelikten Kommentar unter dem Beitrag wurde: „38 mm tall?“

Damit war der Ton gesetzt. Von „Super chunky“ über „Hockey puck“ bis zu „15 mm di spessore, un tombino“ – ein Italiener nennt sie einen Kanaldeckel – zog sich die Bauhöhe durch das gesamte Kommentarfeld, quer durch alle Sprachen. Ein Kommentator formulierte es versöhnlich: Hoch sei sie, ja. Schön aber auch.

Weil sich die Diskussion so stark auf diesen einen Punkt konzentrierte, haben wir mit einem zweiten Beitrag nachgelegt: einem kurzen Reel, das die Uhr am Handgelenk zeigt, mit den eingeblendeten Maßen 38 mm Durchmesser, 14,75 mm Höhe, 44,96 mm Lug-to-Lug und 18,5 cm Handgelenksumfang. Auch dieser Beitrag hat die Debatte nicht beendet. Er hat sie aber präzisiert. Und genau da lohnt es sich, die Argumente einzeln durchzugehen.

Die Bauhöhe: Wo die Kritik zutrifft

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Die Kritik an den 14,75 Millimetern ist im Kern berechtigt. Wir haben das in unserem Artikel zur Kollektion selbst so geschrieben – die Höhe ist „quite thick“, und sie ist der wunde Punkt einer sonst sehr gelungenen Überarbeitung.

Das Verhältnis ist ungewöhnlich. Ein Gehäuse mit 38 Millimetern Durchmesser und knapp 15 Millimetern Höhe nähert sich einem Verhältnis von 1:2,6 an, und das ist bei einer Uhr, die ausdrücklich für schmalere Handgelenke gedacht ist, eine Ansage. Mehrere Kommentatoren haben zu Recht auf die Konkurrenz verwiesen. Die Zenith Chronomaster Original misst bei ebenfalls 38 Millimetern nur 12,6 Millimeter in der Höhe, der TAG Heuer Carrera Chronograph Glassbox bei 39 Millimetern 13,9 Millimeter. Auch der Hinweis auf die aktuellen Tudor-Chronographen ist sachlich richtig: Es gibt schlicht kompaktere Automatikchronographen am Markt. Und ein Detail, das in der Diskussion kaum vorkam, aber viel erklärt: Die Speedmaster 38 baut rund anderthalb Millimeter höher als die 42-Millimeter-Moonwatch mit Saphirglas. Die kleinere Uhr ist die dickere.

Woher diese Höhe kommt, lässt sich klar benennen:

  • Der Automatikchronograph mit Schaltrad braucht schlicht mehr Bauraum als ein Handaufzugswerk – der Rotor und die zugehörige Wechslerbrücke kosten Millimeter.
  • Das Box-Saphirglas mit seiner erhöhten Flanke trägt spürbar auf. Es ist gleichzeitig eines der Designelemente, die den Moonwatch-Bezug erst herstellen.
  • Der massive, tief geprägte Gehäuseboden addiert weitere Bruchteile.

Der Einwand eines Kommentators, das Werk allein sei „schuld“, greift also zu kurz – ebenso wie die Gegenthese, das Werk lasse gar nichts anderes zu. Richtig ist: Omega hat sich an mehreren Stellen bewusst für Volumen und gegen Flachheit entschieden. Das ist eine gestalterische Priorisierung, keine physikalische Zwangslage. Wer das kritisiert, kritisiert etwas Reales.

Wo die Kritik unbegründet ist

Und trotzdem: Ein erheblicher Teil der Empörung wurde mit dem Maßband geführt, nicht am Handgelenk. Ein Kommentator brachte es auf den Punkt: Die Zahlen erzählen nie die ganze Geschichte. Und Swisswatches hat die Uhr vorab am Handgelenk gehabt.

Wie eine Uhr trägt, entscheidet sich nicht an der Höhe allein, sondern am Zusammenspiel aus Bandanstoßabstand, Gehäuseform und dem Übergang zum Band. Die 44,96 Millimeter Lug-to-Lug sind für einen Chronographen bemerkenswert kurz, und die geschwungenen Bandanstöße legen sich früh ans Handgelenk. Auf einem 18,5 Zentimeter starken Handgelenk saß die Uhr in unserem Test ausgesprochen gut – die Höhe war dort eher eine optische als eine praktische Frage.

Nur ist das eben nicht die ganze Wahrheit, und wir haben sie im zweiten Beitrag bewusst nicht unterschlagen: Ein Kollege mit einem schmaleren Handgelenk von rund 17,8 Zentimetern empfand dieselbe Uhr als deutlich präsenter und weniger komfortabel. Ein Händler kommentierte, die Uhr sei ihm beim Anprobieren kopflastig vorgekommen und habe geschaukelt. Das sind Erfahrungswerte, die man nicht wegdiskutieren kann und auch nicht sollte.

Die ehrliche Antwort lautet deshalb: Die Bauhöhe ist ein echter Kompromiss, aber ihre Auswirkung ist individueller, als die Zahl suggeriert. Wer bislang eine 8,1 Millimeter flache Uhr trägt – auch dieser Kommentar kam –, wird sich umgewöhnen müssen. Wer von einer 42er Moonwatch kommt, vermutlich nicht.

Nicht haltbar ist dagegen der Vorwurf, es handele sich gar nicht um einen echten Chronographen, weil der zentrale Sekundenzeiger im Video durchlief. Er lief, weil der Chronograph gestartet war. Die kleine Sekunde sitzt im linken Hilfszifferblatt, der Zentrumszeiger ist dem Chronographen vorbehalten. Ein anderer Nutzer hat das im Kommentarfeld dankenswerterweise selbst richtiggestellt – ein gutes Beispiel dafür, wie eine Community funktionieren kann, wenn sie will.

Das Uhrwerk: „recycelt“ oder tolle Technik?

Der zweite große Kritikpunkt betraf die Technik. „Die Maschinerie ist nicht besonders gut, sie ist recycelt“, schrieb ein spanischsprachiger Kommentator und verwies auf den Tudor Black Bay Chrono als besseres Preis-Leistungs-Angebot. Ein anderer schlug vor, Omega hätte Handaufzug, Verzicht auf Co-Axial oder ein anderes verfügbares Chronographenwerk wählen können.

Hier lohnt Differenzierung. Sechs der sieben Modelle tragen das Co-Axial-Kaliber 3330, das schwarze Modell ohne Datum das 3332. Beide arbeiten mit 4 Hertz, 52 Stunden Gangreserve, Schaltradsteuerung, freischwingender Unruh und Siliziumspirale Si14. Die Architektur geht auf eine Basis aus dem Swatch-Konzern zurück, die Omega um die Co-Axial-Hemmung und die eigene Regulierorgan-Technik ergänzt hat. Es ist also kein von Grund auf neu konstruiertes Manufakturchronographenwerk wie das 9900 – aber „recycelt“ ist ein unnötig abwertendes Wort für eine über Jahre bewährte, chronometerzertifizierte Konstruktion.

Der wirklich substanzielle Einwand liegt woanders, und er kam in den Kommentaren kaum vor: Weder das 3330 noch das 3332 tragen die Master-Chronometer-Zertifizierung nach METAS. Omega hat den Standard selbst zum Verkaufsargument seiner Marke gemacht. Bei einem Einstiegspreis von 6.300 Euro fehlt er hier. Das ist die Kritik, die man Omega vorhalten sollte – nicht die Bauhöhe.

Offen bleibt zudem, ob das 3332 lediglich eine datumsfreie Variante des 3330 ist oder eine weitergehende Überarbeitung. Omega hat sich dazu bislang nicht geäußert. Wir bleiben dran.

Der Preis: berechtigte Kritik, aber überzogen

„Cost kills it“, „looks great, just not for the price“, „Yeah this model is like 11k? Not worth it“ – Preiskritik zog sich durch alle Sprachräume, war dabei aber oft ungenau. Mehrfach wurde die Kollektion auf ihre teuersten Referenzen reduziert.

Entscheidend ist: Die preisliche Spannweite bei diesem Modell ist ganz erheblich: Das schwarze Stahlmodell ohne Datum startet bei 6.300 Euro, die silberfarbene Version kostet 6.500, die weiß-blaue 6.800 Euro. Erst die beiden Bicolor-Modelle liegen bei je 11.300 Euro, die diamantbesetzten Varianten bei 11.900 und 12.700 Euro. Wer über „11k“ spricht, spricht über eine Uhr mit 18-karätigem Sedna- oder Moonshine-Gold, nicht über den Einstieg.

Damit relativiert sich die Debatte: Die drei Stahlmodelle liegen unter dem TAG Heuer Carrera Glassbox, die Bicolor- und Diamantversionen deutlich unter dem, was Gold- und Steinbesatz sonst kosten. Fair bleibt der Hinweis eines Kommentators, dass man auf dem Gebrauchtmarkt für einen Bruchteil eine 40-Millimeter-Speedmaster Racing mit verwandter Technik bekommt. Das ist ein starkes Argument – aber eines gegen jede Neuware, nicht speziell gegen diese.

Zifferblatt, Datum, Farben: die kleineren Streitpunkte

Unterhalb der großen Debatte lief eine zweite, ruhigere. Das Datumsfenster bei sechs Uhr mit weißer Scheibe wurde mehrfach kritisiert, am schönsten von jenem Kommentator, der es mit einem dritten Auge auf der Stirn verglich. Der Einwand ist gestalterisch nachvollziehbar: Auf dem schwarzen Zifferblatt bräuchte es eine mitlaufende Scheibe in Zifferblattfarbe. Genau deshalb existiert allerdings die datumsfreie Referenz – und sie ist das Modell, das die Kollektion trägt.

Gelobt wurde umgekehrt fast einhellig das neue Fünfreihenband, ebenso der breitere Lünettenring und die nun runden statt ovalen Totalisatoren. Wer beides nebeneinanderlegt, sieht, wie viel ruhiger das neue Zifferblatt wirkt. Umstritten blieben die Bicolor-Ausführungen: Für die einen ist „Cappuccino“ die schönste Variante der Serie, für die anderen eben nicht. Das ist Geschmack, und Geschmack lässt sich nicht widerlegen.

Ein Kommentar verdient dennoch eine eigene Antwort. „Reduced 2.0″ – gemeint als Spott, gelesen als Kompliment. Genau das ist die Uhr: die erste Speedmaster seit 1988, die den Gedanken der Speedmaster Reduced konsequent weiterdenkt, statt ihn zu verwässern.

Ist das Uhrenjournalismus? Eine wichtige Debatte

Einer der meistdiskutierten Stränge unter dem Beitrag handelte am Ende gar nicht von der Uhr. „Werdet ihr alle dafür bezahlt, das Problem zu verschweigen?“, fragte ein Fotograf – und traf mit 83 Likes einen Nerv.

Zur Klarstellung, wie schon im Kommentarfeld: Dieser Beitrag war weder bezahlt noch gesponsert. In unserem Artikel zur Kollektion ist die Bauhöhe als Kritikpunkt benannt, ebenso die fehlende METAS-Zertifizierung. Wer beides liest, findet dort keine Werbung.

Und trotzdem enthält der Vorwurf einen Punkt, den wir annehmen. Die meisten Menschen sehen nicht den Artikel, sondern den Social-Post. Wenn ein Reel eine Uhr nur von schräg oben zeigt und die Bildunterschrift von „kompakten Proportionen“ spricht, während die Community über 14,75 Millimeter diskutiert, dann entsteht eine Lücke zwischen dem, was wir schreiben, und dem, was ankommt. Ein Kommentator brachte das mit der besten Pointe des Abends auf den Punkt: Ob die kompakten Proportionen gerade mit im Raum seien. Kritische Maße gehören in den Post, nicht nur in den Artikel. Das Seitenprofil gehört gezeigt, gerade dann, wenn es unbequem ist. Genau deshalb gab es den zweiten Beitrag

Was ist wichtig für potentielle Käufer?

Die Community hat in drei Tagen ziemlich präzise herausgearbeitet, was diese Uhr ist: gestalterisch die überzeugendste Speedmaster 38 seit Einführung der Baureihe 2017, technisch solide, aber ohne den METAS-Standard, den Omega selbst gesetzt hat, und proportional zum Teil ein Kompromiss.

Die Kritik an der Bauhöhe ist berechtigt, ihre Dramatisierung nicht. Die Kritik am Preis ist berechtigt, wenn sie sich auf die richtigen Referenzen bezieht. Die Kritik am Werk ist berechtigt, aber teilweise am falschen Punkt geführt: Nicht die Herkunft der Architektur ist das Problem, sondern die fehlende METAS-Zertifizierung.

Wir empfehlen: Sammler sollten immer am eigenen Handgelenk testen, ob eine Uhr gut anliegt. Denn ob 14,75 Millimeter zu viel sind, entscheidet keine Zahl, sondern jeder für sich.


omegawatches.com

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