Die Hermès Slim d’Hermès Stately Wheels vereint Miniaturmalerei, Tourbillon und britisches Erbe in einer auf sechs Stück limitierten Uhr.

Der 23-jährige Arthur Choquet steht im schwarzen Anzug auf der Bühne eines Festzeltes und erklärt: „Ich bin sehr stolz – und fühle mich ermutigt weiterzumachen!“ Gerade hat der junge Mann den „Cartier Talents Horlogers de Demain Award“ gewonnen. Er blickt zu seinen Mitschülern und Mitbewerbern, auf die Journalisten und das Cartier-Management im Publikum, dahinter ein altes Bauernhaus, das die Abteilung für die „Métiers d’Arts“ mit ihren Handwerkskünstlern beherbergt. In seinem Rücken, hinter dem Festzelt, steht die riesige Cartier-Produktionsstätte im schweizerischen La Chaux-de-Fonds. Die Szenerie beschreibt seine Situation: Choquet und seine Mitstreiter sind angekommen. Im Herzen der schweizerischen Uhrmacherei, aber vor allem: Im Zentrum der Aufmerksamkeit der Maison Cartier.
Der „Cartier Talents Horlogers de Demain Award“ ist für den Ausrichter von wachsender Bedeutung. Die Auszeichnung dient dazu, neue Talente zu fördern, aber auch neue Ideen von ihnen zu fordern. Oder wie es Karim Drici, der „Chief Operating Officer“ der Manufaktur, formuliert: „Der Wissens-Transfer und der damit verbundene Erhalt und Ausbau von Handwerkskünsten ist im besten Sinne unsere Obsession. Wir lieben es, Wissen weiterzureichen, und als führende Maison betrachten wir es auch als unsere Verpflichtung. Mit dem Preis unterstützen wir das Interesse an der Uhrmacherei und an kunsthandwerklichen Berufen, die beide unserem Empfinden nach immer populärer werden. In unserer digitalen Welt sehnen sich einfach viele junge Menschen nach einem Job, bei dem sie mit ihren Händen etwas erschaffen können.“
Die Preisverleihung betrachtet man bei Cartier zwar – zumindest offiziell – nicht als Recruiting-Maßnahme, sondern als Engagement für die ganze Branche. Allerdings wird auch nicht abgestritten, dass der Preis in der Vergangenheit durchaus schon einige junge Talente an Arbeitsplätze in die Cartier-Ateliers geführt hat. Trotz eines durchaus kompetitiven Umfelds. Ein durch den Preis bekannteres und verstärktes Team ist letztlich ein Wert für sich, schließlich gilt es die lange Geschichte des Hauses nicht nur zu respektieren und zu pflegen, sondern auch mit neuen Impulsen zu bereichern.
Seit 1995 wird die Auszeichnung verliehen, und bereits zum 28. Mal wurde dem Nachwuchs eine Aufgabenstellung präsentiert. Sie lautete für dieses Jahr: „Eine Neudefinition des Gleichgewichts: Die Zeit anders lesen und begreifen.“ Schließlich ist Cartier für seine außergewöhnliche Formsprache berühmt, die es stets mit Funktion zu füllen gilt. So unerschöpflich das Archiv des Hauses inzwischen auch sein mag, so groß ist dabei der Wunsch, sich von den Bewerbern überraschen zu lassen. Das Thema forderte darum dazu auf, bei der Arbeit an einem Pendeluhrenwerk von der gelernten Anzeige der Zeit abzuweichen und stattdessen wagemutig zu konstruieren. Immerhin haben besondere Tischuhren bei Cartier eine lange Geschichte, und Modelle wie die Mystery-Tischuhren aus den 1920er-Jahren mit ihren scheinbar frei schwebenden Zeigern erzielen auf Auktionen längst Höchstpreise.
Wie hoch der Anspruch an die hauseigene Preisverleihung ist, das drückt sich auch in den Mitgliedern des Komitees aus, das über die eingereichten Vorschläge entscheidet. Neben Pascale Lepeu, der Leiterin der Cartier Collection, ist hier vor allem Kari Voutilainen zu erwähnen, dessen Name in der Welt der unabhängigen Uhrmacherei längst zu einem eigenen Qualitätssiegel geworden ist.
Verstärkt wird seine handwerkliche Expertise durch den Sammler und Uhrenhändler Roy Davidoff, der über eine große Erfahrung im Geschäft mit historischen Modellen verfügt, und ein besonderes Gefühl für die Beurteilung von kommerziellen als auch emotionalen Aspekten an den Jury-Tisch gebracht haben dürfte. Nathalie Marielloni, Jurorin und Direktorin des Internationalen Uhrenmuseums schildet den Auswahl-Prozess folgendermaßen: „In der ersten Runde der Auswahl haben wir die Originalität der Entwürfe mit Blick auf das jeweilige Konzept und dessen kreativen und technischen Einfallsreichtum überprüft. Wer es durch diese Vorauswahl geschafft hat, bekam 80 Stunden Konstruktionszeit und dazu 500 Schweizer Franken Budget, um die Idee realität werden zu lassen. Das ist wirklich nicht besonders lange und/oder viel, und umso erstaunlicher ist es, was in der Kürze der Zeit geschaffen wurde.“
Pascal Ravessoud, Juror und Vizepräsident der Fondation de la Haute Horlogerie, ergänzt: „Im nächsten Schritt haben wir dann auf mehrere Dinge geachtet. Wichtig war uns beispielsweise Konsistenz, also dass sich das Projekt auch in dieser Phase noch so zeigte, wie es ursprünglich präsentiert worden war. Auch Funktionalität war extrem wichtig, also die Frage: Ist die Idee verlässlich umsetzbar? Außerdem haben wir die Finissierung und die handwerkliche Qualität beurteilt und letztlich auch die Kommunikation der Bewerber bewertet. Da ging es dann beispielsweise um das jeweilige Projekt-Tagebuch und dessen Ausdrucksstärke, denn eine Idee muss nicht nur umgesetzt, sondern auch immer konsequent nach außen getragen werden.“ Selbstverständlich hätten manche Konzepte die Jury besonders berührt, was dazu führte, dass die Entscheidung am Ende eine sehr knappe wurde. Darum habe man bei der Punktevergabe Prioritäten setzen müssen. Ravessoud: „Funktionalität ist uns das Allerwichtigste, danach dann die handwerkliche Umsetzung, Veredelung sowie das Gesamterscheinungsbild des Objekts, und als Drittes wesentliches Element dann die Kreativität und Einzigartigkeit der Idee.“
Der Nachwuchs-Preis wurde einst nur in der Schweiz ausgeschrieben, doch inzwischen kommen die Bewerbungen auch aus Frankreich, Belgien und Deutschland. Dabei wurden die Bewerbungen in zwei Kategorien unterteilt: Die jüngeren Auszubildenden sowie die etwas erfahreneren Techniker und Technikerinnen.
Elf Entwürfe schafften es ins Finale, und ohne Übertreibung zeigen diese sehr unterschiedlichen Konzepte eindrucksvoll, wie vielfältig sich Uhrmacherei interpretieren lässt, und dass auch im 21. Jahrhundert noch Raum für komplett neue horologische Konzepte besteht. Adam Deroche vom Pariser Lycée Diderot gestaltete beispielsweise mit „Médusée“ eine scheinbar zerfließende Tischuhr, die uhrmacherisch dadurch auffällt, dass die Zeiger fest stehen, und stattdessen das Zifferblatt auf zwei Ebenen rotiert und so die Zeit anzeigt.
Sehr besonders ist auch das Modell „L‘Aube Fragmentee“ in der Ästhetik einer Tiffany-Lampe, für welche dessen Konstrukteur Valérian Faivre mit seiner Tante die Glasarbeiten bewältigte. Oder der Entwurf „Écho“ von Adrien Stefenelli, das nur einmal pro Stunde per Klang die Zeit anzeigt, und ästhetisch die Idee eines Tropfens im Wasser aufgreift. Ähnlich poetisch ist die Grundidee von Layla Sluymans, bei deren mechanischer Seerose „Nymphea“ die Zeit nur alle zwei Stunden klar ablesbar ist, während in der Zwischenzeit aus Harz und Kalkstein gefertigte Blütenblätter das Zifferblatt verbergen, weil sich laut Schülerin Layla die Zeit nur jenen offenbaren soll, die sich mit ihr wirklich auseinandersetzen.
Sehr durchdacht und einzigartig präsentiert sich „Un Instant“, was übersetzt „ein Moment“ bedeutet, und das in der Kategorie „Techniker“ den ersten Preis bekam. Arthur Choquet vom Lycée des Métiers Jean Jaurès im französischen Rennes, der Kopf hinter dieser Momentaufnahme, hat nicht einfach nur eine Uhr gebaut. Er hat vielmehr eine ganze ästhetische und konzeptuelle Welt um seinen Beitrag herum entworfen. Für ihn ist sein Objekt eine Hommage an Paris, die Heimat von Cartier. Zudem habe er an eine Fotografie von Henri Cartier-Bresson gedacht, der auf seinem Motiv „Hinter dem Gare Saint-Lazare“ einen Mann mit Hut beim Versuch über eine Pfütze zu springen festgehalten hat. So kombinierte Choquet die Haussmansche‘ Architektur der französischen Hauptstadt mit einer in der Bewegung festgehaltenen Figur und einer in einer Miniatur-Straßenlaterne installierten Tischuhr. Ihn habe die Idee fasziniert, dass bei diesem Objekt einerseits die Uhrzeit in der Laterne voranschreite, während der Mann daneben für immer im Moment verharren muss. Stillstand trifft Bewegung, Vergänglichkeit auf Ewigkeit.
In der Kategorie der Auszubildenden gewann unterdes Aymeric Peters mit „Silence Choisi“, der „gewählten Stille“. Seine Arbeit sieht aus, als könne sie unmittelbar in die aktuelle Cartier-Kollektion aufgenommen werden. Der außergewöhnliche Ansatz bei dieser Tischuhr ist dabei das Zifferblatt, dessen Gehäuse von zwei geschwungenen Messing-Elementen gehalten wird, und dessen Zeiger auf sechs Uhr ruhen. Nur nach Betätigung eines Schlüssels wird die Zeit angezeigt. Der 21jährige beschreibt sein mechanisches Konzept als eine Variante des Reset-Mechanismus für einen Schleppzeiger-Chronographen. Der Schüler räumt dabei ein, dass er zunächst für den Wettbewerb in Richtung einer Mystery-Clock gedacht habe. Doch dann sei er schlafen gegangen, und quasi beim Wegdösen sei ihm die Idee gekommen, er sei hochgeschreckt und habe auf einen Zettel den Gedanken gekritzelt: Einen Schlüssel drehen, um die Zeit zu sehen! Er sagt dazu: „Denn ehrlich gesagt: Über Zeit nachzudenken stresst mich. Überall wird einem suggeriert, dass sie einem davon läuft, dass man älter wird oder sich beeilen muss. Mit meiner Zeitdarstellung fällt dieser Druck zumindest durch das Zifferblatt weg.“
Als Belohnung für den Einsatz können die beiden Gewinner Aymeric und Arthur nun bei Cartier ein Praktikum machen. Sie erzählen allerdings, dass bereits der Weg zum Sieg ein Gewinn war, in dessen Verlauf sie viel gelernt haben. Die Schüler wurden durch die Aufgabenstellung quasi nebenher zu Projektmanagern, denn außer der technischen Expertise und Kreativität galt es auch Fristen einzuhalten und für den Bau der Uhren Unterstützung zu suchen. Die Initiative sei in ihrer Art und Weise einzigartig, und die beiden hoffen, dass auch andere Hersteller künftig auf den Austausch mit den entsprechenden Schulen und Institutionen setzen – bislang sei Cartier damit ziemlich einzigartig.
Aymeric hat für seine Zukunft schon sehr konkrete Vorstellungen, er möchte am liebsten eine eigene Werkstatt betreiben. Arthur unterdes hat vor allem eines vor: Von den Besten weiterhin so viel wie möglich zu lernen. Beide eint dabei die Überzeugung, dass sie in einem Zukunftsberuf arbeiten und sie erklären: „Man muss sich doch nur anschauen, wie allgegenwärtig Uhren in Social Media sind! Unterschiedlichste Stars begeistern sich dafür, und auch die Kooperation von AP und Swatch ist ein Beispiel für das Interesse am Thema. Allein diese Tatsache dürfte unsere Zukunft sichern.“
Bei Cartier sieht man den Nachwuchspreis als Projekt mit Potential, denn das Talent der Bewerber und die Emotionalität der Entwürfe beeindruckt das Management nachhaltig. Auch wenn laut Arnaud Carrez, dem Chief Marketing Officer der Manufaktur, bislang noch aus keinem Wettbewerbsbeitrag ein Serienmodell geworden ist: „Doch das soll auch gar nicht das Ziel sein, der Preis steht für sich, und für unseren Glauben ans Handwerk.“ Ihn freut, dass der Nachwuchs die Cartier-Grundüberzeugung teilt, wonach eine Uhr eben längst nicht mehr nur die Zeit anzeigt, sondern Ausdruck von Stil und Gefühl, von Schaffenskraft und Innovation ist. Auch nächstes Jahr wird es darum eine Ausschreibung für die Talente von morgen geben – möglicherweise in noch mehr Ländern. Und weil es bei den Uhrmachern so gut läuft, überlegt man beim „König der Juweliere“, künftig vielleicht auch für Schmuck einen Wettbewerb auszurichten. Talent will und soll gefördert werden.

Wenn Sie wissen möchten, wie der Prix Cartier Talents Horlogers de Demain im vergangenen Jahr aussah, finden Sie hier unseren Bericht aus 2025