Die erste mechanische Uhr langfristig richtig auswählen: Was bei Gehäusegröße, Uhrwerk, Alltagstauglichkeit, Budget und Service wirklich zählt.

Viele Sammler kennen Blancpain heute vor allem wegen der Taucheruhren – doch das eigentliche Comeback der Marke nach der Quarzkrise war ein Bekenntnis zur eleganten mechanischen Armbanduhr. Jetzt kehrt die Linie Villeret mit der Ultraplate 38 mm noch schlanker zurück. Es ist die Geschichte der vielleicht am meisten unterschätzten Dresswatches.
Für die Villeret von Blancpain ist die Frage nach der richtigen Größe keine neue – sie ist die älteste. Sie reicht inzwischen schon über vier Jahrzehnte zurück: Im Jahr 1983, als sich ein Großteil der Branche der Quarzuhr zuwandte, entschied sich Blancpain bewusst für das Gegenteil – eine Reise zurück zur Mechanik. Man tat dies mit dem kleinsten vollständigen Kalender mit Mondphase seiner Zeit, der lediglich 34 Millimeter Durchmesser hatte.
Es war ein klares Bekenntnis zur mechanischen Uhrmacherkunst: der Beweis, dass eine Uhr auch in Zukunft weit mehr sein kann als ein Stück präzise Elektronik – ein Ausdruck von Handwerkskunst, Ästhetik und damit verbundenen menschlichen Emotionen. Schon dieses eine Modell vereinte jene Codes, die die Kollektion bis heute prägen: Eine doppelt gestufte Lünette, kultivierte Zurückhaltung und eine Mondphase mit einem lächelnden Gesicht, auch wenn der Name der Linie, die diese DNA trug, Villeret, erst zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2002, eingeführt wurde.
Blancpain nimmt in der Uhrenwelt eine besondere Position ein. Rein uhrmacherisch gehört die Marke in die oberste Liga der Schweizer Manufakturen, in eine Reihe mit Patek Philippe, Vacheron Constantin und Audemars Piguet. Unter ernsthaften Sammlern genießt sie höchstes Ansehen. Außerhalb dieser Kreise aber ist Blancpain nicht zum vergleichbaren Mainstream-tauglichen Statussymbol geworden wie manche der Wettbewerber. Noch nicht, muss man ehrlicherweise sagen.
Das ist zum Teil Absicht. Blancpain fertigt vergleichsweise wenige Uhren (Schätzungen gehen von rund 18.500 Uhren pro Jahr aus). Fakt ist: Man läuft Hypes nicht hinterher und hat seinen Ruf auf seriöse Uhrmacherei statt auf eine generelle Luxuswirkung gebaut. Die meisten Sammler kennen die Marke für die Fifty Fathoms: jene Pionier-Taucheruhr, die gemeinhin als eines der Fundamente der modernen Kategorie gilt. Bis zur Einführung der mechanischen Bioceramic Scuba-Fifty Fathoms Colab mit Swatch im Jahr 2023 dürften viele Laien von der Marke so gut wie noch nie gehört haben.
Das heutige Blancpain ist im Kern eine Wiederauferstehungsgeschichte. Zwar führt die Marke ihre Ursprünge bis 1735 zurück – auch wenn selbsternannte Experten des Uhren-Internets die Feinheiten dieser Chronologie gern diskutieren wollen –, doch das ursprüngliche Unternehmen verschwand während der Quarzkrise. Fast zwei Drittel der Branche überstanden diese Jahre nicht. Wiederbelebt wurde Blancpain 1983 von Jean-Claude Biver, der zu einer der prägenden Figuren der modernen Uhrenindustrie (und heute seine eigene Manufaktur betreibt, die in vielen Bereichen bis zum Logo an Blancpain erinnert) werden sollte, gemeinsam mit dem Werke-Spezialisten Jacques Piguet.
Das moderne Blancpain war der Gegenentwurf zur Quarz-Ära. Statt der Industrie in die Batterie zu folgen, setzte die wiederbelebte Marke umso entschlossener auf komplizierte mechanische Uhrmacherei – und prägte später den Slogan, der zur Legende wurde: “Seit 1735 hat es nie eine Quarzuhr von Blancpain gegeben, und es wird nie eine geben.”
Über Jahre überstrahlte allerdings der Erfolg der Fifty Fathoms diese ganz andere Seite der Marke der eleganten, hoch komplizierten Dress Watches, die das, was Blancpain in den 1980er- und 90er-Jahren ausmachte, maßgeblich definierten.
Unter Sammlern wurden aber gerade diese eleganten Uhren zur Visitenkarte. Hier baute Blancpain seinen Ruf über echte Innovationen auf: ultraflache ewige Kalender, Schleppzeiger-Chronographen, Minutenrepetitionen und schließlich die bahnbrechende 1735, die sechs Komplikationen vereinte. (Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag zu den Meisterwerken der Kollektion Villeret.)
In den vergangenen Jahren standen diese Uhren quer zur gängigen Sammleruhren-Kultur. Während der Markt sich stählernen Sportuhren, übergroßen Gehäusen und auffälligen Demonstrationen von Wohlstand zuwandte (Bivers andere Ex-Marke, Hublot kann davon ein Lied singen) blieben Blancpains zurückhaltende hochkomplizierte Stücke das Terrain der Hartgesottenen.
Nicht erst seit dem phänomenalen Comeback von Cartier, aber auch, und befeuert von einer Generation jüngerer Sammler, die sich um offensichtlichen Status nicht mehr so sehr scheren wie ihre Väter, scheint sich die Stimmung zu drehen. Kleinere Uhren, Vintage-Proportionen und weniger ostentatives Handgelenk sind wieder gefragt und führen gerade für jüngere Sammler zur Wiederauflage bekannter Vintage Modelle. Das Motto der Stunde lautet: Neo Vintage Dresswatches.
Zu diesem Thema passt die neue Villeret in 38 Millimetern vielleicht besser als jede andere mechanische Armbanduhr der Schweiz. Die überzeugendsten Dresswatches, heißt es bei Blancpain, seien jene, die man vergisst zu tragen – für Swisswatches heißt die richtige Größe auch, dass die Uhr am Handgelenk unter der Manschette verschwindet. Genau diese Proportion bietet die Blancpain Villeret Ultraplate nun in 38 Millimetern an, neben den emblematischen 40 Millimetern, die weiter das Herz der Kollektion bilden. „Die Villeret hat ihren Charakter stets durch Zurückhaltung statt durch zur Schau gestellten Prunk ausgedrückt“, sagt Marc A. Hayek, President & CEO von Blancpain. Die neue Größe ist die konsequente Übersetzung dieses Satzes: Man ist mit einer Villeret weder over- noch underdressed – ganz gleich, für welches der beiden Maße man sich entscheidet.
Den Auftakt macht eine Premiere in der Kollektion, die erstmals Lachsfarben erscheint: ein Sunburst-Zifferblatt, dessen Wärme im Tagesverlauf zwischen Kupfer, Rosé und Gold changiert, steckt in einem Edelstahlgehäuse. Die applizierten Ziffern aus 18-karätigem Gold sind dafür in einem neuen Schwarz-Finish gehalten und werden von einem anthrazitfarbenen Nubuk-Band aufgenommen. In einer Kollektion, deren Vokabular sonst zu Opalin- und Silbertönen neigt, ist der Farbton ein Ereignis. Wer etwas leisere Töne bevorzugt, findet sich beim goldfarbenen Opalin-Zifferblatt zuhause.
Die zweite Referenz ist ein stilleres Statement und ausschließlich in Blancpain-Boutiquen erhältlich: Das Edelstahlgehäuse mit massiven Ziffern aus 18-karätigem Gelbgold, ein goldfarbenes Opalin-Zifferblatt und ein olivgrünes Nubuk-Alligatorband – handgenäht, kostbar und bescheiden zugleich. Der Kontrast ist gewollt: Stahl und Gold, Klassizismus und eine Farbe, die die Villeret bisher kaum getragen hat.
Im Detail bringt auch das 38-Millimeter-Gehäuse die gestalterische Sprache, die Blancpain im Herbst 2025 über die gesamte Villeret-Linie eingeführt hatte: Die für die Balance neu dimensionierten römischen Ziffern bestehen aus massivem 18-karätigem Gold, satiniert auf den Oberflächen, poliert an den abgeschrägten Kanten. Anstelle der traditionellen XII steht das Monogramm JB – für den Firmengründer Jehan-Jacques Blancpain. Schlanke Zeiger tragen Super-LumiNova für die Lesbarkeit im Dunkeln, während bei drei Uhr ein vergrößertes Datumsfenster sitzt. Durch den Saphirglasboden gibt eine durchbrochene Schwungmasse – in Rotgold bei den Rotgold-Modellen, in Gelbgold bei den Stahlmodellen – den Blick frei auf das automatische Manufakturkaliber 1150 mit seinen 100 Stunden Gangreserve.
Technisch misst die Blancpain Villeret Ultraplate 38 Millimeter im Durchmesser lediglich 8,35 Millimetern Höhe, mit 43,35 Millimetern von Bandanstoß zu Bandanstoß. Das nur 3,25 Millimeter hohe Kaliber 1150 schwingt mit 3 Hertz, besitzt eine Siliziumspirale, 28 Steine und 210 Bauteile. Gehäuse und Boden bestehen aus Saphirglas, die Wasserdichtigkeit liegt bei 3 bar. Bänder und Schließen lassen sich werkzeuglos per Fingerdruck wechseln, die Garantie beträgt fünf Jahre. Preislich rangiert die Stahlversion bei 11.200 Euro, die Variante in 18-karätigem Rotgold bei 23.000 Euro.
Wenige Komplikationen gehören so sehr zu einer Manufaktur wie die Mondphase zu Blancpain. Passend dazu erscheint neben der 38er die Villeret Phases de Lune in einem 29,2-Millimeter-Gehäuse. In einer vergrößerten Öffnung setzt eine blaue Keramikscheibe einen applizierten, gewölbten und satinierten Mond aus 18-karätigem Gold mit dem charakteristischen Gesicht in Szene; eine mit Diamanten besetzte Lünette und ebensolche Indexe fangen das Licht, ein blauer Schlangenzeiger markiert das Datum. Im Inneren erlaubt das Automatik-Manufakturkaliber 913QL, den Kalender jederzeit ohne Risiko für die Werkmechanik zu verstellen. Die Phases de Lune kostet 17.850 Euro in Stahl und 25.550 Euro in Rotgold.
Die Geschichte und Anatomie der perfekten Dresswatch oder Anzuguhr hat meine Kollegin Antje Heepmann auf Swisswatches ausführlich beschrieben (hier nachzulesen). Kurz gefasst lautet die klassische Definition einer Dresswatch: Sie verfügt über ein Gehäuse aus Edelmetall oder poliertem Stahl, kommt auf höchstens 38 Millimeter im Durchmesser und neun Millimeter in der Höhe; eine glatte, schmale Lünette prägt ihren Look und sie verfügt über ein mechanisches Werk mit Stunde und Minute sowie maximal einer kleinen Sekunde – traditionell haben diese Uhren um der Schlankheit willen nicht einmal einen Sichtboden aus Saphirglas. Ein besonders aufgeräumtes Zifferblatt mit bevorzugt applizierten Indizes versteht sich von selbst, zurückhaltende Farbtöne wie Weiß, Champagner oder Silber sowie schlanke Zeiger in Dauphine- oder Baton-Form prägen oft diesen eleganten Look. Wichtig ist, dass diese Kriterien natürlich nicht in Stein gemeißelt sind, sondern lediglich einen groben Anhaltspunkt geben sollen. Es gibt auch größere, etwas verspieltere, oder eckige Uhren, die durchaus als Dresswatch durchgehen können.
Misst man die Blancpain Villeret Ultraplate in 38 mm an unseren eigenen Kriterien, fällt das Urteil klar aus: Die Geometrie sitzt sowohl in Stahl als auch 18-karätigem Gold perfekt. Sie steht mit exakt 38 Millimetern genau an der klassischen Obergrenze und bleibt mit 8,35 Millimetern Dicke unter der Neun-Millimeter-Marke. Das goldfarbene Opalin entspricht der zurückhaltenden Palette, die schlanken Zeiger der Tradition des Hauses und der Kategorie.
Viel beeindruckender sind hier die gewollten Abweichungen. Die doppelt gestufte Lünette ist Marken-DNA und entspricht gerade nicht der glatten Fassung der reinen Lehre – sie ist Blancpains wichtigste wiedererkennbare Signatur der Uhr. Das Werk ist das eigentliche Highlight: Automatik statt Handaufzug, dafür ultraflach gebaut, was viel aufwendiger ist bei der Höhe, da der Aufzugsrotor ja schließlich untergebracht werden muss. Damit nicht genug: Es gibt bei der Blancpain Villeret Ultraplate außerdem ein Datum und auch einen Saphirglasboden, beides zeugt von der herausragenden Qualität der Uhrenfertigung in Villeret, dem Ort in der Schweiz, wo die Manufaktur steht und nach dem die Uhrenlinie benannt wurde. Die statt applizierter Indizes bewusst gesetzten römischen Ziffern bestehen aus massivem Gold und runden das schlüssige Gesamtbild ab.
Die Blancpain Villeret Ultraplate in 38 mm erfüllt nicht nur alle Anforderungen an eine moderne Dresswatch, sondern ist schlicht ein neuer Benchmark an Schlankheit und Eleganz und behält dabei konsequent ihre eigenen Codes bei. Für Swisswatches ist sie klassisch genug, um die Tradition der Kategorie zu adeln, eigen genug, um auf den ersten Blick als Blancpain erkennbar zu sein.
Wie erinnern uns: Bereits im Herbst 2025 begann Blancpain, diese elegante Facette seiner Geschichte wieder ins rechte Licht zu setzen, mit einem erneuerten Fokus auf die Villeret-Linie: Unter dem Titel „Subdial Curates: The Villeret“ zeigte die Marke am 22. und 23. Mai 2026 gemeinsam mit der Londoner Uhrenplattform Subdial in deren Clubhouse in Farringdon eine kuratierte Ausstellung. Versammelt waren rund 20 bedeutende Blancpain-Referenzen, die den Bogen von ewigen Kalendern über Mondphasen und Minutenrepetitionen bis zur 1735 spannten. Blancpain wandte sich dafür an Jeffrey Kingston – einen angesehenen Sammler und Historiker, dessen jahrzehntelange Recherche zur Marke ihn zu einer der führenden Autoritäten von Blancpains Revival-Ära gemacht hat.
Wer sich jetzt fragt, ob Blancpain vielleicht nicht nur ultraflache elegante Dresswatches kann, liegt richtig: Wie weit das Level bei Blancpain reichte, bewiesen schon damals drei Stücke aus der Hochphase der Linie. Die Villeret Minute Repeater Automatic der Referenz 0035 verbarg eine der komplexesten Komplikationen der Uhrmacherei in einer ultraflachen goldenen Dresswatch, die bis heute unfassbar schlicht wirkt. Die 1735 Grande Complication vereinte Minutenrepetition, Tourbillon, einen ewigen Kalender und Schleppzeiger-Chronograph in einem Werk mit rund 740 Bauteilen, wobei ein einzelner Uhrmacher für die Montage eines Exemplars beinahe ein Jahr benötigte. Und die 34 Millimeter messende Villeret Quantième Perpétuel Chronographe der Referenz 5585 ist womöglich der ultimative Neo-Vintage-Geheimtipp: ein seltenes Dreifach-Komplikations-Meisterstück aus den 1990er-Jahren, von dem keine 400 Exemplare entstanden.
Credit © Christie’s | Antiquorum | Loupe This
In seinem Newsletter “About Time” hat Kingston jüngst über Neo-Vintage-Sammeln, die Quarzkrise und die Frage gesprochen, warum Sammler diese Uhren gerade mit neuen Augen sehen. Sein Urteil über die Krisenjahre fällt unmissverständlich aus: „Es war absolut elend“, sagt er dort. Unabhängige Marken hätten sich in jener Zeit zu Gruppen zusammengeschlossen, einfach um zu überleben – Blancpain ebenso wie Omega oder der Werkehersteller Nouvelle Lemania, allesamt unter dem Dach der SSIH. Wie dramatisch die Lage sei, lasse sich an einem Detail ablesen: Die Banken hätten damals Nicolas Hayek geholt, um das Unternehmen zu liquidieren. Hayek Senior hat das Unternehmen dann lieber gedreht als abgewickelt – einer jener Momente, die der gesamten Branche das Überleben sicherten und nicht nur die Bedingungen für Blancpains Wiederauferstehung schufen, sondern den Anfang vom Aufstieg der Swatchgroup bedeutete.
Credit © RDB
Kingston gewährt interessante Einblicke in die Anfangsjahre des Comebacks der Mechanik: Der eigentliche Treiber hinter Blancpain sei, anders als die Legende es will, nicht zuerst Biver gewesen, sondern Jacques Piguet, Eigentümer der Werkemanufaktur Frédéric Piguet, berühmt für ultraflache und hochkomplizierte Kaliber. Dessen Logik war schlicht: Er brauchte eine Marke, um seine Werke zu verkaufen – und holte sich mit Jean-Claude Biver den kommerziellen Kopf dazu. Bivers größter Coup war jener eingangs erwähnter Werbesatz, dass es seit 1735 nie eine Quarz-Blancpain gegeben habe und nie geben werde. Niemand ist hier daran gelegen, Bivers Können zu schmälern: Mythen machen bis heute den Großteil der Branche aus. Die Werbung wird bis heute nur knapp von Patek Philippes Diktum geschlagen, man besitze eine Patek nie wirklich, sondern bewahre sie nur für die nächste Generation auf.
Entscheidend für den Wiederaufstieg von Blancpain, und da stimmt Swisswatches dem Autor zu, ist aber nicht das Marketing gewesen, sondern die mechanische Überlegenheit der Uhren selbst: Reihenweise lieferte Blancpain damals echte uhrmacherische Premieren: Mit der 1185 zum Beispiel den dünnsten Automatik-Chronographen der Welt, noch dazu mit der ersten wirklich gut funktionierenden vertikalen Kupplung. Dazu gesellt sich die kleinste und flachste Minutenrepetition ihrer Art sowie das hauseigene fliegende Tourbillon.
Credit © Eppli
Blancpain brachte mit Hilfe von Frédéric Piguet solche Produkte lange vor der heute allseits bekannten Vertikalisierung der Branche. Das Frédéric-Piguet-Kaliber 1185 — das ultraflache Automatik-Chronographenwerk — wurde bereits 1988 vorgestellt. Blancpain zeigte im selben Jahr auf der Baselworld seinen ersten Chronographen, mit Flyback-Funktion und Automatik, nur 6,75 mm flach, auf Basis des Kalibers 1185. Neue Uhrwerke verschlingen Jahre der Entwicklung. Rolex führte als einer der größten mechanischen Hersteller der Welt erst 2000 sein eigenes Chronographenwerk ein, Patek Philippe folgte 2005 mit dem ultraflachen Schleppzeiger-Kaliber CHR 27-525 PS, und Vacheron Constantin stellte sein erstes modernes Inhouse-Chronographenwerk im Harmony Chronograph mit Monopusher-Kaliber 3300 zum 260-jährigen Jubiläum auf der SIHH 2015 vor. Blancpains Leistung ist heute, in Zeiten, in denen Vollmanufakturen mit feiner Mechanik wieder allgegenwärtig zu sein scheinen, für viele nur noch schwer nachvollziehbar.
Den Startschuss für die Linie markiert der Vollkalender mit Mondphase von 1983. Statt die Marke mit etwas Einfachem wiederzubeleben, hat Blancpain damals ein Statement gesetzt. Die Message lautete: Wir sind nicht bloß ein Uhrenhaus mit neuem Eigentümer, wir bauen einige der ambitioniertesten mechanischen Uhren der Welt.
Warum sollten Sammler gerade jetzt zugreifen? Weil diese Entwürfe, wie alle großen, zeitlos sind und schon jetzt über vierzig Jahre auf dem Markt sind (und sofort als Blancpain auszumachen sind). Spannend ist die Uhr auch deshalb, weil diese Phase der Uhrmacherei in vielerlei Hinsicht der Ausgangspunkt des heutigen Begriffs Neo-Vintage ist. Und für die Schnäppchenjäger: Bis heute sind die Preise der frühen Blancpains aus der Zeit ziemlich unterbewertet, um nicht zu sagen, sie sind ein Schnäppchen. Man kann durchaus komplizierte 34-Millimeter-Uhren von echter historischer Bedeutung erwerben, die elegant und erreichbar sind.
Die ganze Philosophie dieser Ära fasst die vorhin erwähnte „1735“ zusammen. Über Jahre war sie die komplizierteste automatische Armbanduhr der Welt – und, was sie noch eindrucksvoller macht, sie wurde entworfen und gebaut, bevor es computergestütztes Design von Gehäusen und Uhrwerken überhaupt gab. Sie ist klassische Uhrmacherei, getrieben bis ans Limit. In dieser Zeit hat Jean Claude Biver tatsächlich im Dachstuhl jenes Bauernhauses gewohnt, in dem Frédéric Piguet 1860 begonnen hatte, Uhrwerke zu entwickeln. Laut Kingston soll er unten bei den Uhrmachern gearbeitet haben, bis seine Frau über ihm auf den Fußboden stampfte, um zu signalisieren, dass es Zeit sei, Feierabend zu machen. Für die Uhrmacherei war es gut, dass er zu oft zu spät kam.
Es sind gerade jene Marken, deren Wert die Sammlerszene noch nicht vollständig erfasst hat, die den wahren Reiz des Sammelns und Entdeckens ausmachen – das Gefühl, einer Geschichte auf die Spur zu kommen, bevor der Markt sie eingepreist hat. Blancpain hat das Comeback der Fifty Fathoms erfolgreich auserzählt. Mit der Villeret 40 startete 2025 die Rückbesinnung auf die eigene Hochkultur. Mit der Blancpain Villeret Ultraplate in 38 mm hat die Marke tatsächlich das Potenzial, ganz neu gesehen und schließlich bewertet zu werden. Und behält einen Vorteil: Allein schon von den maximal möglichen Stückzahlen der Manufaktur her kann diese Uhr dabei gar nicht zu präsent in der Öffentlichkeit werden. Es ist die Uhr für alle, die durch Argumente überzeugen wollen. Und sie wissen: Das am leisesten vorgetragene Argument bleibt langfristig oft das Überzeugendste.