Wenn ich im Laufe der vielen Jahre meiner Uhrenpassion etwas gelernt habe, dann ist es, dass man Uhren ausnahmslos immer erst bewerten sollte, wenn man sie live gesehen und zumindest einmal ans Handgelenk gelegt hat. Kein Foto auf dieser Welt kann einem die Haptik, den Tragekomfort und einen emotionalen Wert übermitteln.

Und das wurde mir erst kürzlich wieder ins Bewusstsein gerufen, als ich im April den Norqain-Stand im Rahmen der Watches & Wonders besuchte und mir CEO und Gründer Ben Küffer seinen neue Wild One Skeleton Chrono in die Hand drückte. Ich hatte zuvor schon ein paar Pressefotos gesehen, die nett aussahen, und auch die DNA der Marke sofort erkennbar war, aber was dann geschah, änderte meine Wahrnehmung (mal wieder) schlagartig.

Ich hatte im Jahr zuvor schon die neue Wild One Skeleton – in 39 mm und mit 64 Gramm federleicht – am Handgelenk, die live unglaublich gut aussah und sich wie eine zweite Haut trug. Zum ersten Mal hat Norqain der Linie nun einen Chrono verpasst und das Zifferblatt außerdem skelettiert, also war ich ein wenig skeptisch, ob das deutlich wuchtigere 42-mm-Gehäuse sowie der offene Blick ins Werk noch dieselbe Tragbarkeit haben würden, die ich von den Vorgängermodellen der Marke gewohnt war. 

Und ja, auch der neue Wild One Skeleton Chrono machte am Handgelenk eine erstaunlich gute Figur für eine 42-mm-Uhr. Und nicht nur das, auch Haptik und Ästhetik sind live bemerkenswert – die Uhr wirkt robust, gleichzeitig aber luftig-leicht und überall finden sich spannende Details, die entdeckt werden wollen, von schwebenden Scheiben bis hin zu einer Pulsometer-Anzeige. 

Doch wie hat das Norqain geschafft? Da man auf der Messe immer nur einen flüchtigen Eindruck von den Neuheiten bekommt und meistens nicht länger als 30 Minuten Zeit hat pro Besuch für Begrüßung, Small Talk, Präsentation, Fotos, habe ich das Norqain Team im Anschluss gebeten, mir die neue Wild One Skeleton Chrono doch noch mal für ein paar Wochen zur Verfügung zu stellen. Und dann war sie da, und es dauerte nicht lange, bis wir uns ziemlich anfreundeten. 

Die Anfänge der Wild One Kollektion 

Die Wild One wurde 2022 lanciert und entstand aus einer Idee der Schweizer Uhrenlegende Jean-Claude Biver, der dem Vorstand von Norqain als strategischer Berater zur Seite steht. Er forderte das Team rund um Ben Küffer heraus, eine völlig neue, ultraleichte und stoßfeste Sportuhr zu entwerfen, die sich radikal vom traditionellen Markt abhebt. Ben Küffer kontaktierte dafür den Gehäusespezialisten BIWI S.A, die für Norqain eine komplett neue Materialkomposition namens NORTEQ entwickelten. 

Pascal Bourquard Jr. (CEO von BIWI S.A.) hielt die Realisierung eines farbigen Carbon-Polymer-Verbundstoffs anfänglich für unmöglich. Doch Biver drängte beharrlich auf weitere Forschungszyklen – mit Erfolg. Ähnlich verhielt es sich mit den charakteristischen Gehäuseschrauben: Während anfangs aus Kostengründen flache Standardschrauben präferiert wurden, setzte Biver speziell geschmiedete, angewinkelte Schrauben durch. Diese folgen exakt der abfallenden Linienführung der Gehäusehörner und verleihen der Uhr ein gestalterisches Niveau, das in dieser Preisklasse außergewöhnlich ist. 

Moderner Hochleistungssportzeitmesser

Die Herausforderung mit klassischen Chronographen ist, dass sie aufgrund ihrer filigranen Mechanik und der Vielzahl interagierender Hebel und Räder sehr stoßempfindlich sind. Die Integration eines solchen Werks in eine Hochleistungs-Sportuhr erfordert eine Gehäusekonstruktion, die Erschütterungen mechanisch absorbiert, bevor sie das Werk erreichen. Der Wild One Skeleton Chrono löst diese Herausforderung durch eine patentierte Gehäusearchitektur, die aus mehr als 33 präzise aufeinander abgestimmten Einzelkomponenten besteht.

Das tragende Fundament bildet ein Gehäuse-Innenbehälter aus sandgestrahltem Titan, in dem das mechanische Uhrwerk sicher fixiert ist. Dieser Metallbehälter wird von einem elastischen, stoßabsorbierenden Kautschuk-Dämpfer umschlossen. Der Kautschukkern wiederum ruht in einem schützenden Außenkäfig, der aus einem oberen und unteren Gehäuseteil aus schwarzem NORTEQ besteht. NORTEQ ist ein hochentwickeltes Kohlefaser-Polymer-Verbundmaterial mit einer speziellen Polymermatrix, das sechsmal leichter ist als Stahl und 3,5-mal leichter als Titan.

Und wenn man die Uhr anlegt, spürt man das sofort: Mit 42 mm Durchmesser ist sie präsent, aber federleicht. Und sie hält ordentlich was aus. Schocks bis zu 5.000 g steckt dieses Gehäusesandwich weg. Trotz dieser mechanisch entkoppelten Struktur bleibt die Krone verschraubt, und die Uhr ist bis zu stolzen 200 Metern wasserdicht.

Hochwertiges Chronographenwerk

In der neuen Wild One Skeleton Chrono läuft das exklusive NORQAIN 8K-Manufakturkaliber (NK24/1), das in Kooperation mit AMT, der für High-End-Komplikationen zuständigen Division von Sellita, entwickelt wurde. Die Basis bildet das bewährte Chronographenkaliber SW500, welches jedoch für Norqain einer tiefgreifenden konstruktiven Überarbeitung unterzogen wurde.   

Anstelle einer klassischen Kulissenschaltung steuert ein präzise gearbeitetes Schaltrad (Column Wheel) die Chronographenfunktionen, was sich in einer spürbar definierten, weichen Haptik beim Betätigen der Drücker äußert. Hinzu kommt die namensgebende Flyback-Funktion. Ein Druck auf den unteren Drücker bei 4 Uhr ermöglicht das sofortige Nullstellen und den synchronen Neustart des laufenden Chronographen-Sekundenzeigers, während der obere Drücker bei 2 Uhr die klassische Start-Stopp-Sequenz steuert. Mit einer Gangreserve von 62 Stunden und der offiziellen COSC-Chronometer-Zertifizierung reden wir hier von einem einwandfreien und hochwertigen Schweizer Uhrwerk. 

Zifferblatt: gut lesbar, trotz Skelettierung

Skelettierte Uhren sind zwar von der Idee her fantastisch, da sie möglichst viel von der Mechanik zeigen, um die sich ja (fast) alles dreht bei mechanischen Uhren, allerdings beeinträchtigen sie oftmals auch die Ablesbarkeit der Anzeigen – und das stört viele Uhrenenthusiasten. 

Norqain löst das durch einen gestalterischen Kniff: Die traditionellen Hilfszifferblätter bei 12 Uhr (30-Minuten-Zähler) und bei 6 Uhr (laufende Sekunde) wurden durch hauchdünne, transparente Saphirglasscheiben ersetzt. Auf diesen rotierenden Scheiben sind lediglich dezente, weiße Zeigerpfeile aufgedruckt. Diese Konstruktion bewahrt die optische Tiefe des skelettierten Werks und gibt den Blick auf die charakteristische Norqain-Bergbrücke frei, ohne dass die Erfassung der gestoppten Zeit zur Herausforderung wird. Für den kontrastreichen Akzent bei schwierigen Lichtverhältnissen sorgt die türkisfarbene Super-LumiNova®-Füllung auf den diamantgeschliffenen Zeigern und Indizes. 

Ich persönlich finde Skelettierungen gut, wenn das Werk darunter aufwendig von Hand finissiert ist. Es offenbart Dekorationen, die sonst im Verborgenen bleiben würden. In diesem Fall ist das Werk maschinell hergestellt – ich kann Norqains Motive dennoch verstehen, es ist einfach für viele faszinierend, die Mechanik und die sich bewegenden Komponenten zu sehen. Außerdem passt es hier zum Konzept einer ultraleichten Sportuhr, möglichst effizient und materialsparend zu arbeiten. 


The dialside of the Norqain Wild One Skeleton 42 mm Purple presents itself with purple details.

Wer Violett bevorzugt, sollte sich die limitierte Wild One Skeleton Purple ansehen – Mehr dazu hier


Warum eigentlich eine Pulsometerskala?

Pulsmesser als Funktion bei einem Chronographen sind nicht neu, kommen aber heute kaum noch zum Einsatz. Ben Küffer erklärte mir im Gespräch dazu, dass ihre Kundschaft sportlich und zugleich gesundheitsbewusst ist und damit über ihre Lieblingsuhr auch ihre Herzfrequenz immer im Blick haben können, wenn sie sich sportlich betätigen. Ein schönes Detail, wie ich finde. 

Komfort-Armband

Geliefert wird die Wild One Skeleton Chrono in Schwarz oder Türkis an einem strukturierten Kautschukband in Mesh-Optik, wahlweise in schlichtem Schwarz oder eben passend in lebendigem Türkis. Wer es klassisch und leicht mag, wählt die NORTEQ-Dornschließe, für mehr Komfort gibt es die Faltschließe.

Mein Fazit 

Sicherlich ist ein Einstiegspreis von knapp 8.000 EUR für eine vergleichsweise junge Marke eine ambitionierte Positionierung. Betrachtet man jedoch die Fertigungstiefe, die konsequente „100 % Swiss Made“-Wertschöpfung im Dreieck Jura-Biel-Neuenburg und die physikalische Innovationskraft, relativiert sich dieses Urteil rasch.

Dass dieses Konzept im harten Alltag besteht, beweist nicht zuletzt der Einsatz auf dem Court: Tennisprofi Stan Wawrinka trägt den Zeitmesser regelmäßig während seiner hochintensiven Profi-Matches – eine Belastung, der die meisten mechanischen Chronographen nicht standhalten würde. Und auch wenn Stan Wawrinka direkt an der Marke beteiligt ist, würde er seine Performance sicherlich nicht aufs Spiel setzen, wäre der Chronograph nicht ultra-bequem zu tragen und somit keine Beeinträchtigung beim Spiel. Und genau darin liegt für mich die Faszination an den Uhren von Norqain.


norqain.com


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